Was bei krankhaften Zwängen helfen kann

9. Mai 2017, 11:16
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Putzen, Waschen, Ordnen: Eine neue Therapieform mittels Hirn-Elektroden verbessern Zwangserkrankungen bei jedem zweiten Patienten

Magdeburg – Zwanghaftes kontrollieren, ob die Tür verschlossen ist, permanentes Waschen und Putzen, ständiges Anordnen von Gegenständen nach einem Muster oder das leise Wiederholen bestimmter Worte – solche belastende Zwangshandlungen und Rituale sind typische Symptome einer Zwangserkrankung. Betroffene fühlen sich gezwungen, Handlungen und Gedanken ohne Ende zu wiederholen.

Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe eines Lebens an einer mehr oder weniger ausgeprägten Zwangsstörung zu erkranken beträgt 2 Prozent, wobei die Symptome meist im frühen Erwachsenenalter auftreten und Männer und Frauen gleich häufig davon betroffen sind.

Beeinträchtigung im Alltag

Schwere Zwangserkrankungen zeichnen sich durch einen nicht zu unterdrückenden Impuls aus, vorgenommene Verhaltensweisen, wie zum Beispiel Waschen, Kontrollieren oder Anordnen von Gegenständen nach einem bestimmten Muster zu wiederholen. Einige Patienten und Patientinnen wiederholen auch bestimmte Wörter oder Rechenvorgänge. "Solch krankhafte Zwänge beeinträchtigen den Alltag der Betroffenen – die Berufsausübung, allgemeine soziale Aktivitäten oder partnerschaftliche Beziehungen – in erheblichem Umfang. Sie gehen oft einher mit Angstzuständen und Stress. Viele Patienten leiden zudem unter schweren Depressionen", sagt Jürgen Voges. Er ist Direktor der Universitätsklinik für Stereotaktische Neurochirurgie am Universitätsklinikum Magdeburg.

Eine Art Hirnschrittmacher

Die tiefe Hirnstimulation kann eine Alternative zur medikamentösen sowie Psychotherapie darstellen – insbesondere in Fällen, in denen diese versagen. "Bei der tiefen Hirnstimulation werden schwache elektronische Impulse kontinuierlich in Strukturen, die in der Tiefe des Gehirns liegen, abgegeben", sagt Neurochirurg Voges. Dafür werden Patienten in einem stereotaktisch-neurochirurgischen Eingriff dünne Elektroden ins basale Vorderhirn eingeführt und an einen unter der Haut dauerhaft implantierten Impulsgeber, einer Art Hirnschrittmacher, angeschlossen. Voges: "Durch kontinuierliche elektrische Stimulierung werden die zerebralen Netzwerke beeinflusst, die für die Entscheidungsfindung, Gefühle und Emotionen zuständig sind und deren Funktion aufgrund der Erkrankung bei diesen Patienten verändert ist."

Die tiefe Hirnstimulation wird seit mehr als 20 Jahren erfolgreich zur Behandlung von Parkinson und anderen neurologischen Erkrankungen angewendet. Seit einigen Jahren ist dieses Verfahren auch zur Behandlung von schweren Zwangserkrankungen in Deutschland zugelassen. Um die Symptome der schweren Zwangserkrankung zu verbessern, werden die Betroffenen zunächst medikamentös behandelt. Die Medikamentengabe kann durch kognitive Verhaltenstherapie unterstützt werden. Bei 40 bis 60 Prozent der Patienten bleiben bei dieser Art der Therapie jedoch Restsymptome zurück – und 20 bis 30 Prozent reagieren gar nicht auf die Behandlung.

Reduktion des Schweregrades

Aktuell kann die tiefe Hirnstimulation die Symptome der schweren Zwangserkrankung zwar nicht in jedem Fall vollkommen unterbinden, sie aber häufig lindern. "Bei mehr als der Hälfte der Patienten wurde eine Reduktion des Schweregrades um mindestens 35 Prozent festgestellt", so Voges. Einhergehend mit der Reduktion der Zwangssymptome traten zudem auch weniger Angststörungen und Depression bei den Betroffenen auf. Verhaltenstherapien – auch wenn sie bei den Patienten zuvor nicht anschlugen – würden das Gesamtergebnis zusätzlich deutlich verbessern, wenn sie zeitgleich mit der Behandlung der tiefen Hirnstimulation durchgeführt werden. (red, 9.5.2017)

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