Song Contest: Im Kampf gegen das Vergessenwerden

    9. Mai 2017, 06:00
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    Am Dienstag beginnt in Kiew das erste Halbfinale für den 62. Eurovision Song Contest. Nathan Trent stellt sich der Ausscheidung am Donnerstag mit seinem Lied "Running On Air". Am Samstag ist das Finale, am Sonntag alles wieder vorbei

    Wien – Die Socken sollen es richten. Also nicht nur. Aber Nathan Trent hat aus einer gewissen Alltagsbehäbigkeit heraus begonnen, immer verschiedene Socken zu tragen. Das ist nicht nur ursüß, es vermeidet vor allem die lästige Aufgabe, den jeweils zweiten Socken zu suchen, und beschert ihm angeblich einen Kollateralsegen: Zwei verschiedene Socken zu tragen soll ihm Glück bringen.

    Als abergläubischer Sockenpolygamist hat er sich im STANDARD geoutet, und das Glück kann er brauchen, und zwar am kommenden Donnerstag. Dann tritt der als Nathanaele Koll geborene Sänger mit dem Lied Running On Air in Kiew beim 62. Eurovision Song Contest an. Am Donnerstag stellt er sich damit der Ausscheidung im zweiten Halbfinale, das erste findet am Dienstag statt. Die Wettbüros trauen dem Tiroler den Einzug ins Finale zu, aber das heißt nichts.

    eurovision song contest

    42 Kandidaten von Island bis Australien singen, hüpfen, winseln, schwitzen, gestikulieren und lächeln um den Einzug ins Finale. Doch nur 26 davon wird es vergönnt sein, am Samstag ihre formatradiotauglichen Schablonenlieder vor rund 125 Millionen Zusehern vor fast aller Welt zu präsentieren. 25 davon werden in den zwölf Stunden nach der Veranstaltung bereits einem gerechten Vergessen anheimgefallen sein, beim Sieger dauert es empirisch etwas länger. Nur wenigen war es vergönnt, eine Teilnahme beim EOC in eine dauerhafte Karriere zu transformieren.

    Das obligatorische Politikum blieb heuer ebenfalls nicht aus: Nachdem die Ukraine im Vorjahr in Stockholm mit der Krimtatarin Jamala und ihrem politischen Liedchen 1944 gewonnen hatte, bei der sie an die Vertreibung ihres Volkes unter Stalin erinnerte, kam heuer das Revanchefoul aus Russland.

    Modern Talking grüßt

    Russland meldete die im Rollstuhl sitzende Sängerin Julia Samoilowa als Kandidatin an – mutmaßlich damit kalkulierend, dass diese von der Ukraine mit einem Einreiseverbot belegt werden würde, da sie auf der von Russland annektierten Krim gesungen hatte. Die Ukraine erfüllte diese Hoffnung prompt, Russland hat seine Teilnahme zurückgezogen.

    Als ein Favorit gilt vorab der italienische Beitrag von Francesco Gabbani. Dessen Lied Occidentali's Karma empfiehlt sich mit dem dazugehörigen Video bereits jetzt für den Modern-Talking-Gedächtnis-Preis 2017. Schließlich sind weder die von Gabbani scheinbar gespielte Gitarre noch das vermeintlich strapazierte Schlagzeug im Endprodukt zu hören.

    eurovision song contest

    "Live" interpretierte er das Lied mithilfe eines in einem Affenkostüm steckenden Unterstützers. Was das genau bedeuten soll, steht in den Stars und Sternchen. Vielleicht soll es ja das Motto des Song Contest 2017 verdeutlichen, das da lautet "Celebrate Diversity". Zu Deutsch: Vielfalt feiern, was angesichts der zu erwartenden Einfalt nicht immer leicht zu erfüllen sein dürfte.

    Ebenfalls im Favoritenkreis ist der Portugiese Salvador Sobral mit der Ballade Amar Pelos Dois sowie der Beitrag aus Schweden. Der heißt I Can't Go On und ist von Robin Bengtsson. Statistisch ist immer mit Irland zu rechnen, das arme Land hat den Bewerb schon siebenmal gewonnen. (Karl Fluch, 9.5.2017)

    • Ja hat der denn keine Socken an? Nathan Trent, Österreichs Vertreter beim Song Contest, singt hier ohne seine Glücksbringer.
      foto: ap / efrem lukatsky

      Ja hat der denn keine Socken an? Nathan Trent, Österreichs Vertreter beim Song Contest, singt hier ohne seine Glücksbringer.

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