Soz-Art als Kunst der wundersamen Zeichenvermehrung

4. Mai 2017, 16:42
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Was Kanzleramtsminister Drozda mit Blick auf die ÖVP-Broschüre (nicht) gemeint haben könnte

Wien – Schwer zu sagen, was Werner Amon (ÖVP) geritten haben mag, als er den Bundeskanzler auf geduldigem Broschürenpapier mit Hammer und Sichel schmückte. Kanzleramtsminister Thomas Drozda (SPÖ) war es den Hinweis auf ein "interessantes" Beispiel der Soz-Art wert. Doch die historische Soz-Art versteht nur, wer sich die Bedingungen vergegenwärtigt, unter denen sowjetische Künstler in den erstickenden Jahren der Breschnew-Ära arbeiten mussten.

Wer in der Sowjetunion Kunstwerke schuf, hatte sich an den Vorgaben des "Sozialistischen Realismus" zu orientieren. Abstraktion galt als Spielart bürgerlicher Dekadenz. Propagiert wurde stattdessen Wirklichkeitsnähe.

Indem die Sowjetunion vorgab, den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft in Permanenz zu betreiben, nahm die Partei die Kunstschaffenden ins Gebet – und an die Kandare. Um den "Werktätigen" zu schmeicheln, wurde die Aufbauarbeit der Massen in Gesängen, Worten und kitschig anmutenden Bildwerken heroisiert.

Arbeiter mit stählernen Muskeln blickten unerschrocken in eine verheißungsvolle Zukunft. Traktoren und Ährenkränze gehörten ebenso zum staatlich verordneten Bildschmuck wie die Embleme von Staat und Partei. Vergessen schien unter dem Gewaltmonopol der KPdSU, dass sich etwa bis Ende der 1930er-Jahre die Künstler der russischen Avantgarde als Bannerträger des kommunistischen Fortschritts verstanden hatten. Viele von ihnen bezahlten ihre blinde Parteilichkeit für die "gerechte" Sache unter Stalin mit dem Leben.

Der Begriff Soz-Art geht auf die beiden russischen Konzeptkünstler Vitaly Komar und Alex Melamid zurück und wurde 1972 ins Spiel gebracht. Der Übermacht der sozialistischen Herrschaftszeichen erwehrten sich die Vertreter der nicht-offiziellen Kunst mit einem neuen, entkrampften Umgang mit Hammer und Sichel. In bezeichnender Analogie zur amerikanischen Pop-Art wurden die Versatzstücke der Sowjet-Ideologie zu Motiven einer neuen Bildsprache. Geübt wurde nicht "Kritik". Das hätte sich in einer Gesellschaft, in der Dissidenten unter der Androhung von psychiatrischer Zwangsgewalt lebten, von selbst verboten.

Die Aushöhlung der Ideologie wurde in den Zellen und Zirkeln der Untergrundbewegung deshalb als Paradoxon formuliert. Die allgegenwärtigen Zeichen speiste man als beliebig reproduzierbare Massengüter in die Regelkreise der Kunst ein. Nicht die "Vernichtung" der vielfach verhassten Zeichen wurde zum Prinzip erhoben, sondern ihre scheinbar beliebige Vervielfältigung. Die Allmacht von Hammer und Sichel wurde unterhöhlt, ihre grafische Gestalt zum Dekorationsmuster verkleinert.

Ein letztes Mal beschwor man so die Macht der Bejahung. Indem man den sozialistischen Zeichenvorrat plünderte, beraubte man ihn endgültig seines ideologischen (sozialistischen oder kommunistischen) Wertes, mithin seiner totalitären Inhalte. Nicht anders verfuhr auch Andy Warhol, der die Gegenstände und Zeichen des Konsumgüterüberflusses in Ikonen verwandelte.

Schwer zu sagen, ob Werner Amon (ÖVP) tatsächlich einen Beitrag zur Soz-Art leisten wollte, indem er seine schmucke Argumentationsbroschüre für gestandene Funktionäre mit kommunistischen Herrschaftszeichen versah. Kanzleramtsminister Thomas Drozda (SPÖ) scheint gerade diese Subversion der Zeichen im Blick gehabt zu haben, als er das Bildwerk einfachheitshalber der Soz-Art zuschlug.

Die Aneignung seines eigenen Hammer-und-Sichel-Porträts auf Facebook zeigt jedenfalls, dass Bundeskanzler Christian Kern den ehemals frischen Wind der historischen Soz-Art auf den Wiener Ballhausplatz umgeleitet hat. Es ist der Gebrauch der Bildmittel, der den Politiker zum Soz-Artisten macht, nicht ihre Bereitstellung im Kopierwerk einer Parteizentrale. (Ronald Pohl, 4.5.2017)

  • Die Göttinnen müssen verrückt sein: das Werk "Stalin" der Soz-Art-Künstler Vitaly Komar und Alexander Melamid (Museo Thyssen-Bornemisza) als Dokument der Entleerung der Zeichen.
    foto: johansen krause

    Die Göttinnen müssen verrückt sein: das Werk "Stalin" der Soz-Art-Künstler Vitaly Komar und Alexander Melamid (Museo Thyssen-Bornemisza) als Dokument der Entleerung der Zeichen.

  • Pop-Art als Mittel zur vermeintlichen Bejahung der (westlichen) Lebens- und Konsumverhältnisse: Andy Warhols berühmte "Orange Marilyn" (1962), ein Beitrag zur modernen Ikonografie.
    foto: epa / justin lane

    Pop-Art als Mittel zur vermeintlichen Bejahung der (westlichen) Lebens- und Konsumverhältnisse: Andy Warhols berühmte "Orange Marilyn" (1962), ein Beitrag zur modernen Ikonografie.

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