Kardiologe: "Atemnot, geschwollene Beine, Leistungsknick"

Interview5. Mai 2017, 08:00
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Herzinsuffizienz ist eine facettenreiche Erkrankung. Martin Hülsmann sieht den schwächer werdenden Herzmuskel als Motor vieler Probleme

STANDARD: In den letzten Jahren hat die Zahl der Patienten mit Herzinsuffizienz zugenommen. Warum?

Hülsmann: Herzinsuffizienz ist eine Erkrankung, die ältere Personen trifft. Die Menschen werden immer älter. Darin liegt eine Erklärung, allerdings gibt es für Österreich keine verlässlichen Zahlen, wir haben nur EU-Registerdaten. Durchschnittlich sind drei Prozent der Bevölkerung von Herzinsuffizienz betroffen, ein Prozent hat Symptome.

STANDARD: Welche?

Hülsmann: Atemnot, geschwollene Beine und einen spürbaren Leistungsknick. Viele tun das als Alterserscheinung ab.

STANDARD: Herzinsuffizienz kann aber auch die Folge eines Herzinfarkts sein, oder?

Hülsmann: Wir haben bei Herzinfarkten in den letzten Jahren extrem viel erreicht. Dank Herzkatheter und guten Versorgungsmanagements überleben wesentlich mehr Menschen. Dennoch hinterlassen diese Ereignisse Spuren.

STANDARD: Inwiefern?

Hülsmann: Narben am Herzmuskel. Dieses geschädigte Gewebe kann eine ungünstige Dynamik auslösen. Etwa, wenn das Herz versucht, den Schaden zu kompensieren, und sich damit der Herzmuskel verändert. Eine chronische Herzinsuffizienz entsteht.

STANDARD: Lässt sich diese Herzschädigung aufhalten?

Hülsmann: Ja, mit Medikamenten wie ACE-Hemmern oder Betablockern, die entgegensteuern und insofern als Prävention gegen die Herzinsuffizienz zu betrachten sind. Man verhindert eine Progression der Erkrankung. Je tachykarder (Fachbegriff für gesteigerte Herzfrequenz, Anm.) ein Patient ist, umso stärker wird das Herz geschädigt. Sollten die Symptome bei einer manifesten Herzinsuffizienz trotz Medikamenten nicht besser werden, sind Mineralokortikoid-Antagonisten und Angiotensin-Rezeptor-Neprilysin-Inhibitoren eine weitere Option.

STANDARD: Wo wird die beste Versorgung gewährleistet?

Hülsmann: Bei Herzinsuffizienz gibt es etablierte Leitlinien, insofern sind Patienten bei Allgemeinmedizinern, die die Therapie kennen, gut aufgehoben. Empfehlenswert sind regelmäßige Checks bei niedergelassenen Kardiologen, die EKGs durchführen, den sogenannten BNP- bzw. NT-proBNP-Wert (B-Typ Natriuretisches Peptid oder Brain-Natriuretic-Peptide, Anm.) im Blut messen. Über diese Hormone lässt sich ermitteln, wie die Organe im Körper, also Lunge, Leber und Nieren, durch den Herzmuskel versorgt werden. Patienten selbst sollten regelmäßig Puls messen. Ein Ruhepuls von mehr als 75 Schlägen ist ein Grund, den Arzt aufzusuchen. Zu uns in die Ambulanz sollten nur jene Patienten mit Komplikationen und einem erhöhten NT-proBNP von über 1500 Pikogramm/Milliliter kommen.

STANDARD: Was sind aus Ihrer Sicht schwere Fälle?

Hülsmann: Patienten mit Herzinsuffizienz leiden oft an anderen Erkrankungen. Diabetes, Herzinsuffizienz und Nierenprobleme gehen oft miteinander einher. Viele sind depressiv. Diese sogenannten Komorbiditäten sind insofern ein Problem, als Betroffene oft nicht mehr wissen, wohin sie sich wenden sollen. Für sie gibt es die Herzinsuffizienzambulanz. Wir arbeiten eng mit Hepatologen, Endokrinologen, Nierenspezialisten und Chirurgen zusammen, um einen optimalen Weg zu finden.

STANDARD: Wo hapert's?

Hülsmann: Wir sind dabei, Disease-Management-Programme einzuführen. Die größte Herausforderung sind die Schnittstellen, also die Übernahme von Patienten aus dem stationären in den ambulanten Bereich – oder umgekehrt.

STANDARD: Was passiert bei einer suboptimalen Versorgung?

Hülsmann: Wenn es das Herz nicht mehr schafft, die Organe ausreichend mit Blut zu versorgen, nehmen sie Schaden. Wasser staut sich, das führt zur Atemnot. Viele Herzinsuffizienzpatienten kommen kurz vor einem Nierenversagen, weil man die eingeschränkte Nierenfunktion oft nicht bemerkt. Die Blutzuckerwerte verschlechtern sich, die Leber auch, die geistige Leistungsfähigkeit nimmt ab. Wir versuchen, durch die Therapie die Herzfunktion so lange wie möglich zu erhalten. Auch ein Defibrillator oder eine Schrittmachertherapie (CRT) können Teil der Therapie sein, für Jüngere ist die Transplantation eine Option.

STANDARD: Was können Patienten selbst beitragen?

Hülsmann: Ich predige es jedem Einzelnen: Bewegung, Bewegung, Bewegung. Was zählt, ist nicht die Intensität, sondern die Regelmäßigkeit. Spazieren gehen, Rad fahren: All das tut gut. Das klingt aber leichter, als es ist: Wer sich 50 Jahre lang nicht bewegt hat, dem fällt eine Lebensstiländerung schwer. Zudem scheint auch Wärme positiv zu sein, insofern ist ein Saunabesuch bei zirka 70 bis 80 Grad empfehlenswert. Die Wärme erweitert die Gefäße, dasselbe gilt für Thermalbäder.

STANDARD: Und Ernährung?

Hülsmann: Gesund, von nichts zu viel und von nichts zu wenig, sage ich immer. Von Diäten ist allerdings strikt abzuraten. Eine regelmäßige Gewichtskontrolle ist für Patienten mit Herzsuffizienz extrem wichtig.

STANDARD: Warum?

Hülsmann: Weil sowohl eine Gewichtszunahme als auch eine -abnahme Alarmzeichen für eine Verschlechterung der Herzleistung sein können. Sie sollten auf jeden Fall vom Arzt abgeklärt werden. (Karin Pollack, 5.5.2017)

Martin Hülsmann ist Kardiologe an der Medizinischen Universität Wien und leitet die Ambulanz für Herzinsuffizienz am AKH.

  • Kardiologe Martin Hülsmann arbeitet interdisziplinär.
    foto: regine hendrich

    Kardiologe Martin Hülsmann arbeitet interdisziplinär.

  • "Durchschnittlich sind drei Prozent der Bevölkerung von Herzinsuffizienz betroffen, ein Prozent hat Symptome", sagt Kardiologe Hülsmann.
    foto: istockphoto

    "Durchschnittlich sind drei Prozent der Bevölkerung von Herzinsuffizienz betroffen, ein Prozent hat Symptome", sagt Kardiologe Hülsmann.

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