Harmonie ist nicht gleich Harmonie

    7. Mai 2017, 10:00
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    Komparatist Ross Lipton erforscht Zusammenhänge zwischen Architektur und Musik

    Wien – Unter Harmonie versteht man ein stimmiges Zusammenkommen verschiedener Elemente. Der harmonische Einklang ist, was Unterschiedliches zu einem Ganzen verbindet. Im Konzept der Harmonie treffen sich jedoch grundverschiedene Vorstellungen, wie Ross Lipton, Doktorand in Vergleichender Literaturwissenschaft an der New Yorker Binghamton University, in seiner Dissertation herausarbeitet.

    Zwei wesentliche Ideen kann man dabei unterscheiden, die in der Antike ihren Ursprung nehmen: Auf Platon beziehungsweise Pythagoras zurückgehend, werde Harmonie als kosmische Ordnung verstanden, die mathematisch begründet ist. Demgegenüber stünde die Auffassung von Heraklit, der Harmonie als ein Spannungsverhältnis zwischen Gegensätzen beschreibt. Diese unterschiedlichen Auffassungen von Harmonie ziehen sich durch die Geschichte, bestehen gleichzeitig oder wechseln einander ab, sagt Lipton.

    Er erforscht die Zusammenhänge zwischen Architektur und Musik. Der Begriff der Harmonie, der in beiden Bereichen gebraucht wird, dient seiner Untersuchung als Bindeglied. Darüber hinaus nimmt der Komparatist diverse Materialien zur Hand, um seine Untersuchung in einen größeren Kontext zu setzen. Er analysiert neben Musikstücken und Bauwerken auch Literatur und Zeitungsartikel aus der Epoche sowie Dokumente der zeitgenössischen Künstler, wie Briefe, Essays und Tagebücher. "Mich interessieren Momente großer Umwälzungen", sagt Lipton. In seiner Dissertation beleuchtet er die Architektur, Musik und Literatur in Berlin nach dem Ende der Napoleon-Kriege, in Paris während der Rekonstruktionsphase in den 1860ern und in Wien um die Jahrhundertwende.

    Derzeit forscht Lipton als Fulbright-Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften der Kunstuniversität Linz in Wien (IFK), wo er sich auf das Harmoniekonzept des Komponisten Arnold Schönberg konzentriert. "Schönberg vertrat die Auffassung, dass das musikalische System willkürlich ist", sagt Lipton. Die Dur-Moll-Tonalität sei also ein kulturell hervorgebrachtes System unter vielen, aber nichts Absolutes, was Schönberg nicht zuletzt durch seine Kompositionen in Zwölftontechnik zum Ausdruck brachte.

    Anhand von Schönbergs Korrespondenz mit dem Maler Wassily Kandinsky und dem Architekten Adolf Loos zeigte Lipton die Suche nach neuen Weisen auf, wie Harmonie gedacht werden kann. Im Verständnis dieser Künstler entstehe eine harmonische Ordnung weniger durch Exklusion als durch eine Gleichzeitigkeit von Verschiedenartigem.

    Wie sehr sich architektonische Ideen von einem harmonischen Leben und Bewegen in der Stadt unterscheiden können, zeigt Liptons Vergleich zwischen Camillo Sitte und Otto Wagner. Beide Architekten waren um die Jahrhundertwende in Wien tätig, während aber Wagner auf klare Linien setzte und eher aus der Vogelperspektive plante, habe sich Sitte auf die Wahrnehmung des durch die Stadt Gehenden konzentriert. "In seiner Auffassung war die Stadt eine große Symphonie und der Gehende eine Melodie darin", sagt Lipton. Er plante verwinkelte Gassen, die behutsam in kleinere Plätze münden, wo sich Menschen aus unterschiedlichen sozialen Kontexten treffen sollten. (Julia Grillmayr, 7.5.2017)

    • Literaturwissenschafter Ross Lipton forscht zu Musik und Architektur im Wien um 1900.
      foto: privat

      Literaturwissenschafter Ross Lipton forscht zu Musik und Architektur im Wien um 1900.

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