Maria Lassnig: Die Realitäten im Inneren des Körpergehäuses

    5. Mai 2017, 17:45
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    Die Albertina zeigt unter dem Titel "Zwiegespräche" 80 Zeichnungen und Aquarelle der vor drei Jahren verstorbenen großen österreichischen Künstlerin. Neben Schlüsselwerken sind in der großartigen Schau auch noch nie ausgestellte Blätter zu sehen

    Wien – "Ich werde", sagte Maria Lassnig in unserem letzten großen Interview vor ihrem Tod düster, "auch nach dem Tod noch lange nicht so gewürdigt sein, wie ich es sollte. Das klingt hochmütig. Aber es ist so, dass man meine Kunst nicht in dem Maße würdigt, wie ich es verdiene." Vermutlich wäre die Weltklassekünstlerin, die heute vor drei Jahren, am 6. Mai 2014, 94-jährig starb, mit der aktuellen musealen Präsentationsdichte aber doch einigermaßen zufrieden: Abgesehen von Ausstellungen im Museum Folkwang in Essen, in der Stadtgalerie in Athen und im Palazzo Pitti in Florenz hängen ihre Zeichnungen und Aquarelle derzeit in der Albertina – und zwar auf einer Ebene mit Pablo Picasso. Bei aller Unterschiedlichkeit der beiden Persönlichkeiten und deren künstlerischem Vokabular: Das passt!

    Wie bei Picasso ist auch Lassnigs fast achtzig Jahre umspannendes, ebenso visionäres wie innovatives OEuvre eingebettet in ein überraschendes Früh- und ein betörendes Alterswerk. Dies beweist aufs Anschaulichste auch die Albertina-Ausstellung, in der erstmals seit Lassnigs Tod ausschließlich Zeichnungen und Aquarelle gezeigt werden (sechs, darunter Fettes Selbstporträt von 1958, gehören dank eines Fundraising-Dinners neuerdings der Albertina).

    Schlüsselwerke und etliche bisher selten oder noch nie gezeigte Blätter hat Kuratorin Antonia Hoerschelmann unter dem treffenden Titel Zwiegespräche zu einer erhellenden, zutiefst berührenden Chronologie von Lassnigs Hoffnungen, Enttäuschungen, Verletzungen, ihren Ängsten und Aggressionen geordnet.

    Dialoge mit sich selbst

    Ihr gesamtes Künstlerleben lang beschäftigte sich Lassnig mit ihrem Körper, trat in einen nie abreißenden Dialog mit sich selbst und schlug aus ihrem innersten Ich immer wieder Brücken zur Außenwelt. Zunächst porträtierte sie sich als kritisch in die Welt blickendes junges Mädchen im kräftigen Kolorit des Nötscher Kreises; ein paar Jahre später nahm sie für ihr Sex-Selbstporträt (1949) künstlerische Anleihen bei den Kubisten, für das ebenfalls 1949 entstandene Selbstporträt als Zitrone bei den Surrealisten und für ihre Statischen Meditationen schließlich beim Informel.

    Nachdem sie innerhalb kürzester Zeit die interessanten Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts durchforstet hatte, suchte sie, wie sie in ihrem Tagebuch notierte, "eine Realität, die mehr im Besitz wäre als die Außenwelt, und fand als solche das von mir bewohnte Körpergehäuse." Mit ihrer unverwechselbaren künstlerischen Sprache, mit kräftigen Kohle- und kristallinen Bleistiftstrichen oder in der für sie typischen bleichen Aquarellfarbigkeit erzählte sie fortan unverdrossen von ihrem Körperbewusstsein, stellte sich, ihre Abgründe und Seelenqualen, ihre Erfahrungen und Empfindungen, ihre Gedanken und inneren Spannungen im wahrsten Sinn des Wortes bloß.

    Sehnsucht nach Liebe

    Sie, das "Muttikind", wie sie sich selbst bezeichnete, betrauerte den Tod der über alles geliebten Mutter. Sie, die ihren leiblichen Vater nie kennenlernte, idealisierte den Ziehvater. Sie, die feministische Künstlerin, empörte und/oder mokierte sich über männliche Überlegenheit (etwa 1958 mit dem Phallusselbstporträt oder zehn Jahre später mit dem Selbstporträt als Playboystuhl). Sie, die Einzelgängerin, sehnte sich nach körperlicher Liebe und nach Familie. Als Teddymama (1998) etwa wiegt sie ein Stofftier im Arm, auf der grellgelb grundierten Zeichnung Das Erinnern – das ist Liebe (1997) drückt sie ein Baby an die Brust.

    "Ein Aquarell ist wie eine Liebesbeziehung: Nachträgliche Verbesserung unmöglich", kritzelte sie 1989 an den Rand eines Aquarells: ironisch, tieftraurig, lakonisch, typisch Lassnig eben. (Andrea Schurian, 5.5.2017)

    Bis 27. 8. in der Albertina

    Maria Lassnig

    Interview mit Maria Lassnig aus dem Jahr 2013:

    "Die Seele ist immer da"

    • "Selbstporträt als Playboystuhl" (Gouache, 1989): Maria Lassnig stellte im wahrsten Sinn des Wortes sich, ihr Körperbewusstsein, ihre inneren Erfahrungen und Empfindungen bloß.
      foto: 2017 maria-lassnig-stiftung

      "Selbstporträt als Playboystuhl" (Gouache, 1989): Maria Lassnig stellte im wahrsten Sinn des Wortes sich, ihr Körperbewusstsein, ihre inneren Erfahrungen und Empfindungen bloß.

    • Eine frühe Arbeit: "Kopf" von 1963.
      foto: 2017 maria lassnig stiftung

      Eine frühe Arbeit: "Kopf" von 1963.

    • "Gesichts-schichtenlinien" von 1996.
      foto: 2017 maria lassnig stiftung

      "Gesichts-schichtenlinien" von 1996.

    • "Das Erinnern – das ist Liebe" von 1997.
      foto: 2017 maria lassnig stiftung

      "Das Erinnern – das ist Liebe" von 1997.

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