"What Remains of Edith Finch" im Test: Familienfluch mit Unterhaltungswert

    Rezension7. Mai 2017, 11:00
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    Das First-Person-Abenteuer erzählt höchst unterhaltsam aus 100 Jahren Familientragödie

    Irgendwie wird die Familie Finch vom Pech verfolgt: Nicht erst seit der norwegische Urgroßvater vor über 100 Jahren die alte Heimat verlassen und sein Glück in den USA gesucht hat, wird die Familie von großen und kleinen Tragödien, unwahrscheinlichen Unglücksfällen und seltsam tödlichen Zufällen heimgesucht. In der Gestalt der letzten verbliebenen Tochter des Clans kehren Spielerinnen und Spieler im First-Person-Abenteuer "What Remains of Edith Finch" (Windows, PS4, 19,99 Euro) zum seit Jahren verlassenen Familienwohnsitz auf einer kleinen Insel vor der Westküste der USA zurück, um vielleicht das Geheimnis der eigenen unglückseligen Familiengeschichte zu lüften.

    Die verlassene Wohnstätte ist allerdings weniger Haus als bizarres modernes Schloss: ein wild wucherndes, durch mehr oder weniger gewagte und architektonisch sinnvolle Zubauten in die Höhe gewachsenes Gewirr von Zimmern und Räumen, von denen noch dazu etliche verschlossen und versiegelt sind und nur durch Geheimgänge betreten werden können.

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    Mit der schrittweisen Erkundung des Hauses, in dem buchstäblich alles noch so herumsteht, wie es beim überhasteten Auszug zurückgelassen wurde, erforscht die Protagonistin so gleichzeitig die ihr unbekannte Familiengeschichte voller Geheimnisse und Schicksalsschläge. Wer einen Thriller oder gar ein Horrorspiel mit Schreckmomenten erwartet, irrt allerdings: "What Remains of Edith Finch" ist allerhöchstens schwarzhumorig und sanft makaber, meist aber ein melancholisch-sympathischer Spaziergang in die Vergangenheit.

    Ein Haus voller Geschichte(n)

    Auch wer sich von der Ausgangssituation an das bemerkenswerte "Gone Home" erinnert fühlt, liegt nur teilweise richtig. Zwar puzzelt man sich auch in "What Remains of Edith Finch" eine Familiengeschichte aus verstreuten Hinweisen in einem verlassenen Haus zusammen, doch hier schlüpft man buchstäblich in mal kleinen, mal großen Geschichten in die Gestalt der eigenen Vorfahren. In zwölf spielbaren Vignetten unterschiedlicher Länge tauchen Spielerinnen und Spieler so kurz in die Leben der allesamt unter mehr oder weniger absurden Umständen ums Leben gekommenen Familienmitglieder ein.

    Spielerisch überraschen diese Ausflüge in die Vergangenheit ein ums andere Mal mit wirklich originellen, kreativen Ideen und teils experimentellen Erzählweisen, wie man sie im First-Person-Genre kaum je zuvor gesehen hat; allein deshalb soll über diese überraschenden Ausflüge an dieser Stelle nicht mehr verraten werden. Die Erforschung des Hauses und somit der eigenen Vergangenheit bietet so gesehen den erzählerischen Rahmen für einen äußerst unterhaltsamen Strauß an teils völlig unterschiedlichen kurzen Spielerlebnissen, die sich – ein ambivalenter Kritikpunkt – allerdings nicht wirklich schlüssig zu einer alles umspannenden Handlung zusammensetzen.

    Denn eigentlich mag man das dem knappe drei Stunden langen, wunderschön gestalteten Abenteuer nicht allzu negativ ankreiden; in einem Medium voller endlos wiederholter Science-Fiction-, Fantasy- und Military-Klischees dürfen sich gerade Spiele mit persönlichen, realistischen Stoffen, wie etwa auch das letztes Jahr erschienene "Firewatch", auch einmal herausnehmen, genauso wie die Realität mehrdeutig zu bleiben und die dramaturgisch ausgelatschten Heldenreise-Pfade zu verlassen. In seinem Experimentieren mit kleinen Erzählformen und ihrer spielerischen Umsetzbarkeit bricht "What Remains of Edith Finch" auch in seiner Rahmenhandlung so mit der Konvention.

    Fazit

    "What Remains of Edith Finch", übrigens das zweite Spiel jenes Studios, das sich mit "The Unfinished Swan" bereits als ungewöhnlicher Entwickler erwiesen hat, ist ein berührender, in vielen Details origineller und höchst unterhaltsamer Versuch, das Erzählen im Computerspiel weiterzuentwickeln. Wirkliche spielerische Herausforderungen sucht man hier vergeblich, doch dafür wird man durch zum Teil absolut überraschende und gelungene Blickweisen nicht nur auf First-Person-Spielmechaniken entschädigt.

    Wer dem eigentümlichen Humor des geistesverwandten Regisseurs Wes Anderson und Spielen wie "Gone Home", "Firewatch" oder "Everybody’s Gone to the Rapture" etwas abgewinnen kann, findet in "What Remains of Edith Finch" einen weiteren Beweis dafür, dass im interaktiven Erzählen noch längst nicht alle Wege beschritten wurden – zum Glück. (Rainer Sigl, 7.5.2017)

    "What Remains of Edith Finch" ist für Windows und PlayStation 4 erschienen. UVP: 14,99 Euro.

    Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

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    What Remains of Edith Finch

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