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16. Mai 2017, 08:45

Rotterdam/Wien – "Amsterdam droomt, Rotterdam werkt", heißt es in den Niederlanden: Amsterdam träumt, Rotterdam arbeitet. Nach der Arbeit kommt die Party: Mit einem 3:1-Heimsieg im De Kuip über Heracles sicherte sich Feyenoord am Sonntag den ersten Meistertitel seit 18 Jahren. Ajax hat für diese Saison ausgeträumt. Die blutjunge Truppe aus der Hauptstadt sorgte auch international für Furore, zog mit beeindruckenden Leistungen ins Europa-League-Finale ein. In der Meisterschaft musste sich das Team von Peter Bosz schlussendlich doch dem Erzrivalen aus Rotterdam geschlagen geben.

"Beim letzten Titel waren viele noch mit ihren Eltern im Stadion."

Feyenoord spielte eigentlich eine Traumsaison, steuerte auf einen blitzsauberen Start-Ziel-Sieg zu. Das Team von Giovanni van Bronckhorst war seit dem ersten Spieltag immer an der Spitze. Doch dann drohte der Schlendrian in die Hafenstadt einzukehren. Feyenoord fand sich in einer Achterbahn wieder. Mit Niederlagen im Derby bei Sparta und in Amsterdam begann plötzlich das große Zittern.

Aber auch Ajax patzte. Zwei Spieltage vor Schluss und mit einem gemütlichen Vier-Punkte-Vorsprung ausgestattet, benötigte man noch einen Sieg, um das Meisterstück perfekt zu machen. Feyenoord verlor beim kleinen Excelsior Rotterdam mit 0:3. Das Zittern wurde zu einer handfesten Panik, Ajax kam wieder bis auf einen Punkt heran. Aber am Ende klappte es doch noch.

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In der Wanne beim entscheidenden Spiel.
foto: imago/vi images
Wie es sich für einen Meister gehört, wird auf einem Balkon gefeiert.

Feyenoord und Ajax verbindet eine der großen Rivalitäten Fußball-Europas. Auch die Städte könnten nicht unterschiedlicher sein. Amsterdam glitzert und leuchtet, ist Anziehungspunkt für Millionen Touristen und gibt sich jung, hip und charmant. Gerade einmal 80 Kilometer entfernt ist Rotterdam ganz anders.

foto: privat
Journalist und Feyenoord-Fan Holterhuës: "Es ist das Größte."

Während die Hauptstadt den Vorzeigeschüler gibt, ist die zweitgrößte Stadt eher der Lauser aus dem Nachbarhaus, mit dem man nach der Schule um die Häuser zieht. Europas größter Hafen ist Programm, das soziale Klima rauer, die Sehenswürdigkeiten sind rarer. Das Stadtzentrum wirkt herausgeputzt, aber doch kalt. Herzige Grachten oder Touristenschwärme sucht man vergebens. Durchschnittlich verdient der Rotterdamer weniger als der Rest der Niederländer.

Dafür feiert der Rotterdamer derzeit durchschnittlich mehr. "Es ist für alle der große Traum. Beim letzten Titel waren viele noch mit ihren Eltern im Stadion. Jetzt sind sie mittendrin, statt nur dabei", weiß Jim Holterhuës um die Stimmung in der Stadt Bescheid. Der 40-jährige Feyenoord-Fan ist Herausgeber des niederländischen Fußballmagazins "Staantribune".

Feyenoord zählt neben Ajax und PSV Eindhoven zu den drei großen Klubs. Die größten Erfolge feierte der Verein in den 1970er- und 1980er-Jahren unter reger österreichischer Beteiligung: Mit Ernst Happel als Trainer holte man 1970 als erste niederländische Mannschaft den Pokal der Landesmeister, wurde später Weltpokalsieger. Im Sturm kickte der Wiener Franz Hasil. Happel ist in Rotterdam immer noch eine Legende. In den vergangenen Jahren gab es zwei mickrige Pokalsiege (2008, 2016).

Es ist ein ewiges Auf und Ab. Der letzte Titel der Rotterdamer gelang im letzten Jahrtausend. Seither hatten PSV Eindhoven und Ajax Amsterdam mehr zu feiern.

Giovanni van Bronckhorst ist seit Sonntag eine Legende. Zum Ausklang seiner erfolgreichen Spielerkarriere – Van Bronckhorst wurde mit den Rangers, Arsenal und Barcelona Meister und mit der niederländischen Nationalmannschaft Vizeweltmeister – hängte er noch drei Saisonen in seiner Geburtsstadt Rotterdam an. 2010 wechselte er in den Trainerstab.

"Kuyt ist vor allem in der Kabine wichtig. Er motiviert, zieht die Jungen mit."

"Es ist wie ein Märchen. Van Bronckhorst ist hier tief verwurzelt", sagt Holterhuës. Die Fans sind zufrieden, er sei "ein Gentleman der Coachingzone. Keiner, der während des Spiels auf und ab hüpft. Und ein netter Typ." Van Bronckhorst hat aus einem guten Team eine Meistertruppe geformt. Herausragend dabei war Stürmer Nicolai Jörgensen. Der Däne trug mit 21 Toren maßgeblich zum Erfolg bei. Auf einem riesigen Mosaik im Stadion De Kuip ist aber ein anderer verewigt: Dirk Kuyt, der blonde Engel von Rotterdam.

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Lang ist es her: Feyenoord Rotterdam feiert den Triumph im Intercontinental Cup 1970. Trainer: Ernst Happel.
foto: imago
Zwei Gesichter, die Rotterdam aktuell wieder glücklich machen: Dirk Kuyt und Giovanni van Bronckhorst.
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Der Teller ist da, die Stimmung ist ausgelassen. So feiern die Rotterdamer.

Den 36-jährigen Offensivspieler zog es im Spätherbst seiner Karriere dorthin, wo vieles begonnen hatte. In Rotterdam weiß man um den Wert des Kapitäns Bescheid, auch wenn sich die Aufgaben verschoben haben: "Kuyt ist vor allem in der Kabine wichtig. Er motiviert, zieht die Jungen mit".

Auf dem Spielfeld liefert Kuyt auch, in der abgelaufenen Saison erzielte er zwölf Tore. Drei davon am Sonntag. Der Engel wurde heiliggesprochen: "Ich bin hierhergekommen, um endlich wieder Meister zu werden und weil ich an mich und den Verein glaube. Die Fans sind die treibende Kraft", sagte Kuyt nach dem Titelgewinn.

Partys in Rotterdam sind hart. Bürgermeister Ahmed Aboutaleb verhängte für Sonntag und Montag eine Alkoholsperre, laut Polizei wurden 10.000 Liter Alkohol und 270 Kilo Feuerwerkskörper beschlagnahmt. Gelächelt und gefeiert wird in Rotterdam trotzdem. (Andreas Hagenauer, 16.5.2017)