Das Rätsel um Baby Louie ist gelöst

9. Mai 2017, 18:34
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1996 sorgte das Fossil eines Dinosaurier-Embryos für Schlagzeilen. Laut einer neuen Studie war Beibeilong sinensis der größte bekannte Dino, der auf Nestern brütete

Peking/Wien – Ende der 1980er Jahre setzte in China eine ähnliche paläontologische Goldgräberstimmung ein wie ein Jahrhundert zuvor in Nordamerika mit seinen "Bone Wars". Fossilien wurden massenweise ausgegraben und oft auch unkontrolliert außer Landes geschafft.

Unter den kreidezeitlichen Fundstücken, die in die USA gingen, sollte eines besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen: Es handelte sich um das Fossil eines Dinosaurier-Embryos, das über die Abdrücke mehrerer Eier drapiert war – Relikt eines Geleges, das Bauern in der Provinz Henan im Osten Chinas gefunden hatten. Genauer Ort und Umstände des Funds waren unbekannt, ebenso wie die Antwort auf die Frage, welcher Spezies der 38 Zentimeter lange Embryo zuzuordnen sei.

illustration: zhao chuang
Aus seiner gekrümmten Körperhaltung schlossen Forscher, dass sich Louie zum Zeitpunkt seines Todes noch innerhalb der Eierschale befand.

Als Coverstar von "National Geographic" wurde Baby Louie, wie das spektakuläre Fossil bald genannt werden sollte, im Mai 1996 berühmt. Es wurde vom Children’s Museum of Indianapolis erworben, war dort zwölf Jahre lang ausgestellt und kehrte nach langen Verhandlungen schließlich 2013 nach China zurück.

In der Folge konnte anhand vergleichbarer Eier-Fossilien nicht nur der mutmaßliche Fundort identifiziert werden. Es waren nun auch genauere Untersuchungen als bisher möglich – mit dem Ergebnis, dass es sich um eine bisher nicht bekannte Spezies handelt. Ein Paläontologenteam aus China, Kanada und der Slowakei gab ihr den Namen Beibeilong sinensis ("Chinesischer Babydrache") und stellte die Ergebnisse seiner Analyse im Fachmagazin "Nature Communications" vor.

Riesiger Vogelverwandter

Beibeilong lebte vor 90 bis 100 Millionen Jahren, lief auf zwei Beinen und zählte zur erweiterten Vogelverwandtschaft. Mit einer schnabelähnlichen Schauze und einer Ganzkörperbefiederung sah er auch sehr vogelähnlich aus – nur seine Größe untergräbt den Vergleich: Das Team um Hanyong Pu vom Geologischen Museum Henan errechnete aus dem Vergleich mit nahe verwandten Spezies, dass Beibeilong ausgewachsen bis zu acht Meter lang und über eine Tonne schwer wurde. Da bei Dinos aus dieser Gruppe auch Schädelkämme verbreitet waren, vergleicht Darla Zelenitsky von der Universität Calgary Beibeilong mit einem übergroßen Kasuar.

illustration: zhao chuang
Fast wie ein Vogelnest, nur mit etwas anderen Dimensionen: Auf einem Nest von der Größe eines Monstertruck-Reifens saß bei Beibeilong sinensis eine tonnenschwere Glucke.

Besagte Verwandte sind die Oviraptorosauria, eine Bezeichnung, in der das Wort "Eierdieb" steckt: Als 1924 der namensgebende Oviraptor entdeckt wurde, konnte man sich nämlich noch nicht vorstellen, dass die vermeintlich primitiven Dinosaurier Brutpflege betrieben hätten. Das zusammen mit Überresten von Eiern gefundene Oviraptor-Fossil wurde daher für das Zeugnis eines kreidezeitlichen Plünderungsakts gehalten.

Doch die Oviraptorosauria, die im Schnitt deutlich kleiner als Beibeilong waren, saßen wie viele andere Dinosaurier brav auf ihren Nestern. Im Fall von Beibeilong hatten diese etwa zwei Meter Durchmesser – "größer als die Reifen eines Monstertrucks", wie die an der Studie beteiligten kanadischen Forscher sagen. In einem solchen Nest waren zwecks Bebrütung ringförmig Eier angeordnet, für die es sogar eine eigene "Eier-Speziesbezeichnung" gibt: Macroelongatoolithus. Man hat sie schon in verschiedenen Regionen Asiens und Nordamerikas gefunden, riesenhafte Oviraptor-Verwandte waren also offenbar weit verbreitet.

foto: darla zelenitsky, university of calgary
Das Beibeilong-Fossil war in den 90ern in unbearbeitetem Zustand in die USA gelangt, eine gründliche Untersuchung folgte erst später.

Die Eier selbst waren 45 Zentimeter lang und bis zu fünf Kilogramm schwer, womit sie zu den größten bekannten Dino-Eiern der Welt zählen. Selbst die gigantischen Sauropoden schlüpften aus keinen größeren. Denn die Physik setzt der Größe von Eiern eine natürliche Größe: Mit steigenden Ausmaßen müsste die Schale immer dicker werden, damit das Ei stabil bleibt. Doch muss sie auch dünn genug bleiben, damit der Embryo im Inneren nicht erstickt.

Bei der Körpergröße ausgewachsener Dinosaurier war die Palette hingegen wesentlich umfangreicher. Mit ihr dürfte sich auch der Grad an Brutpflege stark unterschieden haben, da es wohl selbst ein Fünf-Kilo-Ei nicht verkraftet hätte, wenn sich eine 80 Tonnen schwere Mutter auf ihm niederlässt. Wie eine Glucke auf dem Ei zu sitzen, konnten sich daher nur die Angehörigen kleinerer Spezies leisten. Unter diesen war Beibeilong sinensis laut den Forschern der größte bekannte Dino, der je tatsächlich auf seinem Nest saß. (Jürgen Doppler, 9. 5. 2017)

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