100 Jahre Verkehrsbüro: Als alle sich um Reisen rissen

9. Mai 2017, 07:00
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Es war ein Drängen und Schieben, was sich in der Zeit aufkommender Urlaubslust auf den Bahnsteigen abspielte. Reisen war in, Tickets waren schwer zu bekommen

Wien – Es war das Jahr, als Wladimir Iljitsch Ulianow, genannt Lenin, im plombierten Zug von Zürich nach St. Petersburg fuhr und die Oktoberrevolution anzettelte. Der Erste Weltkrieg war noch im Gang, Reisen diente vornehmlich militärischen Zwecken. 1917 waren die Menschen mit anderem als Urlaubsplanung beschäftigt.

Dennoch wurde in jener Zeit, exakt am 29. Dezember 1917, das Oesterreichische Verkehrsbureau gegründet. Auf Betreiben des Eisenbahnministeriums setzten Vertreter des Österreichischen Verkehrsverbands, des Bankvereins und zweier Schifffahrtslinien ihre Unterschriften auf ein Papier.

Fahrkartenverkauf

"Der Auftrag lautete, Eisenbahnfahrkarten zu verkaufen, 'Propaganda' für Österreich als Fremdenverkehrsland zu betreiben und dem Tourismus nach dem Krieg wieder auf die Sprünge zu helfen", sagt Harald Nograsek, Generaldirektor der Verkehrsbüro Group, in einer Reminiszenz an die alten Zeiten. Dass es ausgerechnet im Kriegsjahr 1917 zur Gründung des Verkehrsbüros kam, sei u. a. auf eine Fehleinschätzung zurückzuführen. Nograsek: "Nach der Oktoberrevolution in Russland hatte man mit einem baldigeren Ende des Kriegs gerechnet, als sich dann in Wahrheit herausstellte." Der Krieg sollte sich noch fast ein Jahr hinziehen.

Dem Deutschen Reisebüro wollte man zudem nicht allein das Feld überlassen. Dieses ist ein paar Monate vorher in Berlin gegründet worden. Ihm wurde das Österreichische Verkehrsbüro in der Zeit des Anschlusses bis zur Neugründung nach dem Zweiten Weltkrieg zugeschlagen.

1917 fuhr in Österreich niemand mit der Bahn, der es irgendwie vermeiden konnte. Die Bahnhöfe waren "voll mit Soldaten, Kriegsversehrten, Gestrandeten und Gelegenheitsdieben", heißt es in dem Buch "Vom Fahrkartenbüro zum Touristikmulti – die Entwicklung des Österreichischen Verkehrsbüros" von Heinrich Lammer. Das Transportsystem war wegen Lebensmittel- und Brennstoffmangel fast zusammengebrochen. Auch gab es viel zu wenige Züge.

Auslandsvertretungen

Für Mitarbeiter der ersten Stunde gab es im Verkehrsbüro viel zu tun, schließlich sollte es Geburtshelfer für den gesamten österreichischen Fremdenverkehr sein. Neben dem Fahrkartenverkauf trat das Verkehrsbüro auch als Reiseveranstalter, Reisebüro und Tourismuswerbeagentur auf. Mit sämtlichen Bahn-, Schifffahrts- und Fluggesellschaften wurden Verträge geschlossen. Im April 1921 hatte das Verkehrsbüro bereits 363 Auslandsvertretungen.

Obwohl sich Österreich zwischen 1918 und 1930 in einer Krise befand, boomte der Tourismus. "Einerseits genossen die Menschen mehr Freizeit und soziale Sicherheit, andererseits wurde die Verkehrsinfrastruktur enorm ausgebaut", sagt Nograsek. Einreise- und Aufenthaltsvorschriften seien zudem gelockert worden.

Run auf Sommerfrische

Dies habe zu einem Run auf Sommerfrische-Destinationen geführt. Persönlichkeiten wie der Schriftsteller Arthur Schnitzler machten es vor – er liebte das Ausseerland, insbesondere Bad Ischl. Nograsek: "Aber auch kleinere Fremdenverkehrsorte waren komplett überfüllt, Eisenbahnkarten Mangelware." Wer ein Zugticket erwerben wollte, musste zuerst Einlass ins Verkehrsbüro finden.

