Der Favorit, die Herausforderer, die Überraschungen und ein Absturz

6. Mai 2017, 11:56
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Die ersten Proben der Teilnehmer des diesjährigen Eurovision Song Contest sind über die Bühne gegangen. Erste Prognosen aus Kiew

Schon am Flughafen zeigt sich die Ukraine von seiner gastfreundlichen Seite. Ein eigener "Eurovision Visitor"-Eingang erleichtert die mühelose Einreise, freiwillige Helfer checken die richtigen Taxis, damit man nicht schon zu Beginn abgezockt wird und die Preise für Essen, Kaffees, Borschtsch und Ubahn-Fahrten sind (aus westlicher Perspektive) eine Wohltat für die Fangeldbörse nach Stockholm im Vorjahr.

In der Eurovision Bubble beim International Exhibition Centre in Kiew sieht es aber anders aus. Man spürt die politischen Spannungen. Hinter vorgehaltener Hand erzählen EBU-Mitarbeiter von Korruption, politischer Einflussnahme und mühsamen Prozessen. Die Show wird wohl perfekt werden, doch hinter den Kulissen dürfte es immer noch ein richtig schwieriger Song Contest sein, nicht nur wegen des Konflikts mit Russland.

Die Bewerbe 2009, 2012 und 2017 ähneln sich. Schon vorab weiß man eigentlich ziemlich genau wer gewinnen wird. Die Spannung ist eher, ob der Kandidat der Favoritenrolle gerecht werden wird oder eine wirklich unerwartete Überraschung passieren wird. 2009 war das Alexander Rybak mit "Fairytale", 2012 Loreen mit "Euphoria" und 2017 ist das Francesco Gabbani mit "Occidentali’s Karma".

Der Favorit

Der italienische Vertreter und Sanremo-Sieger hat genau das, was ein perfektes Gesamtpaket ausmacht. Einen intelligenten Text, verpackt in eingängiger Melodie, die man jederzeit mitsingen kann, Charisma, Bühnenpräsenz, augenzwinkernden Humor (zum Beispiel mit dem anglisierten Apostroph im Songtitel) und Charme. Es würde an einem Wunder grenzen, wenn der das Ding nicht für Italien gewinnen wird.

Auf YouTube hat Francesco Gabbani jedenfalls einen unglaublichen Rekord erreicht. Noch nie hat ein Song Contest-Teilnehmer über 100 Millionen Views vor dem Bewerb erreicht, auch wenn in Kiew eine stark gekürzte Version präsentiert wird.

gabbanivevo

Die Herausforderer

Der portugiesische Vertreter Salvador Sobral ist aus meiner Sicht derjenige, der Gabbani am gefährlichsten werden könnte. Zugleich ist er aber auch der große Abwesende der ersten Probenwoche. Er unterzieht sich derzeit einer Operation, daher singt seine Schwester Luísa Sobral in den Proben den von ihr geschriebenen Song "Amar Pelos Dois". Der Song ist berührend, einfach, zeitlos und erinnert an die Bewerbe der 60er Jahre. Erst am Vorabend seines Semifinales wird der Portugiese anreisen. Welche Operation er sich genau unterziehen muss, wird vom portugiesischen Team geheimgehalten. Angeblich leidet er unter einer Hernie. Dies würde auch die Wölbungen erklären, die man bei seinen Auftritten in diesem Frühling unter seinen weiten Hemden erahnen konnte.

eurovision song contest

Bulgarien ist laut den Buchmachern der größte Herausforderer. Seit Monaten liegt er mit seinem Song "Beautiful Mess" auf den zweiten Platz bei den Wettfreudigen. Kristian Kostov heißt der junge Mann, der bulgarisch-kasachischer Abstammung ist und in Moskau geboren wurde. Er ist der erste Teilnehmer der ESC-Geschichte, der bei seinem Geburtsjahr einen Zweier vorne stehen hat.

