Was Transsexualität mit psychischer Gesundheit zu tun hat

10. Mai 2017, 08:00
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Bis Transsexuelle im eigenen Geschlecht ankommen, müssen sie viele Hürden nehmen – gesellschaftliche wie medizinische

"Eines Tages, wenn ich einmal groß bin, werde ich eine schöne Frau sein. Aber heute bin ich noch ein Kind, heute bin ich noch ein Junge." Das sang die New Yorker Künstlerin Anohni damals noch unter dem Namen Antony auf ihrem Album "I Am a Bird Now" 2005. Dass sie transgender ist, daraus habe sie nie einen Hehl gemacht, sagte sie einmal in einem Interview. Und: Sie habe sich zwar selbst immer als Frau gesehen, aber nicht den Mut gehabt, andere zu bitten, sie als Frau anzusprechen. Es dauerte bis 2015, als sie im Alter von 45 Jahren auch offiziell ihren Namen wechselte. Aus dem Sänger wurde eine Sängerin.

Alltägliche Hürden

Wenn die Geschlechtsidentität und das körperliche Geschlecht nicht übereinstimmen, spricht man von Transidentität oder auch Transsexualität. Im eigenen Geschlecht anzukommen, ist für Transsexuelle ein langer Prozess. Bis dahin müssen sie viele Hürden nehmen – gesellschaftliche wie medizinische. Der Weg verläuft von Psychotherapie zur Diagnose über Hormonbehandlung bis hin zur geschlechtsangleichenden Operation, allerdings entscheiden sich nicht alle für diesen letzten Schritt.

Gesellschaftliches Unverständnis und eine weitverbreitete transphobe Haltung erzeugen bei Betroffenen einen enormen Leidensdruck. Das manifestiert sich unter anderem in unzähligen alltäglichen Hindernissen: Etwa wenn man seinen Ausweis vorzeigen soll, der auf einen Männernamen lautet, man aber weiblich aussieht. Auch das Sitzen im Wartesaal kann ein Hemmnis darstellen, wenn man mit einem Frauennamen aufgerufen wird, äußerlich aber männlich ist. Oder so alltägliche Dinge wie das Aufsuchen öffentlicher Toiletten und das Ausfüllen eines Formulars, wenn dabei nur die zwei Möglichkeiten "männlich" und "weiblich" zur Auswahl stehen.

Pathologisierend und entmündigend

Und dann sind da noch die rechtlichen Grundlagen des Geschlechtswechsels: Alles andere als selbstbestimmt erleben Betroffene die psychologischen und psychiatrischen Diagnosen, die etwa in Österreich verlangt werden, um den Vornamen und den Geschlechtseintrag zu ändern. In einem 2016 verfassten Positionspapier beschreiben Transgender-Gruppen die Handhabe als "pathologisierende und entmündigende Schikane".

Diese Ansicht teilt der 1995 gegründete Wiener Verein Trans X. Transgender-Personen würden oft als krankhaft bewertet und nicht ernst genommen, findet auch Eva Fels. Sie ist Transgender-Aktivistin und seit 2000 Obfrau der österreichischen Vereinigung Trans X. "Wenn das Thema Transidentität aufkommt, können Therapeuten oft nicht adäquat reagieren. Aufgrund eigenen Unwissens werden dann Depressionen, Angststörungen oder autistische Züge diagnostiziert, die sich in der Regel aber auflösen, sobald man die richtige therapeutische Begleitung gefunden hat", sagt Fels.

Transsexualität gilt als psychische Krankheit

Als besonders herabwürdigend wird die Einstufung der Transsexualität als psychische Krankheit empfunden. Zur Diagnose psychischer Erkrankungen dient ein diagnostisches Handbuch psychischer Störungen, aktuell der ICD-10. Darin listet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Transsexualismus noch immer als psychische Störung. Zwar wird aktuell an einer Neufassung gearbeitet, der ICD-11 soll voraussichtlich 2018 erscheinen, aber noch ist offen, ob in der überarbeiteten Version die Zuordnung der Transsexualität als psychische Krankheit gestrichen wird. Damals, 1974, als Homosexualität aus dem internationalen Diagnosekatalog psychischer Störungen herausfiel, wurden mit einem Streich Millionen Homosexuelle gesundgemacht.

