Erstes Eurovision-Semifinale: Was uns heute Abend erwartet

Blog9. Mai 2017, 12:15
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Werft die Windmaschinen an, bereitet euer Bingospiel vor, lernt, auf Ukrainisch "Prost" zu sagen ("Budjmo!" übrigens), und lehnt euch zurück. Österreich kann heute ohnehin noch nicht abstimmen

Mit Schweden, Finnland, Aserbaidschan, Portugal und Armenien treten am Dienstag in Kiew gleich fünf Acts auf, die am Samstag gute Chancen haben, auf dem Scoreboard weit oben zu landen. Ob Favoriten straucheln, ist also der spannendste Teil dieses Semifinales. Der im Vorfeld bejubelte belgische Beitrag, der bei den Buchmachern wochenlang in den Top 3 zu finden war, ist so ein Kandidat.

Die Show beginnt jedoch mit einem Favoriten auf den Sieg heute Abend. Die genauen Resultate werden wir aber erst nach dem Finale am Samstag erfahren. Heute werden wir dafür wissen, welche zehn Kandidaten es ins Finale am Samstag geschafft haben und welche acht nach Hause fahren müssen.

1. Schweden: Robin Bengtsson – I Can't Go On

foto: thomas hanses (ebu)
Schweden ist traditionell immer Favorit. Robin Bengtsson auf seinem Laufband macht da keine Ausnahme.

Wie bereits in der schwedischen Vorausscheidung beginnt der Auftritt im Backstagebereich, der sich nach und nach auf die Bühne verlagert. Im Inszenieren von TV-Auftritten waren die Schweden schon immer genial. Das "fucking beautiful" wurde brav und regelkonform in "freaking" geändert. Robin steht mit seinen Tänzern auf fünf Laufbändern und präsentiert seinen Beitrag sehr gekonnt. Schweden ist traditionell immer ein Kandidat für den Sieg. Slick, cool, perfekt, aber schon auch sehr blutleer, das. Ich glaube übrigens nicht an einen schwedischen Sieg 2017.

Tipp: weiter

2. Georgien: Tamara Gachechiladze – Keep The Faith

Was wäre der Song Contest ohne lauthals vorgetragene Balladen, die den Weltfrieden herbeischreien wollen? Ohne bedeutungsschwangere Gesten und dramatische rote Kleider? Georgien macht genau das, und das gar nicht einmal so schlecht. Singen kann sie jedenfalls. Allerdings hat man solche Balladen einfach schon viel zu oft gehört. Wenn es sich ausgeht, dann nur knapp. (Die georgischen Journalisten, die gerade beim Tippen dieses Artikels neben mir sitzen, glauben nicht ans Finale.)

Tipp: Wackelkandidatin

3. Australien: Isaiah – Don't Come Easy

Der erst 17-jährige Isaiah vertritt Australien. Das Land ist seit Wien 2015 fixer Bestandteil der Eurovision. Auch 2017 schickt Down Under einen Song, von dem man dachte, er könnte weit vorne mitmischen, ein Siegesfavorit ist der X-Factor-Sieger aber wahrlich nicht. Die Auftritte bei den Proben waren sehr enttäuschend und langweilig. Der Song und die Performance kommen nie wirklich in Fahrt.

Tipp: Wackelkandidat

4. Albanien: Lindita – World

Allen Anhängern eines Kopftuchverbots sei gesagt: Die Kopfbedeckung wird im Lauf der Performance abgenommen. Sehr dramatisch, was Lindita da vorträgt, mit Orchesterklängen, Stimmakrobatik und klassischem ESC-Songaufbau. Das Drama und die Akrobatik entwickeln sich aber zunehmend zu einem Schreien, sodass man befürchtet, die Ohren beginnen sogleich zu bluten. Keine Ahnung, wem so was gefallen soll.

Tipp: raus

5. Belgien: Blanche – City Lights

Der Contest der 17-Jährigen wird mit Blanche aus Belgien fortgesetzt, und sie erleidet dasselbe Schicksal wie Australien, allerdings in noch viel schlimmerem Ausmaß. "City Lights" ist bestimmt der beste Song dieses Jahrgangs für Charts und Dauereinsatz in Radios. Belgien galt als Mitfavorit – bis zur ersten Probe. Scheinbar teilnahmslos steht sie auf der Bühne und macht Gesten, bei denen man nicht weiß, warum sie sie macht. Vermutlich, weil ein Choreograf ihr gesagt hat, dass sie das machen soll, und sie nie nachgefragt hat, warum eigentlich. Es ist wirklich traurig zu sehen, wie eine so großartige Elektropop-Nummer so den Bach runtergehen kann.

