"Massiv und koordiniert": Hackerangriff auf Macrons Wahlkampfteam

7. Mai 2017, 10:19
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"Um Zweifel und Desinformation zu säen" – Vorfall "MacronLeaks" erinnert an Cyber-Attacke auf Hillary Clinton in den USA

Paris – Einen Tag vor der Stichwahl für die französische Präsidentschaft sorgt ein Hacker-Angriff auf die Bewegung des favorisierten Kandidaten Emmanuel Macron für Aufregung. Der Zeitpunkt weckt Erinnerungen an die US-Präsidentschaftswahl.

Bei der "massiven und koordinierten" Attacke seien E-Mails, Verträge sowie andere interne Dokumente erbeutet und später ins Internet gestellt worden, um der politischen Bewegung "En Marche!" zu schaden, teilte Macrons Wahlkampfteam in der Nacht zum Samstag mit. Es handle sich um einen "beispiellosen Vorgang" und gezielten "Versuch, die französische Präsidentschaftswahl zu destabilisieren".

Daten schon vor Wochen entwendet

Die Dokumente waren den Angaben zufolge schon vor einigen Wochen aus privaten und beruflichen E-Mail-Postfächern von Verantwortlichen der Bewegung entwendet worden. Echte Unterlagen seien zusammen mit gefälschten ins Netz gestellt worden, "um Zweifel und Desinformation zu säen". Laut der Enthüllungsplattform Wikileaks, die auf das unter dem Hashtag #MacronLeaks kursierende Datenmaterial verlinkte, handelt es sich um Zehntausende Dokumente im Umfang von rund neun Gigabyte.

Die Daten waren zunächst von einem User unter dem Namen EMLEAKS auf der Internetseite Pastebin veröffentlicht worden. Auch US-Aktivisten aus dem äußerst rechten Spektrum haben die teils gefälschten Unterlagen dann stark verbreitet. Twitter und Facebook nahmen auf Anfrage zu ihrer Rolle bei der Verbreitung nicht Stellung.

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung nur wenige Stunden vor dem zweiten Wahlgang zeigt aus Sicht von "En Marche!" das offenkundige Ziel: "Destabilisierung der Demokratie, wie man es schon in den USA beim letzten Präsidentschaftswahlkampf gesehen hat." Dort hatten Wikileaks-Veröffentlichungen der US-Präsidentschaftsfavoritin Hillary Clinton schwer zugesetzt. Letztlich verlor sie die Wahl im November überraschend.

Richtungsweisende Wahl

Macron duelliert sich in der Stichwahl am Sonntag mit der Rechtspopulistin Marine Le Pen – wobei in manchen französischen Überseegebieten wegen der Zeitverschiebung bereits einen Tag früher abgestimmt wurde. Der frühere Wirtschaftsminister ist klarer Favorit, er lag in den letzten Umfragen mit rund 62 zu 38 Prozent vorne.

Die Abstimmung gilt wegen Le Pens Anti-EU-Kurs als Richtungsentscheidung für den ganzen Kontinent. Die Front-National-Politikerin will Frankreich aus dem Euro führen und ihre Landsleute über die EU-Mitgliedschaft abstimmen lassen. Macron ist europafreundlich und strebt eine enge Partnerschaft mit Deutschland an.

Bereits Mitte der Woche hatte es in sozialen Netzwerken Gerüchte gegeben, dass Macron ein Konto in einem Steuerparadies habe. Le Pen griff die Vorwürfe im einzigen TV-Duell vor der Wahl auf. Macron erstattete Anzeige gegen Unbekannt, die Staatsanwaltschaft nahm Vorermittlungen auf wegen Verbreitung einer Falschnachricht.

Verdacht seit Ende April

Zudem hatte "En Marche!" bereits Ende April unter Berufung auf die IT-Sicherheitsfirma Trend Micro berichtet, Macrons Präsidentschaftswahlkampagne sei Ziel der Hackergruppe "Pawn Storm" geworden. Westliche IT-Sicherheitsfirmen vermuten dahinter eine Gruppe mit mutmaßlicher Nähe zu russischen Geheimdiensten, die auch hinter Hackerangriffen auf den Parteivorstand der US-Demokraten und die CDU von Bundeskanzlerin Angela Merkel stecken soll.

Macrons Einstellung zu Russland gilt als äußerst kritisch. "En Marche!" beschuldigte Moskau zuletzt, über Medien wie RT in den französischen Wahlkampf einzugreifen – der Sender ist bekannt dafür, staatliche Propaganda zu verbreiten. Unterstützt wird diese Sichtweise von Frankreichs Außenminister Jean-Marc Ayrault, demzufolge Macron Ziel von Cyberangriffen aus Russland ist.

Warnung vor Weiterverwendung gestohlener Daten

Die staatliche Kontrollinstanz zur Überwachung des französischen Präsidentschaftswahlkampfs warnte Medien davor, Inhalte aus gehackten "En Marche!"-Unterlagen zu veröffentlichen – auch weil die Verbreitung falscher Nachrichten strafrechtlich geahndet werden könne, teilte die Nationale Kommission zur Kontrolle des Wahlkampfs (CNCCEP) am Samstagfrüh mit.

Die Zeitung "Le Monde" will nicht nur wegen der Strafdrohung nicht über die Inhalte berichten. Als Hauptgrund wurde vor allem "das offensichtliche Ziel" genannt, mit der kurzfristigen Verbreitung dieser Dokumente vor der Wahl am Sonntag "die Integrität der Abstimmung zu beschädigen". Zudem sei es angesichts der gewaltigen Datenmenge unmöglich, Inhalt und Authentizität des Materials mit der gebotenen Sorgfalt zu prüfen, bevor die Wahllokale schließen. (APA, 7.5.2017)

  • Emmanuel Macron in der Nacht zum Samstag in einem Hotelzimmer in Rodez: Der Hackerangriff könnte seiner Favoritenrolle schaden.
    foto: reuters/regis duvignau

    Emmanuel Macron in der Nacht zum Samstag in einem Hotelzimmer in Rodez: Der Hackerangriff könnte seiner Favoritenrolle schaden.

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