Parallel zum ICD-10 gibt es das DSM-5, das psychiatrische Klassifikationssystem der USA. Hier wurde zumindest die medizinische Diagnose "Geschlechtsidentitätstörung" 2013 durch die Diagnose "Genderdysphorie", was so viel bedeutet wie eine Ablehnung des eigenen Geschlechts, ersetzt.

"Transsexualität ist keine psychische Störung oder Krankheit. Transsexuelle Menschen sind gesunde Menschen, die an einer konstitutionellen Geschlechtsinkongruenz leiden", sagt Cornelia Kunert. Sie ist Psychotherapeutin, Supervisorin und Mitglied im Expertenteam für Transsexualität/Transidentitäten des österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie. Krankmachend sei allenfalls der Zwang, im als falsch empfundenen Geschlecht leben zu müssen, unterstreicht auch der Verein Trans X.

Wenn Depressionen schwinden

"Transsexuelle erleben sich durchwegs nicht als psychisch krank und fühlen sich nachhaltig wohler und werden funktionaler, wenn sie einen geschlechtsanpassenden Prozess durchleben", sagt Therapeutin Kunert. Sie plädiert dafür, Hürden abzubauen und einen freien Zugang zur medizinisch begleiteten Hormontherapie zu gewährleisten. Denn die positive psychische Wirkung der Hormongaben sei beachtlich. Kunert: "Depressionen und Angststörungen, die sonst bei transsexuellen Personen häufig auftreten, schmelzen dahin." Diese "Kongruenzdynamik" sei Zeichen der zunehmenden Übereinstimmung von Selbsterleben und körperlicher Verfasstheit.

Dass Geschlechtsidentität kein psychologisches Phänomen, sondern vielmehr biologisch nachweisbar ist, hat vor kurzem eine Wiener Studie bestätigt. Der Neurologe Georg Kranz und der Psychologe Rupert Lanzenberger deuten darauf hin, dass Gechlechtsidentität irreversibel in unser Gehirn "programmiert" ist.

Einfluss geschlechtsanpassender Behandlung

Davon geht auch eine aktuelle Studie aus den Niederlanden aus – allerdings geht sie noch einen Schritt weiter und untersucht seltene Fälle, bei denen Transsexualität und Psychosen gleichzeitig vorliegen. Nicht nur Angststörungen und Depressionen können durch geschlechtsangleichende Maßnahmen geheilt werden, sondern auch psychotische Störungen gehen zurück, legt die Studie nahe. Die Ergebnisse wurden im April 2017 im Fachjournal "LGBT Health" veröffentlicht.

In ihrem Bericht "Gender Dysphoria and Co-Existing Psychosis: Review and Four Case Examples of Successful Gender Affirmative Treatment" beschreibt das niederländische Forscherteam rund um Julia Meijer von der Universität Amsterdam vier Fallstudien. Probanden waren zwei Transmänner und zwei Transfrauen im Alter von 29 bis 57 Jahren. Das Ergebnis: Transgender-Personen, bei denen eine psychotische Störung diagnostiziert wurde, konnten mithilfe geschlechtsanpassender Maßnahmen, also mit psychologischer, endokriner und chirurgischer Behandlung, erfolgreich therapiert werden. Meijer und ihr Team räumen aber ein, dass psychotische Entwicklungen bei gleichzeitiger Transsexualität eine verschwindend geringe Zahl von Fällen betreffen. (Christine Tragler, 10.5.2017)

  • Das Plattencover der ehemals unter dem Namen Antony Hegarty bekannten New Yorker Künstlerin Anohni. Im Alter von 45 Jahren wurde aus dem Sänger eine Sängerin.
    foto: anohni/ rough trade

    Das Plattencover der ehemals unter dem Namen Antony Hegarty bekannten New Yorker Künstlerin Anohni. Im Alter von 45 Jahren wurde aus dem Sänger eine Sängerin.

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