Tipp: Wackelkandidatin, vermutlich raus

6. Montenegro: Slavko Kalezić – Space

foto: thomas hanses (ebu)
So einen Zopf muss man nicht nur flechten, sondern auch inszenieren. Montenegro schickt 2017 den queersten Act der diesjährigen ESC-Ausgabe.

Das ist genau das, wovon der ESC seit Jahrzehnten lebt und was er braucht. Schräge Typen, die sich nix scheißen. Slavko ist einfach großartig, auch wenn er eigentlich nicht singen kann. Er hat sich einen Zopf an den Kopf geklebt und diesen zu einer richtigen Marke entwickelt. Auch das Kostüm ist herrlich schräg. Er hat einen Rock, durchsichtiges Netz, unter dem sein gestählter Körper sichtbar ist, und singt seinen Discosong. Bitte, lasst das am Samstag noch einmal auftreten. So was Queeres braucht es einfach bei diesem Gesangsbewerb.

Tipp: Wackelkandidat

7. Finnland: Norma John – Blackbird

foto: thomas hanses (ebu)
Intim und schaurig-schön: Finnland begeistert mit düsteren Klängen.

Jetzt wird es düster, und düster muss nicht unbedingt schlecht sein. Im Gegenteil: Finnland ist einer dieser unberechenbaren Beiträge, die am Ende überall landen können. Ich vermute, sehr weit vorne. Starke und stimmige Performance, was das finnische Duo da abliefert. Das Klavier wird übrigens nicht in Makemakes-Manier abgefackelt, sondern es raucht lediglich raus. Richtig schön!

Tipp: weiter

8. Aserbaidschan: Dihaj – Skeletons

Diese Performance spaltet die Fans vor Ort. Manche finden den Pferdekopf innerhalb der kreidebeschmierten Wände albern, andere finden es großartig. Der Song ist zeitgemäßer Pop. Dihaj ist in ihrer Heimat schon viele Jahre aktiv und sehr populär. Der Song wird viele überzeugen, auch wenn es nicht für die Top 5 reichen wird.

Tipp: weiter

9. Portugal: Salvador Sobral – Amar Pelos Dois

foto: andres putting (ebu)
Er hat es doch noch rechtzeitig nach Kiew geschafft. Vom Krankenhaus kommend, stand Mitfavorit Salvador Sobral am Sonntag auf dem Red Carpet bei der ESC-Eröffnung.

Portugal ist seit 1957 dabei und konnte noch nie gewinnen. Wenn es also ein Land verdient hätte, dann dieses. Mit Salvador Sobral sind die Chancen so hoch wie noch nie! Er kam erst zwei Tage vor seinem Einsatz nach Kiew, da er sich davor einer Operation unterziehen musste. Das von seiner Schwester komponierte Lied ist eindringlich, zeitlos und wunderschön. Als ob ein Beitrag aus den Sechzigern nach Kiew gebeamt worden ist. Er steht auf seiner kleinen Plattform mitten im Publikum und muss gar nicht viel tun, und er musste auch nicht wirklich viel proben. Er muss nur er selbst sein und singen. Mehr nicht. Das wird ganz viele Generationen berühren. Das Besondere an diesem Song: Nachher ist man einfach glücklich.

Tipp: weiter, vermutlich der Sieger dieses Abends

10. Griechenland: Demy – This Is Love

Für alle, die auf obligatorische Housebeats gewartet haben, ist der Moment jetzt da. Griechenland schickt das am Reißbrett entworfene "This Is Love" auf die Bühne nach Kiew. 2002 wäre das noch toll gewesen. Griechenland kommt fast immer weiter. Sollten sie den Finaleinzug dieses Jahr wieder schaffen, kann ich nicht erklären, warum. In den Proben sang sie windschief. Vielleicht bekommt sie das zumindest noch hin.

Tipp: Wackelkandidatin

11. Polen: Kasia Moś – Flashlight

Das Drama darf wieder zurückkehren. Powerballade nennt man so was. Sie haben sich vermutlich genauso satt gehört von so was wie ich. Die animierten Vögel sind aber hübsch. Der Ausschnitt des Kleides dürfte allerdings auf eine gewisse Zielgruppe abzielen. Dafür rufen vielleicht ja ein paar an. Reichen wird das nicht.