Weitere Herausforderer mit guten Chancen auf eine Top-Platzierung haben laut Buchmachern unter anderem der Schwede Robin Bengtsson, die Aserbaidscherin Dihaj und der Australier Isaiah Firebrace. Ich persönlich würde den Ungar Joci Pápai mit "Origo" noch dazurechnen.

Die Überraschungen

Nathan Trent heißt der österreichische Teilnehmer, der nach Kiew kam, und von dem alle dachten, ein vorderer Platz sei mit dem selbst komponierten Song "Running On Air" eher unwahrscheinlich. Dann absolvierte er die erste Probe und eroberte die Eurovision-Community im Sturm. Plötzlich gilt er als einer der Geheimfavoriten für einen Top 10-Platz. Tatsächlich hat Nathan Trent alle überrascht. Die Performance mit Halbmond und sehr ansprechenden LED-Projektionen ist sehr stimmig, seine Stimme ist bestechend gut und er strahlt Freude aus. Das steckt an. Etwas erinnert dies an Zoë im Vorjahr. Sie gewann die Fans vor Ort mit dem Song, Nathan mit seiner enorm ansteckenden fröhlichen und charmanten Art.

eurovision song contest

Eine weitere Überraschung ist Armenien, dessen Beitrag im Vorfeld keiner ganz vorne auf der Rechnung hatte. Armenien schickt ein inzwischen selten gewordenes Genre nach Kiew: "Fly With Me" von Artsvik ist Ehtnopop. Da der ESC mittlerweile von internationalem Standard-Pop, vorzugsweise von schwedischen Fließbandkomponisten geschneidert, dominiert wird, ist so etwas wieder mal wohltuend. Die optische Umsetzung ist enorm gut gelungen.

Der Absturz

Eine große Enttäuschung ist die 1999 in Brüssel geborene Blanche, die mit "City Lights" Belgien im ersten Semifinale vertreten wird. Sie kam als eine der Topfavoritinnen nach Kiew, doch dann enttäuschte so ziemlich alles: Das Kleid, die Bühnenpräsenz, die Umsetzung, einfach alles. Immerhin kann sie sich damit trösten, dass dieser Song wohl nach dem Bewerb viel im Radio gespielt wird. Für dieses Format ist der Elektropopsong großartig. Er funktioniert nur nicht auf der Bühne. Für einen Song Contest natürlich blöd sowas.

eurovision song contest

(Marco Schreuder, 6.5.2017)

  • Der Favorit: Francesco Gabbani singt einen kritischen Text mit viel Spaß und eingängiger Melodie. Vermutlich der Gewinner 2017.
    foto: thomas hanses (ebu)

    Der Favorit: Francesco Gabbani singt einen kritischen Text mit viel Spaß und eingängiger Melodie. Vermutlich der Gewinner 2017.

  • Der Herausforderer: Der Portugiese Salvador Sobral könnte dem Italiener gefährlich werden. Da er aber operiert wird, singt seine Schwester und Komponistin stattdessen in den Proben. Sowas gab es in der ESC-Geschichte noch nie.
    foto: andres putting (ebu)

    Der Herausforderer: Der Portugiese Salvador Sobral könnte dem Italiener gefährlich werden. Da er aber operiert wird, singt seine Schwester und Komponistin stattdessen in den Proben. Sowas gab es in der ESC-Geschichte noch nie.

  • Die Überraschung: Nathan Trent kam als Außenseiter nach Kiew und überzeugt hier alle. Der Finaleinzug rückt näher.
    foto: orf/roman zach-kiesling

    Die Überraschung: Nathan Trent kam als Außenseiter nach Kiew und überzeugt hier alle. Der Finaleinzug rückt näher.

  • Der Absturz: Belgiens Blanche kam mit einem Radiohit nach Kiew. Auf der Bühne gelingt aber leider gar nichts.
    foto: thomas hanses (ebu)

    Der Absturz: Belgiens Blanche kam mit einem Radiohit nach Kiew. Auf der Bühne gelingt aber leider gar nichts.

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