Ein Sonntagsanzug und ein Rendezvouz mit dem Leben

Kommentar der anderen5. Mai 2017, 16:17
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Zum Tag des Lachens am 7. Mai: Über Humanität und Humor im hohen Alter

Kinder lachen durchschnittlich an die 400 Mal am Tag. Im Vergleich dazu: Erwachsene nur rund 15 bis 20 Mal. Und wie ist das dann im hohen Alter, wenn man alt und eventuell auch noch krank ist, wenn man im Pflegeheim lebt? Da wird mir persönlich ganz schummrig vor Augen, wenn ich diese Statistik zu Ende denke.

Als Clowndoctors versuchen wir den Lauf dieser Statistik zu verbessern. Denn gerne herrscht in geriatrischen Einrichtungen ein langsamer, immer wiederkehrender Rhythmus. Clowns sind da, um diesen langsamen Fluss behutsam zu akzentuieren. Denn in der Abwechslung der Stimmung liegt das pralle Leben.

Lachen ist immer ein Zeichen von Vitalität und Lebensfreude, hebt die Kommunikation und intensiviert den Austausch mit anderen. Es ist wie ein Rendezvous mit dem Leben. Das weckt die Lebensgeister. Ist das nicht auch im hohen Alter erstrebenswert?

Beim Sitzwalzer

Herausgeputzt im Sonntagsanzug, so wie damals in den goldenen Zeiten üblich, kommen die Clowndoktoren regelmäßig zu Besuch. Sie bringen Leichtigkeit und Optimismus mit, gepaart mit Einfühlungsvermögen und Wertschätzung – und sie laden ein: zum (Sitz-) Walzer, zum Ständchen oder auf ein Schwätzchen auf Augenhöhe: über das Befinden, die gute alte Zeit oder die Liebe zum Beispiel.

Oh ja, die Liebe, da gibt es immer eine Menge zu erzählen, und die Clowns sind ja furchtbar ungeschickt im Flirten, da lernen sie noch viel von den Alten.

Blitzt da jetzt ein Gedanke auf: "Wo bleibt die Würde des alten Menschen? Alte Menschen und Clowns, das ist kindisch und niveaulos!" Dann hier mein Appell: Verurteilen Sie Clowns nicht vorschnell, nur weil Sie sie intellektuell ablehnen. Schauen Sie genauer hin, hören Sie hin! Kommen Sie zu uns in die Geriatrie!

Die Clowndoktoren besuchen über viele, viele Jahre hinweg geriatrische Einrichtungen und begleiten die alten Menschen meist bis zum Lebensende. Man kennt sich. Man schätzt sich. Man lacht und scherzt miteinander. Die Frage, wann wir wiederkommen, ist die häufigste Frage, die wir als Clowns von den Seniorinnen und Senioren gestellt bekommen. Viel öfter, als wenn wir Kinder besuchen!

Realität hinter der Realität

Der Narr, der Spaßmacher, er war – historisch gesehen – immer schon ein Spiegelbild der Realität. Er stellt die Realität hinter der Realität dar. Die Clowns waren nicht nur Unterhalter, sondern auf irdische Weise waren sie auch Seher, Heiler und kritische Geister. Der Clown ist ein Archetyp von Mensch, in dem wir uns alle wiedererkennen. Daher ist er auch ein Symbol für Humanität.

Und wünschen wir uns das nicht alle: Humanität und Humor im hohen Alter? (Giora Seeliger, 5.5.2017)

Giora Seeliger hat Rote Nasen in Österreich und in neun weiteren Ländern gegründet. Er ist Clownerie-Experte, Schauspieler, Regisseur und Trainer.

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