Causa Thorsch: Verschwundenes Familiensilber

    4. Mai 2017, 17:17
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    Keine Restitution an die Erben nach Thorsch

    Wien – Der Fall von Alphonse und Marie Thorsch war einer der ersten, über die Hubertus Czernin Anfang 1998 in seiner STANDARD-Serie Das veruntreute Erbe berichtete. Im Herbst des gleichen Jahres erschien dann ein kleines, Die Auslöschung betiteltes Büchlein, das dokumentierte, "mit welcher Frivolität Österreichs Behörden" die Erbberechtigten um ein Milliardenvermögen gebracht hatten.

    Denn es ging nicht nur um Immobilien- und Kunstbesitz, sondern vor allem um die Lizenz des liquidierten Bankhauses M. Thorsch & Söhne. Letztere war gelöscht worden, weshalb die Erben keinen Zugriff auf eingefrorene Konten im Ausland bekamen. Die Republik weigerte sich jedoch, die Löschung zu widerrufen. 1999 wurde der Antrag der Erben auf Rückstellung der Konzession endgültig abgelehnt.

    Sieht man von einer Abgeltung ab, die man 2011 vom Entschädigungsfond zugestanden bekam, ist seither nicht allzu viel passiert. Zumindest offiziell, denn hinter den Kulissen sind die Erben hartnäckig um die Auffindung von Kunstwerken und Antiquitäten bemüht, die einst auch aus dem familieneigenen Palais verschwanden. Alphonse und Marie Thorsch hatten Österreich schon kurz vor dem Anschluss Richtung Schweiz verlassen. Anlässlich Hitlers Treffen mit Bundeskanzler Schuschnigg hatten die Thorschs erkannt, dass sie als "prominente Juden Todgeweihte waren".

    Das Palais in der Metternichgasse war im März 1938 beschlagnahmt und geplündert worden. Das wertvolle Inventar, die zahlreichen Gemälde, Teppiche, Gobelins und Antiquitäten, wurde in mehreren Wagenladungen abtransportiert. Um die Objekte setzte schnell ein Wettlauf der Museen ein. Hitlers Kunstberater Hans Posse ließ sich gleich 16 Gemälde nach Dresden transportieren.

    Nach dem Krieg fand sich nur mehr ein Teil der Kunstwerke, die auch nur teils restituiert wurden. Drei Bilder wurden irrtümlich als herrenloses Kunstgut deklariert und 1996 im Zuge der Mauerbach-Auktion von Christie's versteigert. Verschollen sind bis heute etwa wertvolle Gold- und Silberobjekte, darunter ein Service für 90 Personen, das ein Thorsch-Vorfahre einst vom Grafen Bombelles erworben hatte.

    Eine Erbin recherchierte und wähnte dieses einst sechs Kisten füllende Barocksilber nun in Bundesbesitz. Ihr konkreter Verdacht: Es wurde in das Grande-Vermeil-Service im Bestand der Hofsilber- und Tafelkammer integriert. Seit Sommer 2015 gingen die Kommission für Provenienzforschung und die Experten der Bundesmobilienverwaltung dieser Vermutung auf den Grund. So wurden die 440 Teller des Grande Vermeil untersucht, vermessen, gewogen und fotografiert. Das Ergebnis: Es befinden sich keine Teller aus ehemaligem Thorsch-Besitz unter jenen des seit 1908 in Umfang unveränderten Grand-Vermeil-Service und auch nicht in anderen Sammlungen des Bundes. In seiner 85. Sitzung sprach sich der Beirat am Donnerstag deshalb gegen eine Restitution aus. Auch Recherchen in alten Auktionskatalogen und anderen Archiven verliefen ohne jedes Ergebnis. Vermutlich dürfte das Silberservice noch während des Krieges eingeschmolzen worden sein. (Olga Kronsteiner, 4.5.2017)

    • Alphonse Thorsch im Arbeitszimmer am Schreibtisch, der einst Metternich gehörte.
      foto: angela hartig

      Alphonse Thorsch im Arbeitszimmer am Schreibtisch, der einst Metternich gehörte.


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