Frankreichs Präsidenten: Liebhaber der Literatur

    6. Mai 2017, 09:00
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    Von Charles de Gaulle bis zu Emmanuel Macron: über die intellektuellen und literarischen Traditionen der französischen Präsidenten

    Dass Emmanuel Macron, der wohl jetzt am Sonntag zum Präsidenten Frankreichs gewählt werden wird, mit einer 24 Jahre älteren Frau verheiratet ist, weiß inzwischen jeder. Weniger interessiert man sich für den Umstand, dass sie seine Französischlehrerin war.

    Und doch: Dieser Liebhaber der Literatur, der vor seiner Zeit in der Bank Rothschild für den Philosophen Paul Ricoeur gearbeitet hat, folgt der Tradition der Präsidenten unserer Fünften Republik. Diese müssen, um das Vertrauen der Mitbürger zu verdienen, von entsprechendem kulturellem Ni-veau sein, unter dem sie der präsidentiellen Funktion unwürdig gewesen wären. Die TV-Debatte – vielmehr eine brutale Schlammschlacht – zwischen Emmanuel Macron und Marine Le Pen am 3. Mai hat wohl einen Niedergang eingeläutet.

    Gegenbeispiel Sarkozy

    Der Hang zur Hochkultur ist durchaus von politischer Relevanz: Chiracs Passion für die "arts premiers" besonders Afrikas und Ozeaniens (das Museum Quai Branly in Paris ist davon ein eindrucksvolles Zeugnis), sein Interesse für die Kultur des Anderen spielten eine Rolle bei der Weigerung Frankreichs im Jahre 2003, sich an der desaströsen Irakinvasion durch die USA zu beteiligen.

    Ein Gegenbeispiel bleibt Nicolas Sarkozy, der sich nach seinem Amtsantritt 2007 bemüßigt fühlte, sich über La Princesse de Clèves (Die Prinzessin von Clèves), einen Roman des 17. Jahrhunderts und festen Bestandteil des Schulunterrichts, lustig zu machen: Es sei absurd, Schüler mit einem derart von der Realität entfernten Text zu plagen. Seine Kritik führte zu einem Skandal, nicht nur bei den Eliten. Wie der Schriftsteller Érik Orsenna sagt, der Chef der französischen Konservativen hätte weniger schockiert, hätte er es für einen angehenden Ingenieur als unnötig empfunden, zu wissen, dass die Erde rund ist!

    Verehrung der Hochkultur

    Diese Verehrung der Hochkultur, vor allem der Literatur, mag das Ausland erstaunen, sogar nerven. Sie geht auf General de Gaulle zurück, der klassisch gebildet war und seine Reden selbst redigierte. Nach jeder Fernsehrede des "Grand Charles" machten sich die Journalisten an die Wörterbücher, um Ausdrücke zu verstehen, die er aus früheren Zeiten ausgegraben hatte. Auf der Höhe der Krise vom Mai 1968 sprach er von "chienlit" – das heißt von studentischen Krawallen im mittelalterlichen Quartier Latin -, um eine Revolte herunterzuspielen, deren Tragweite er nicht begreifen konnte.

    De Gaulle hatte jedenfalls den Weitblick, das Kulturministerium einem echten Schriftsteller, André Malraux, anzuvertrauen. Dieser flirtete in den 1930er-Jahren mit dem Trotzkismus, kämpfte in Spanien mit den internationalen Brigaden und hat 1965 gegenüber wütenden Rechtsextremen das Recht eines öffentlich subventionierten Theaters, Les Paravents (das provokante Stück von Jean Genet über den Algerienkrieg) aufzuführen, tapfer verteidigt.

    Auch eigene Ergüsse

    Sein Nachfolger Georges Pompidou kam aus der École normale supérieure und war literarisch hochgebildet, wenn er auch vor allem für sein Interesse an moderner Kunst (deswegen trägt das Centre Beaubourg seinen Namen) bekannt ist. Dann kam 1974 Valéry Giscard d'Estaing: ein brillanter Technokrat, typisches Produkt der École polytechnique. Immerhin hat er selbst zwei Bücher veröffentlicht: eine alberne erotische Geschichte und 2007 den Schlüsselroman La Princesse et le président – in dem er sich auf eine (angebliche) Romanze mit Lady Di bezieht.

    Auf Giscard folgte François Mitterrand (Präsident von 1981 bis 1995). Dieser war ein leidenschaftlicher Sammler alter Bücher und ein großer Leser, der die Welt dank seiner Lektüren analysierte: Érik Orsenna, der die Reden des Präsidenten schrieb, erinnert sich, dass Mitterrand rege Gespräche über Deutschland mit dem Romancier Michel Tournier hatte und dass er versuchte, die Jugoslawienkriege der 1990er-Jahre anhand der Brücke über die Drina von Ivo Andrics oder den Nahostkonflikt mithilfe einer Biografie Friedrich Barbarossas zu verstehen. Ein Foto von Mitterrand auf dem Rückflug vom belagerten Sarajevo am 28. Juni 1992 spricht Bände: Im Vordergrund sein Minister Bernard Kouchner, erschöpft und vor sich hin dösend, hinter ihm der Präsident in ein Buch vertieft – angeblich Herodot, den Geografen der Antike.

    Bücher vs. Reich des Augenblicks

    Die Kultur, so Orsenna, war für Mitterrand eine Art, Zeit zu gewinnen, Bücher schützten ihn vor dem Zeitdruck. Mitten in harten Verhandlungen mit den Amerikanern auf dem Gipfel von Cancún war sein Sherpa Jacques Attali ganz erstaunt zu sehen, dass der Präsident sich in sein Hotel zurückgezogen hatte, wo er Lamartine las – freilich ein faszinierendes Beispiel eines romantischen Dichters, der auch Politiker war. Und einer der Gründe für das gute Abschneiden des Linken Jean-Luc Mélenchon, der am 23. April fast 20 Prozent der Stimmen schaffte, liegt wohl in seiner Fähigkeit, aus Baudelaire oder Victor Hugos Les Misérables auswendig zu zitieren.

    Unsere Zeit hingegen ist zunehmend das Reich des Augenblicks, die Politik wird blind für alles, was sich nicht sofort in Schlagzeilen und Umfragen wiederfindet. Das Phänomen Donald Trump, der manische Twitterer, treibt es auf die Spitze. Bücher, um den Geist zu formen, Emotionen abzubauen, dem Druck der Zeit zu entgehen: Vielleicht einer der letzten "Lektionen", die Frankreich der Welt noch geben könnte. (Joëlle Stolz, 6.5.2017)

    • Macron und seine Frau: nicht nur Liebhaber der Literatur, sondern vielleicht auch neuer Präsident.
      foto: ap

      Macron und seine Frau: nicht nur Liebhaber der Literatur, sondern vielleicht auch neuer Präsident.

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