Dem Neuen Wiener Tagblatt schilderte der Wiener Arzt Jaro Hecht im Juli 1920 die Zustände vor der Kartenausgabe des Verkehrsbüros: Ab Mitternacht seien Menschen angestanden, bis ihnen endlich um acht Uhr früh ein "Rayonswachmann" Eintrittskarten für das Verkehrsbüro ausfolgte, wo sie Fahrkarten erstehen konnten. Dort machte sich auch ein reger Schleichhandel mit Karten breit. Schleichhändler erstanden größere Mengen an Karten und verkauften sie tags darauf um mehr als 400 bis 500 Kronen, bis letztlich die Polizei einschritt und sich selbst um die Verteilung der Eintrittskarten kümmerte. Zum Vergleich: 1920 verdiente ein Facharbeiter durchschnittlich 898 Kronen pro Woche. Laut Zeitungsanzeigen von 1920 lag der Wochenlohn einer Damenfriseurin bei gut 500 Kronen, ein Servierkellner im 2. Gehilfenjahr verdiente etwa 250 Kronen, eine Hilfsarbeiterin 120 Kronen.

Expansion und Ende

Alle oder zumindest sehr viele wollten Anfang der 1920er Jahre verreisen, leisten konnten sich das Vergnügen aber nur vergleichsweise wenige. Es waren außer dem gehobene Bürgertum vor allem Ärzte, Rechtsanwälte, erfolgreiche Künstler und höhere Beamte samt Entourage, die per Zug ins Salzkammergut oder nach Istrien aufbrachen.

Mit dem Entstehen einer vielfältigen Tourismuslandschaft expandierte auch das Verkehrsbüro stark. "Nach einer Kapitalerhöhung 1923 wurde eine Gesellschaft zur Verkehrswerbung gegründet, das Gran Hotel St. Wolfgang erstanden und das neue Zentralgebäude nahe der Secession fertiggestellt. Diese neue Hochburg des Tourismus, in der jetzt das Novomatic Forum untergebracht ist, blieb bis 2008 Unternehmenssitz.

Öffentliche Hand springt ein

Die Erfolgsphase endete 1929. "In den 1930er-Jahren litten die Umsätze, es gab Verlustjahre, und das Verkehrsbüro konnte nur noch mit Stützungen der öffentlichen Hand überleben", schildert Nograsek. Im Krieg wurde die Österreichische Verkehrsbüro GmbH liquidiert, der Betrieb dem aus dem Deutschen Reisebüro hervorgegangenen Mitteleuropäischen Reisebüro angegliedert.

Anfang der 1980er-Jahre kam es im Zuge einer Wirtschaftskrise, die hohe Verluste zutage gebracht hatte, nach einem straff durchgeführten Sanierungsplan zur Privatisierung des Unternehmens. Heute ist das Österreichische Verkehrsbüro laut Eigenangaben Marktführer in drei Bereichen in Österreich: in der Hotellerie, bei Business- und bei Urlaubsreisen.(Günther Strobl, 9.5.2017)

  • Franz-Josefs-Bahnhof in Wien um 1925: Urlaubshungrige drängen in einen der Züge, die bereitstehen. Arbeiter konnten sich die Zugfahrt nicht leisten. Es waren vorwiegend das gehobene Bürgertum, Ärzte, Rechtsanwälte, erfolgreiche Künstler und gehobene Beamte, die verreisten.
    foto: önb wien / lothar rübelt

    Franz-Josefs-Bahnhof in Wien um 1925: Urlaubshungrige drängen in einen der Züge, die bereitstehen. Arbeiter konnten sich die Zugfahrt nicht leisten. Es waren vorwiegend das gehobene Bürgertum, Ärzte, Rechtsanwälte, erfolgreiche Künstler und gehobene Beamte, die verreisten.

  • Winkende Menschen auf einem Bahnsteig um 1925: Ziel vieler Reisen waren das Salzkammer gut oder Istrien.
    foto: imagno/austrian archives

    Winkende Menschen auf einem Bahnsteig um 1925: Ziel vieler Reisen waren das Salzkammer gut oder Istrien.

  • 1923 fertiggestellt diente der Standort bei der Wiener Secession dem Österreichischen Verkehrsbüro bis 2008 als Unternehmenszentrale. Seit 2009 ist dort das Novomatic Forum untergebracht.
    foto: verkehrsbüro

    1923 fertiggestellt diente der Standort bei der Wiener Secession dem Österreichischen Verkehrsbüro bis 2008 als Unternehmenszentrale. Seit 2009 ist dort das Novomatic Forum untergebracht.

  • Wer ins Verkehrsbüro wollte, um dort Eisenbahnkarten zu kaufen, musste im Besitz einer Zutrittskarte sein.  Zum Teil wurde ein reger Schleichhandel damit betrieben, bis die Polizei einschritt.
    foto: önb/wien, lothar rübelt

    Wer ins Verkehrsbüro wollte, um dort Eisenbahnkarten zu kaufen, musste im Besitz einer Zutrittskarte sein. Zum Teil wurde ein reger Schleichhandel damit betrieben, bis die Polizei einschritt.

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