Prozess um angezündeten Obdachlosen in Berlin gestartet

9. Mai 2017, 12:56
51 Postings

Sieben junge Flüchtlinge angeklagt – 37-Jähriger hätte "qualvoll verbrennen" können – Staatsanwaltschaft vermutet Tat aus Langeweile

Berlin – In Berlin müssen sich seit Dienstag sechs junge Flüchtlinge wegen versuchten Mordes vor Gericht verantworten. Sie sollen versucht haben, in der Nacht auf 25. Dezember 2016 in einem Kreuzberger U-Bahnhof einen schlafenden Obdachlosen anzuzünden. Einem weiteren Angeklagten wird unterlassene Hilfeleistung zur Last gelegt.

Nur durch das Eingreifen von Fahrgästen konnte laut Staatsanwaltschaft Schlimmeres verhindert werden. Sie löschten demnach die Flammen, der damals 37-jährige Obdachlose aus Polen wurde gerettet. Die 16- bis 21-Jährigen hätten billigend in Kauf genommen, dass der Mann selbst hätte Feuer fangen und "qualvoll verbrennen" können, heißt es in der vor dem Landgericht verlesenen Anklage.

Der Angriff hatte deutschlandweit Entsetzen ausgelöst. Von der Polizei veröffentlichte Überwachungsaufnahmen zeigten lachende Männer, die sich vom Bahnhof entfernten, als das Feuer bereits auf die Kopfunterlage des Obdachlosen übergriff.

Staatsanwalt: "Heimtücke und Grausamkeit"

Staatsanwalt Martin Glage sagte vor Journalisten, die Anklage gehe "von Heimtücke und Grausamkeit aus". Dies sind wesentliche Merkmale für einen Mordvorwurf. Die jungen Männer – sie wurden Syrien bzw. Libyen geboren – hätten zwar keine Mordabsicht gehegt, den Tod des Manns aber billigend in Kauf genommen. Es handle sich mutmaßlich um "eine spontane Tat aus Langeweile".

Nur der zur Tatzeit 21-jährige Hauptbeschuldigte Nour N., der das Feuer entzündet haben soll, ist als Erwachsener angeklagt. Die übrigen werden als Jugendliche behandelt oder als Heranwachsende – und damit als Erwachsene mit verminderter Schuldfähigkeit.

Die meisten Angeklagten waren als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland gekommen und zum Tatzeitpunkt in einer Unterkunft untergebracht. Die Polizei nahm die jungen Männer nach der Veröffentlichung der Überwachungsaufnahmen am Tag nach dem Angriff fest. (APA, AFP, 9.5.2017)

    Share if you care.