Ungewöhnlicher Fall: Hirsch frisst menschliche Gebeine

7. Mai 2017, 16:48
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Texanische Forensiker hatten mit Fotofallen studiert, welche Aasfresser menschlichen Überresten zusetzen können – ein Gast kam unerwartet

San Marcos – Tierische Pflanzenfresser handhaben ihren Speisezettel meist etwas lockerer als menschliche Vegetarier. Abgesehen von weitverbreiteter Omnivorie – also einer grundsätzlich gemischten Ernährung – kennt man auch zahllose Fälle von Tieren, die als klassische Pflanzenfresser eingestuft sind, aber doch zu Fleisch greifen, wenn sich eine Gelegenheit auftut.

Das gilt beispielsweise für so gut wie alle Säugetierarten, von Rehen über Eichhörnchen bis zu Pandabären. Oft bedienen sich die Tiere an Aas, es kann aber auch zu Eierdiebstahl kommen oder sogar noch lebende Beute gefressen werden. Ein Sonderfall ist die sogenannte Plazentophagie, bei der Tiermütter nach der Geburt ihre eigene Plazenta auffressen: Das ist unter den Höheren Säugetieren derart weit verbreitet, dass der Mensch zu den wenigen Ausnahmen zählt, die dies nicht tun.

Eine Premiere

Trotzdem staunten vor zwei Jahren Forscher der Texas State University nicht schlecht über die Bilder, die ihnen ihre Fotofallen geliefert hatten: Sie zeigten einen Hirsch mit menschlichen Knochen im Maul (Fotos finden Sie hier). Der Fall ereignete sich Anfang 2015 und wurde nun im Rahmen einer Studie im Fachmagazin "Journal of Forensic Sciences" veröffentlicht.

Das Team um Lauren A. Meckel hatte im Sommer davor einen für forensische Zwecke gespendeten Leichnam in einem Waldstück der Forensic Anthropology Research Facility im texanischen San Marcos deponiert. Über die Monate hinweg sollte der Zerfallsprozess studiert werden, insbesondere welche Rolle aasfressende Tiere dabei spielen. Die Forscher wollten exakt ermitteln, welche Spuren von welchen Tieren hinterlassen werden. Wenn künftig menschliche Überreste in der Wildnis gefunden werden, kann dies die Bestimmung des Todeszeitraums und letztlich die Identifizierung des Toten erleichtern.

Osteophagie

Zu den Aasfressern dieser Region zählen unter anderem Füchse, Waschbären, Kojoten und Truthahngeier. Am 5. und dann noch einmal am 13. Jänner 2015 nahmen die Kameras allerdings auch einen eher unerwarteten Gast neben dem mittlerweile skelettierten Leichnam auf: einen Weißwedelhirsch, einen nahen Verwandten unseres Rehs. Ob es sich bei dem Tier, dem auf einem Foto ein Knochen aus dem Maul ragt, auf allen Aufnahmen um dasselbe Exemplar handelt oder um zwei verschiedene, konnte nicht geklärt werden.

Laut Meckel handelt es sich um den ersten dokumentierten Fall eines Hirsches, der menschliche Knochen frisst. Was allerdings nur für uns Menschen etwas Besonderes darstellt: Anhand tierischer Knochen hat man sogenannte Osteophagie bei Hirschen schon öfter festgestellt. Die Zickzack-Muster, die sie beim Knabbern hinterlassen, unterscheiden sich deutlich von den Zahnabdrücken von Raubtieren. Laut den Forschern können die Pflanzenfresser auf diese Weise wichtige Mineralien aufnehmen, die ihre normale Ernährung kaum enthält. (jdo, 7.5.2017)

  • Weißwedelhirsche sind über fast ganz Nordamerika und die nördlichen Teile Südamerikas verbreitet. Einer hat nun texanische Forensiker ins Staunen gebracht.
    foto: ap photo/robert f. bukaty

    Weißwedelhirsche sind über fast ganz Nordamerika und die nördlichen Teile Südamerikas verbreitet. Einer hat nun texanische Forensiker ins Staunen gebracht.

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