Tipp: raus

12. Moldau: Sunstroke Project – Hey Mamma

Saxofon, Beat und gute Laune. Gar kein so schlechter Mix, den die Moldauer Haudegen vom Sunstroke Project da hinlegen. Bereits 2010 schafften sie es locker ins Finale, das sollte 2017 wieder klappen. Das macht wirklich Spaß, und man hat zum ersten Mal an diesem Abend den Impuls, aufzustehen und mitzutanzen. Ist ja auch eine nette Dreierhochzeit da auf der Bühne.

Tipp: weiter

13. Island: Svala – Paper

Svala ist in Island ein richtiger Superstar. Man sieht und hört, dass sie ein Vollprofi aus. Der Song "Paper" ist aber zu sperrig für einen Wettbewerb wie den Song Contest, da hilft auch der extensive Einsatz der Windmaschine nichts. Man wartet, dass mit dem Lied was passiert, es entwickelt sich aber nicht wirklich weiter. Das Tattoo auf ihrer Brust ist toll, das Kleid auch. Der Beitrag hat so viele Fans hier, dass ich mich gerne überzeugen lasse. Ich glaube aber nicht, dass wir diesen Beitrag am Samstag wieder hören werden.

Tipp: Wackelkandidatin, eher raus

14. Tschechien: Martina Bárta – My Turn

Ein sehr schöner Song, vorgetragen im hässlichsten Alukleid des Abends. Womöglich hat sie aber auch nur Strahlenangst vor dem nahen Tschernobyl. Martina Bárta kommt eigentlich aus dem Jazz, behauptet sich aber im Pop ganz gut. Vermutlich hat sie die beste Stimme des Abends, allerdings in einem zu langweiligen Durchschnittslied versteckt. Ich würde mich freuen, wenn unser Nachbarland weiterkommt, aber halte es für unwahrscheinlich.

Tipp: eher raus

15. Zypern: Hovig – Gravity

Wenn Sie sich sich zu Beginn dieses Beitrags an "Human" von Rag 'n' Bone Man erinnert fühlen, dann geht es Ihnen wie mir. Der Beat ist eindeutig davon inspiriert (um das Wort "geklaut" zu vermeiden). G:Son, der schon für zahlreiche ESC-Klassiker verantwortlich war, darunter auch "Euphoria" von Loreen, hat diesen Beitrag komponiert. Schwedenpop, der immer funktioniert und solide inszeniert wurde.

Tipp: weiter

16. Armenien: Artsvik – Fly With Me

foto: andres putting (ebu)
Armenien eroberte durch die Proben die Herzen und die Ohren der Fans. Ein stimmiges Gesamtpaket.

Ethno ist im Schwedenpop-Mainstream des Song Contest mittlerweile selten geworden. Armenien traut sich aber und trumpft damit ordentlich auf. Das Motiv des Zopfes wird auch bei diesem Beitrag eingesetzt. Ausgezeichneter und stimmiger Auftritt der sehr charismatischen Armenierin. Man hört und schaut ihr gerne zu. Ein überzeugendes Rundumpaket. Artsvik ist eine wirkliche Überraschung bei diesem Song Contest. Niemand hatte Armenien für eine Topplatzierung auf der Rechnung, aber ich würde das ab sofort ändern.

Tipp: weiter

17. Slowenien: Omar Naber – On My Way

Omar Naber war 2005 schon dabei, hat also sowohl Song-Contest- als auch Kiew-Erfahrung. Seine Ballade wäre aber auch vor zwölf Jahren schon altmodisch gewesen. Wenn Sie wissen wollen, welcher Beitrag die ideale Pinkelpause ermöglicht, dann empfehle ich, sich nun zu erleichtern.

Tipp: raus

18. Lettland: Triana Park – Line

Lettland hat uns die letzten beiden Jahren mit Aminata-Elektropop verwöhnt. Dem Genre bleibt das Land treu. Triana Park ist nur noch etwas bunter und vielleicht auch etwas weniger kreativ, abgesehen von den Frisuren. Immerhin dürfen wir jetzt die großartigsten Stiefel des Abends bewundern. Etwas sperrig, dieses "Line", aber gar nicht einmal so schlecht.

Tipp: Wackelkandidat. (Marco Schreuder, 9.5.2017)

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