Gesangsforschung: Stimmlippen beim Übergang in die Kopfstimme gefilmt

6. Mai 2017, 10:00
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Schwingungsmuster stellen sich vor allem beim oberen Registerwechsel unterschiedlicher dar, als erwartet

Wien – Ein ausgewogenes Passagio, also ein nicht hörbarer Übergang von der Brust- in die Kopfstimme, zählt zu den wichtigsten Qualitäten klassischer Sänger. Eine Gruppe von Stimmforschern, darunter der Österreicher Christian Herbst, haben nun mittels innovativer Kameratechnik die Stimmlippen während dieses Registerwechsels aufgezeichnet und festgestellt: Viele Wege führen nach oben.

"Es war verblüffend", so Herbst: "Bei zehn Probandinnen haben wir vier verschiedene Strategien gefunden, durch das obere Passagio durchzusingen." Die Teilnehmerinnen der in "Plos One" erschienenen Studie waren professionelle Sopranistinnen. Durch ihre Nasen wurde eine endoskopische Kamera eingeführt, und die Stimmlippen damit erstmals mit 20.000 Bildern pro Sekunde gefilmt. Dieses Tempo der Aufnahmen ist notwendig, um überhaupt etwas beobachten zu können – die Stimmlippen einer Sopranistin schwingen bis zu 1.000 Mal pro Sekunde.

Anatomie und Strategie

Herbst selbst war vor seinem Biophysik-Studium und seiner aktuellen Tätigkeit am Institut für Kognitionsbiologie der Universität Wien jahrelang als Gesangspädagoge tätig. "Da ist das Passagio natürlich seit Jahrhunderten Thema. Wie bekommt man das in den Griff? Gerade für das obere Passagio gibt es viele verschiedene Theorien. Jetzt sehen wir: Das liegt wohl daran, dass die Leute tatsächlich ganz unterschiedliche Dinge machen – selbst die Profis." Gesangsexperten urteilten im Experiment über die Hörbarkeit des Registerwechsels – je mehr die Schwingungsmuster der Stimmlippen variierten, desto eher war der Übergang zu hören.

Über die Ursachen für die vielen verschiedenen Techniken lässt sich nur spekulieren. Sie könnten anatomische Gründe haben oder mit der Ausbildung in einem bestimmten Fach zu tun haben. "Da gibt es vieles, das wir noch nicht wissen. Eigentlich kennen wir ja auch nicht die Ursache, weshalb eine Stimme zu einem lyrischen oder einem dramatischen Sopran wird", so Herbst. Während lyrische Soprane über eine "leichtere" Stimme verfügen, was etwa Umfang, Klangfarbe und Tragfähigkeit betrifft, hat der dramatische Sopran eine höhere Durchschlagskraft – die Rollen im klassischen Opernrepertoire lassen sich nach diesen Kriterien unterteilen.

Schwierige Umsetzung

Für die Gesangspädagogik könnten die neuen empirischen Daten jedenfalls einen Durchbruch bedeuten. Herbst: "Wir sind zwei Schritte davon entfernt, es anzuwenden." Klar sei: Die mechanischen Prozesse der Stimme beim Registerwechsel sind komplexer als angenommen. "Das wird sich in neuen gesangspädagogischen Konzepten niederschlagen müssen", so Herbst. Denn die Ergebnisse würden auch zeigen, dass die Weitergabe individueller Strategien von Lehrern an Schüler durchaus am Ziel, nämlich der individuellen Disposition, vorbeischießen kann. "Im Sinne eines stimmschonenderen Unterrichts werden wir das weiter untersuchen."

Eine Schwierigkeit für die didaktische Umsetzung ist die begrenzte Möglichkeit, die Prozesse jenseits sängerischer Intuition bewusst zu steuern und zu verbalisieren. Selbstbeschreibungen von Sängern über das, was sie mit ihrer Stimmmechanik tun, haben sich in Experimenten als nur bedingt brauchbar erwiesen. Die "innere Vorstellung" des Singenden von den Prozessen der Stimme liege manchmal weit von der Realität entfernt, wenn man den Stimmapparat empirisch in Aktion beobachtet. (APA, 4.5.2017)

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