Konsumenten trauen dem Haltbarkeitsdatum mehr als ihrer Nase

Umfrage5. Mai 2017, 15:03
433 Postings

Tonnen an Lebensmitteln landen auch wegen unrealistischer Mindesthaltbarkeitsdaten im Müll

Wien – Vom Kühlschrank bis zum Mistkübel ist es in modernen Haushalten nicht weit. Ein Weg, den viele Lebensmittel nehmen, wie Greenpeace beklagt. Und das, obwohl sie weit von der Ungenießbarkeit entfernt sind.

Jährlich landen laut der NGO hierzulande rund 280.000 Tonnen Brot, Gemüse, Nudeln und Co in den Haushalten im Müll statt auf dem Teller. Den Grund für diese Verschwendung sieht Greenpeace im Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD), im Volksmund auch Ablaufdatum genannt. So wird es oft auch verstanden: Für Konsumenten sind die auf Joghurtdeckeln oder Nudelpackungen gedruckten Daten vielfach eine rote Linie, was den möglichen Verzehr des Inhalts betrifft.

Dass dem nicht so ist, wissen all jene Konsumenten, die neben dem MHD noch ihre Sinnesorgane zu Hilfe nehmen und am Joghurt riechen und schmecken, ehe es im Abfall landet. Dass die Daten eher Orientierungshilfe denn unumstößliche Richtlinie sind, zeigt auch ein aktueller Langzeittest von Greenpeace. Viele MHD-Angaben seien offensichtlich völlig unrealistisch, so die Tester. Drei von acht geprüften Produkten – nämlich Joghurt, Sojajoghurt und Tofu – waren auch zwölf Wochen nach Überschreitung einwandfrei genießbar. Auch die getesteten Eier hielten mehr als zehn Wochen länger.

Viele Gründe

Für Gudrun Obersteiner vom Institut für Abfallwirtschaft an der Universität für Bodenkultur (Boku) in Wien nicht überraschend. Dort beschäftigt man sich seit fast 20 Jahren mit dem Thema "viel Nahrung nur für den Mistkübel". Im Schnitt werden in jedem österreichischen Haushalt jährlich Lebensmittel im Wert von rund 263 Euro weggeworfen, fand die Boku heraus.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Mangelnder Überblick in den Haushalten, fehlende Kompetenz bei den Konsumenten, aber auch die Tatsache, dass im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten nur noch rund zwölf Prozent der Haushaltsausgaben für Lebensmittel aufzuwenden sind, gehören dazu.

Abfülldatum

Aber auch das MHD trage sein Scherflein bei, sagt Obersteiner. Wie Greenpeace-Experte Herwig Schuster fände auch sie ein Abfülldatum sinnvoller. Dass es zu einer solchen gesetzlichen Vorgabe auf EU-Ebene kommt, hält sie aber für unrealistisch. Zu viele verschiedene Vorstellungen, Umweltschützer versus Hygieniker, würden hier aufeinandertreffen. An der Bewusstseinsbildung der Konsumenten führt ihrer Ansicht nach ohnehin kein Weg vorbei. "Da hat sich viel verbessert. Gastronomie und Handel spielen mit. Bei den Konsumenten wird uns das auch noch gelingen."

Greenpeace nimmt aber auch den Gesetzgeber in die Pflicht. Einerseits sollte auf EU-Ebene die Ausnahmeliste erweitert werden. Zu Salz, Zucker, Obst könnten Nudeln und Reis dazugenommen werden, sagt Schuster. Das wird auch diskutiert, lange schon und immer wieder. Aber auch in Österreich, so findet Schuster, könne etwa das Gesundheitsministerium die Hersteller zusammentrommeln, um eine freiwillige Verpflichtung zu realistischeren Angaben zu erreichen. Dort hält man es für wichtiger, die Konsumenten darüber aufzuklären, was das Mindesthaltbarkeitsdatum ist. (Regina Bruckner, 5.5.2017)

Hier geht es zum Greenpeace-Test.

Die Boku fahndet in einer Umfrage in Sachen Lebensmittel im Müll nach den Gründen. Hier kann man mitmachen.

Wissen

Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) ist ein vorgeschriebenes Kennzeichnungselement, das laut EU-Recht auf Fertigpackungen anzugeben ist. Es gibt an, bis zu welchem Termin ein Lebensmittel bei sachgerechter Aufbewahrung auf jeden Fall ohne Risiko zu konsumieren ist. Die Festlegung liegt im Ermessen des Herstellers. So kann es sein, dass gleichartige Produkte verschiedener Hersteller eine unterschiedliche Mindesthaltbarkeit haben.

Produkte mit abgelaufenem MHD dürfen weiter verkauft werden, sofern sie einwandfrei sind, müssen aber deutlich gekennzeichnet sein. Im Gegensatz zu Produkten mit MHD dürfen Produkte mit Verbrauchsdatum (gilt etwa für Fisch) nicht mehr nach Ablauf verkauft werden. Von einem Verzehr wird ebenso abgeraten, da insbesondere bei Lebensmitteln erhöhte gesundheitliche Risiken bestehen.

  • Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Ablaufdatum. Das ist vielen Konsumenten nicht klar.
    foto: apa/dpa/tim brakemei

    Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Ablaufdatum. Das ist vielen Konsumenten nicht klar.

    Share if you care.