Journalismustage: Trump als "Nahtoderfahrung" für Medien

4. Mai 2017, 15:27
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Al-Jazeera-Satirikerin Francesca Fiorentini sieht Journalismus und Comedy als "die zwei Achillesfersen des Totalitarismus"

Wien – Francesca Fiorentini bemühte sich nicht um Schönfärberei: "Wir stecken alle in großen Schwierigkeiten. In den USA steckt besonders der Journalismus in Schwierigkeiten", sagte die Al-Jazeera-Journalistin bei ihrer – ansonsten höchst launigen – Eröffnungsrede der (eintägigen) österreichischen Journalismustage am Donnerstag in Wien. Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten sei einer "Nahtoderfahrung" für den amerikanischen Journalismus gleichgekommen.

Fiorentini, die für den Al-Jazeera-Jugendkanal AJ+ das Satireformat "Newsbroke" leitet, bezeichnete Journalismus und Comedy als "die zwei Achillesfersen des Totalitarismus". Donald Trump hasse Medien und Witze, "das bedeutet, Comedy ist mächtig, und es bedeutet, Journalismus ist mächtig". Amerikanische Journalisten hätten Trump viel zu ernst genommen, kritisierte Fiorentini: "Man muss einen Clown wie einen Clown behandeln." Wo Medien an Vertrauen verloren hätten, würden Satiriker wie Stephen Colbert, Samantha Bee oder John Oliver einspringen.

Lokaljournalismus, der in Ruhe gelassen wird

Ein Plädoyer für qualitätvollen Lokaljournalismus lieferten Theresa Aigner ("Wiener Bezirkszeitung") und Wolfgang Kofler ("Woche Villach"). Kofler – zuvor etwa bei "Kleiner Zeitung", "News" und STANDARD tätig – war unzufrieden mit der Situation im Kärntner Lokaljournalismus: freundliche Artikel, die im Gegenzug für Inserate veröffentlicht wurden. Als er vor zweieinhalb Jahren die Leitung der Villacher Redaktion der Gratis-Wochenzeitung übernahm, habe er der Geschäftsführung gesagt, sie solle ihn "in Ruhe lassen", und versprach im Gegenzug "gute Geschichten".

Fortan seien also auch kritische Artikel über inserierende Unternehmen und die lokale Politik erschienen, durchaus mit Einbußen: "Vom Stadtmarketing bekommen wir nie wieder Geld." Laut Kofler konnte allerdings durch die qualitätsvollere Linie die Reichweite massiv gesteigert werden. Online verzeichne man 50-mal mehr Zugriffe als vor drei Jahren, die Umsätze hätten sich verdreifacht, "seit wir nicht mehr irgendwelche Spielchen spielen, sondern so tun, als wären wir eine echte Zeitung", scherzte Kofler.

Dass die Trennung von Anzeigenabteilung und Redaktion in beide Richtungen funktioniert, spürten auch Koflers Kolleginnen bei der "Wiener Bezirkszeitung". Redakteurin Aigner erzählte von Unmut in der Redaktion, als der Wochenzeitung eine Ausgabe des umstrittenen, rechtslastigen Magazins "Alles Roger?" beigelegt war. Nicht alle Leser würden verstehen, dass es sich dabei um eine bezahlte Beilage handelt. "Wir wollen damit nichts zu tun haben." Die Redaktion habe darauf aber eben keinen Einfluss. (sefe, 4.5.2017)

Francesca Fiorentini am Mittwoch im Studio der "ZiB 24"

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