Vergewaltigungsprozess: Der "Trottel" und die "Dramaqueen"

7. Juni 2017, 06:00
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Ein 36-Jähriger soll seine Freundin jahrelang misshandelt und einmal vergewaltigt haben. Er spricht von einer turbulenten Beziehung

Wien – Es gibt zwei Möglichkeiten: Thomas K. ist ein Vergewaltiger und brutaler Schläger, der seine Partnerin über Jahre hinweg malträtiert hat. Oder die Frau verleumdet ihn aus unerfindlichen Gründen. Welche Variante stimmt, muss der Schöffensenat unter Vorsitz von Martina Hahn herausfinden.

Der 36-Jährige bekennt sich nicht schuldig. Zu Beginn seiner Einvernahme wirkt er noch souverän und gelassen, im Laufe des Verfahrens echauffiert er sich aber immer mehr. Über die Anschuldigungen, die die 25-Jährige gegen ihn erhebt.

Kennengelernt hat sich das Paar 2009 über das Internet. Relativ bald danach sei er mit ihr und ihrem neugeborenen Sohn, der nicht von ihm stammt, in das große Haus des Vaters nach Deutschland übersiedelt.

Jahrelange On/Off-Beziehung

Man trennte sich, K. kam in Deutschland bei einem Freund unter. Dann schmiss der Vater die junge Frau aus dem Haus, man wurde wieder ein Paar und ging 2011 nach Wien zurück. Es folgte eine On/Off-Beziehung mit mehreren Wohnungswechseln.

Im Dezember 2012 erstattete der siebenfach Vorbestrafte eine Selbstanzeige, da er seiner Partnerin ins Gesicht geschlagen und so einen Kratzer an der Nase verursacht hat. Im Oktober 2014 ging dagegen Frau T. zur Polizei. Allzu schlimm kann die Verletzung auch in diesem Fall nicht gewesen sein, K. wurde zu sechs Wochen bedingt verurteilt und mit einem Betretungsverbot belegt.

"Nicht Prinzessin spielen"

Doch man versöhnte sich wieder, die Konflikte gingen weiter. "Es gab jeden Tag Streitereien, sie ist eine Dramaqueen", behauptet der Angeklagte. Mehrere Umstände regten ihn auf. Erstens suchte sie sich angeblich keinen Job. "Ich will, dass eine Frau zumindest 20 Stunden arbeiten geht und nicht Prinzessin spielt, die nichts macht."

"Sie war relativ entspannt, wenn sie bekam, was sie wollte. Wenn nicht, ist sie provokant geworden und hat mich auch erpresst." Außerdem habe sie ihn immer wieder körperlich attackiert, er habe sich maximal gewehrt.

Im Sommer 2015 sei Frau T. wieder nach Deutschland gezogen, wieder schmiss sie ihr Vater aus dem Haus, im Februar 2016 kontaktierte sie den Angeklagten wieder. "Ich, der Trottel, habe wieder einmal die Tür aufgemacht."

Rausschmiss aus Obdachlosenheim

Seine Erklärung dafür: Es ging ihm um den heute achtjährigen Sohn der Frau, den er als sein eigenes Kind sehe. Die Wohnsituation verbesserte sich nicht, die Patchworkfamilie kam in einem Wohnheim für Obdachlose unter. Aus dem K. hinausgeschmissen wurde, nachdem die Frau ihm bei Betreuern psychische Gewalt vorgeworfen hatte.

Der Angeklagte zog in die Wohnung seines Cousins. Nach kurzer Zeit zog auch T. mit dem Kind dort ein. Besser wurde die Beziehung nicht, im Juli 2016 zog sie in ein Frauenhaus. Drei Monate später erstattete sie Anzeige.

Warum, wird bei der kontradiktorischen Einvernahme der 26-Jährigen klar. Sie behauptet, der Angeklagte habe sie seit 2012 regelmäßig geschlagen, getreten und ihr die Haare büschelweise ausgerissen. Er sei extrem aufbrausend und eifersüchtig gewesen, habe ihr verboten, arbeiten zu gehen. Im Juni 2016 soll er sie schließlich vergewaltigt haben, was er zuvor schon einmal erfolglos probiert habe.

