Watergate-Aufdecker Bernstein: Zeit für Aggression

5. Mai 2017, 14:10
21 Postings

Unter US-Präsident Trump sollten sich Journalisten auf ihr Handwerk besinnen, fordert Carl Bernstein. Seine Kollegen machen ihn mitunter grantig

Wien – Die Journalistenlegende Carl Bernstein scheut sich nicht, die Unzufriedenheit mit Teilen der Branche auszudrücken. Auch am Freitag in Wien: Die Journalisten beim Pressegespräch waren ihm zu schlecht vorbereitet – nur wenige hatten auch Bernsteins Keynote bei den Journalismustagen am Vortag gehört. Dass der Aufdecker von Richard Nixons Watergate-Skandal nun nicht darauf Bezug nehmen konnte, verursachte offensichtlichen Koryphäengrant.

Das "wirkliche Versagen" will der 73-Jährige aber in den USA beobachtet haben, "vor allem bei den Fernsehnachrichten im Vorwahlkampf" des vergangenen Jahres. Noch bevor Donald Trump zum Kandidaten der Republikaner gewählt wurde, hätten die Fernsehsender tiefgehende Porträts senden sollen – sowohl über Hillary Clinton als auch über den nunmehrigen Amtsinhaber. Medien hätten "über vieles berichten sollen, über das sie nicht berichtet haben", schalt Bernstein.

Als Schwarzmaler will sich der Journalist dennoch nicht verstanden wissen. "Wir leben im goldenen Zeitalter des investigativen Journalismus", nennt er als Grund zum Optimismus. Und während etliche lokale Tageszeitungen in den USA nun nicht mehr bestünden, gebe es im tagesaktuellen Bereich "keine besseren journalistischen Organisationen auf der Welt als die 'Washington Post', die 'New York Times' und das 'Wall Street Journal'. Zugegeben, wir haben heute weniger als früher; aber das sind tolle Organisationen."

Zeit für tiefe Grabungen

So vernichtend Bernstein die Berichterstattung vor der Nominierung Trumps kritisierte, so zufrieden ist er mit der Arbeit seiner Kollegen, seit Trump Präsident ist: "Die Berichterstattung über den Präsidenten ist wirklich gut. Wäre es nicht so, würde er sich wohl nicht so sehr darüber aufregen." Jetzt sei die Zeit, tief zu graben und aggressiv zu recherchieren. Die "best obtainable version of the truth" (beste verfügbare Version der Wahrheit) – die Phrase, die Bernstein als Zielvorgabe für den Journalismus geprägt hat – sei "ein einfaches Konzept, aber sehr schwierig zu erreichen".

Auf die Frage eines ORF-Journalisten, wie mit politischen Interventionen umzugehen sei, hatte Bernstein jedenfalls eine in der Theorie ebenfalls einfache Antwort: "Berichten Sie." (Sebastian Fellner, 5.5.2017)

  • Carl Bernstein stellt Ansprüche an Journalisten: Trump hätte man viel früher unter die Lupe nehmen müssen – und zu einem Pressegespräch sollte man vorbereitet erscheinen.
    foto: apa/herbert neubauer

    Carl Bernstein stellt Ansprüche an Journalisten: Trump hätte man viel früher unter die Lupe nehmen müssen – und zu einem Pressegespräch sollte man vorbereitet erscheinen.

    Share if you care.