Mount Everest: Rekordansturm auf das Dach der Welt

Video9. Mai 2017, 06:03
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Noch nie hat Nepal so viele Genehmigungen für den Aufstieg ausgestellt wie in dieser Saison. Bergführer warnen

Kathmandu/Dubai – Eigentlich hätte es schon 2015 mit dem Rekord klappen sollen. Der damals 83-jährige Nepalese Min Bahadur Sherchan wollte wieder der älteste Mensch werden, der jemals am Gipfel des Mount Everest gestanden ist. Bereits 2008 hatte er den Rekord mit 76 Jahren erreicht, 2008 musste er ihn an einen 80-jährigen Japaner abgeben. Doch 2015 zwang ihn das schwere Erdbeben zur Aufgabe seines Plans. Heuer sollte es mit 85 Jahren funktionieren. Doch Sherchan erlag am Samstag einem Herzinfarkt im Basislager. Er ist damit, nach dem Schweizer Extremsportler Ueli Steck, der zweite Tote dieser Saison am Everest – noch bevor sie offiziell begonnen hat.

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Nepals Regierung hat heuer 371 Genehmigungen für den Everest ausgestellt – mehr als je zuvor seit der Erstbesteigung des 8848 Meter hohen Gipfels im Jahr 1953 durch den Neuseeländer Sir Edmund Hillary und Tenzing Norgay. Da fast jeder Bergsteiger von Sherpas begleitet wird, dürften sich ab Mitte Mai, wenn das Wetter besser wird, mehr als 1000 Menschen vom Basislager auf das Dach der Welt aufmachen.

Staus befürchtet

Die Teams sind bereits seit Wochen vor Ort, um sich für ihre Tour in extremer Höhe zu akklimatisieren. "Es gibt die gute Chance, dass es in diesem Jahr zu Staus kommt", befürchtet Sonam Sherpa. "Es gibt kein System, nach dem die Kletterer einer nach dem anderen nach oben kommen", sagte Sonam der indischen Presseagentur PTI. Sonam, der als Expeditionsbegleiter bereits fünfmal auf dem Everest stand, sieht die Gefahr, dass durch Wartezeiten und Verzögerungen gerade die absteigenden Bergsteiger stärker gefährdet sind. Sie seien erschöpft und hätten weniger Sauerstoff bei sich.

Auch Mingma Sherpa, der Direktor von Seven Summits Treks, einer nepalesischen Expeditionsfirma, befürchtete einen Massenandrang: Allein acht Mount-Everest-Touren veranstaltet er in dieser Saison. Mindestens 65 Kletterer werden den Berg von der nepalesischen Seite zu besteigen versuchen".

Zunehmende Kommerzialisierung

Wegen Verzögerungen im letzten Jahr hätten bei zwei seiner Kunden Zehen amputiert werden müssen, die abgefroren waren. In der sogenannten Todeszone oberhalb von 7500 Metern wachse mit jeder Minute die Gefahr, weil die Bedingungen so extrem seien. Im vergangenen Jahr musste eine Gruppe von Mingman eine Stunde lang vor der "Hillary-Step", eine zwölf Meter hohe, fast senkrechte Felswand, warten. Staus am letzten Engpass vor dem nur esstischgroßen Gipfel führen regelmäßig zu Frustrationen, Unfällen und Streit unter den Bergsteigern.

Die Staus sind auch ein Zeichen für die Veränderung durch die zunehmende Kommerzialisierung, die sich am Everest vollzieht. Das Basislager auf 5400 Metern ist heutzutage Ausflugsziel für Touristen aus der Hauptstadt Kathmandu, die mit Helikoptern einfliegen. Wer will, bekommt Champagner serviert. Mitte April wurde hier mit DJs die "höchste Party der Welt" gefeiert.

Lukratives Geschäft

Der Alpinist Reinhold Messner, der den Berg 1978 als erster Mensch ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen hat, kritisiert die Industrie, die sich um den Everest gebildet hat. Das Klettern habe sich total verändert. Es sei Tourismus und kein Alpinismus mehr. Die Wege seien so präpariert, dass jeder, der genug Geld ausgebe, nach oben komme. Die Kosten für eine Bergtour bis zum Gipfel liegen zwischen 50.000 und 100.000 Euro.

Allein die Klettergenehmigung durch die nepalesische Regierung beträgt knapp 11.000 Euro pro Person – eine wichtige Einnahmequelle für das südasiatische Land. Vorstöße, die Vergabe stärker einzuschränken und Sicherheitsbestimmungen zu verbessern, werden diskutiert, doch nicht umgesetzt. Ein Gesetzesvorschlag aus dem Jahr 2015, der Personen unter 18 und über 75 Jahren die Besteigung verbietet, liegt ebenso auf Eis wie eine Evaluierung von Kletterern nach Bergerfahrung und Fitness.

Der Everest ist kaum mehr mit dem Berg zu vergleichen, den Hillary 1953 bestieg. Die klettertechnisch schwierigeren Stellen sind mit Fixseilen gesichert. Leitern ermöglichen es, den gefährlichen Khumbu-Eisbruch zu passieren. Sogenannte Eisdoktoren, ein Team von örtlichen Bergführern, sind schon im Frühjahr, vor Beginn der Saison unterwegs und präparieren unter hohem Risiko die Strecke für ihre meist gut betuchte Kundschaft. Nur etwa fünf Prozent der Bergsteiger am Everest sind Extremsportler, die ohne Sauerstoff klettern. (Agnes Tandler, 9.5.2017)

  • Die Witwe des 85-jährigen Bergsteigers Min Bahadur Sherchan trauert um ihren Mann, der am Samstag im Basislager gestorben ist.
    foto: reuters/navesh chitrakar

    Die Witwe des 85-jährigen Bergsteigers Min Bahadur Sherchan trauert um ihren Mann, der am Samstag im Basislager gestorben ist.

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