Mysteriöse Nachbarin

Dann zeigt sich, dass die Staatsanwaltschaft sich keine überbordende Mühe gemacht haben kann. T. behauptet beispielsweise, eine Nachbarin habe gesehen, wie K. vor der Wohnungstüre auf sie eingetreten habe. Den Namen der Nachbarin will sie nicht nennen, offenbar bekam aber auch die Polizei nie den Auftrag, die Frau auszuforschen.

Es gab auch einen Besuch in einer psychiatrischen Klinik. Bei den Umständen, wie es dazu gekommen ist, widersprechen sich der Angeklagte und die Zeugin. Sie behauptet jedenfalls, er habe sie misshandelt, in der Klinik habe sie bei einer Psychiaterin eine Stunde nur geweint.

Die Krankengeschichte von damals ist auch nicht im Akt. Am ersten Verhandlungstag verspricht die Privatbeteiligtenvertreterin, die für ihre Mandantin 10.000 Euro will, zwar, sie nachzuliefern. Das passiert nicht, also kümmert sich die Vorsitzende selbst darum. Ergebnis: Es gab keine Hinweise auf Misshandlungsspuren. T. beschuldigt auch die Polizei, mehrere Anzeigen nicht einmal aufgenommen zu haben.

Frau reagiert ausweichend

Unklar bleibt, warum sie bei ihrer Anzeige im Oktober 2014 nicht die angeblich jahrelangen Misshandlungen erwähnt hat. Ausweichend reagiert die Zeugin auch auf die Frage, warum sie immer wieder mit K. zusammengezogen sei. Dann offenbart sie noch, dass der Vater ihres Kindes ihr eigener Stiefvater gewesen sei.

Der Cousin des Angeklagten sagt relativ glaubwürdig aus. Ja, sein Verwandter sei eifersüchtig gewesen. Aber zu Recht, da ihm T. selbst von Seitensprüngen erzählt habe. Es habe auch ständig Streit gegeben. "Ich musste immer wieder dazwischen gehen und sie trennen, sonst hätte er sie vielleicht geschlagen." Zugeschlagen habe K. in seiner Gegenwart aber nie, was passierte, wenn er nicht da war, kann er nicht sagen. Verletzungen habe er jedenfalls nie bemerkt.

Zweimal will er aber wiederum Angriffe der Frau beobachtet haben, die darüber hinaus oft provokant gewesen sei. Dass er aber zu ihr gesagt habe: "Geh bitte, sonst bringt er Dich noch um!", bestreitet er. "Nein, ich habe zu beiden immer wieder gesagt, sie sollen sich trennen, da die Beziehung ja nichts mehr bringt."

Streitereien und Eifersucht

Am zweiten Verhandlungstag sagt auch ein zweiter Wohnungsgeber aus. Auch er spricht von ständigen lautstarken Streitereien und Eifersuchtsszenen vonseiten des Angeklagten. Einmal habe er aus dem Zimmer des Paares einen "Knaller" gehört, Näheres kann er dazu aber nicht sagen.

Verletzungen habe er aber nie bemerkt. Amüsant findet er die Behauptung von Frau T., K. habe ihr einmal zwei Drittel der Haare ausgerissen. "Nein, das stimmt sicher nicht", sagt der Zeuge. "War Frau T. eine Dramaqueen?", fragt Hahn nach. "Die beiden haben sich gesucht und gefunden", antwortet der Zeuge lapidar.

Um kurz darauf konkreter zu werden: "Ich weiß nicht, warum sie überhaupt eine Beziehung hatten. Sie hatten Angst voreinander, aber sich gegenseitig in Schach gehalten. Und sie war das Öl in seinem Feuer", verweist er auf Provokationen.

Darstellung nicht nachvollziehbar

Am Ende glaubt der Senat K. und fällt einen nicht rechtskräftigen Freispruch. Viele Darstellungen der Frau habe man einfach nicht nachvollziehen können. Etwa dass sie während der angeblichen Vergewaltigung ganz leise geblieben sei, um ihren Sohn nicht aufzuwecken. Denn gleichzeitig sei vor ihm so laut gestritten worden, dass es zu Polizeieinsätzen gekommen sei.

Auch dass sie trotz zweiwöchiger Blutungen nicht zum Arzt gegangen sei und auch sonst niemand Verletzungen bemerkt hat, macht sie nicht glaubwürdiger. (Michael Möseneder, 7.6.2017)

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