Homosexualität als "Übel" in Tschetschenien

8. Mai 2017, 00:35
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Laut Medien werden in Tschetschenien Schwule eingesperrt, gefoltert und sogar getötet. Die Behörden sind eher desinteressiert

Moskau – Es gibt sie also doch: Hatte die tschetschenische Regierung allein schon die Existenz Homosexueller in Tschetschenien als Lüge liberaler Medien dargestellt, so hat Russlands Präsident Wladimir Putin ihr Vorhandensein bestätigt, als er am Freitag erstmals zu ihrer Verfolgung im Nordkaukasus Stellung nahm.

Beim Treffen mit der Bürgerrechtsbeauftragten Tatjana Moskalkowa versprach er eine Aufklärung der Vorwürfe, dass in der russischen Teilrepublik Homosexuelle gefoltert und sogar getötet werden.

"Nichttraditionelle sexuelle Orientierung"

"Ich werde natürlich mit dem Generalstaatsanwalt und dem Innenminister reden, damit sie Sie bei dem Thema unterstützen, was Sie jetzt aufgeworfen haben, bezüglich der Informationen oder besser gesagt der Gerüchte über das, was dort mit Menschen nichttraditioneller sexueller (gleichgeschlechtlicher, Anm.) Orientierung geschieht", sagte Putin. Anschließend sicherte sogar Tschetscheniens Oberhaupt Ramsan Kadyrow die Hilfe seiner Sicherheitsorgane zu.

Die kremlkritische Nowaja Gaseta hatte im April über sechs Geheimgefängnisse in Tschetschenien mit hunderten illegal festgehaltenen Insassen berichtet. Unter den Gefangenen seien auch Personen, die der Homosexualität verdächtigt würden. Verdächtige würden gedemütigt und misshandelt, anschließend würde Lösegeld von den Verwandten für die Freilassung erpresst oder die Familie aufgefordert, ihre homosexuellen Angehörigen zu töten.

Als Aprilscherz und Verleumdung eingestuft

Die Reaktion der tschetschenischen Behörden war heftig. Als schlechter Aprilscherz und Verleumdung wurden die Berichte eingestuft. Kadyrows Pressesekretär Alwi Karimow erklärte, es sei unmöglich, "jemanden zu drangsalieren, den es gar nicht gibt". Kadyrows Bürgerrechtsbeauftragte Cheda Saratowa dementierte, derartige Klagen erhalten zu haben. "Allerdings würde ich sie auch nicht beachten", fügte sie hinzu. In der traditionell geprägten tschetschenischen Gesellschaft würde der Tod eines Homosexuellen niemanden bekümmern. "Das ist ein Übel, gegen das jeder Tschetschene kämpfen wird", behauptete sie.

70 Prozent für Verbot

Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind in Russland offiziell nicht verboten. Allerdings stellte der Kreml im Jahr 2013 mit dem Verweis auf den notwendigen Schutz Minderjähriger "Schwulenpropaganda" in der Öffentlichkeit unter Strafe. Umfragen zufolge sind 70 Prozent der Russen dafür, Homosexualität zu verbieten. Mehr als die Hälfte der Befragten will Betroffene zwangsweise "heilen".

Ob die Untersuchung etwas zutage fördern wird, ist ungewiss. Moskalkowa hatte die medial erhobenen Vorwürfe zunächst als "Verleumdung" und "Provokation" bezeichnet. Beim Treffen mit Putin sagte sie nun, dass es schwer sei, die Berichte zu überprüfen, da Betroffene nicht bereit seien, ihren Namen zu nennen. (André Ballin, 8.5.2017)

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