Online-Infos lassen viele Eltern am Kinderarzt zweifeln

9. Mai 2017, 10:00
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Mütter und Väter, die sich über Krankheiten ihrer Kinder zuerst online informieren, misstrauen Kinderärzten eher und zögern Behandlungen hinaus, so eine US-Studie

"Dr. Google" ist allseits beliebt. Auch bei Eltern. Die schnelle Online-Recherche, wenn das Kind seit Tagen hustet, fiebert, plötzlich rote Pusteln hat – welcher Vater, welche Mutter kennt das nicht. Sich auf evidenzbasierten Gesundheitsseiten vorab zu informieren, was das Kind haben könnte, ist gewiss eine gute Sache – wenn der nötige Besuch bei der Kinderärztin oder beim Kinderarzt deswegen nicht aufgeschoben oder gar aufgehoben wird.

Das aber ist immer häufiger der Fall, wenn Eltern sich zur Abklärung von Krankheitssymptomen zu sehr auf Online-Informationen verlassen. Dadurch nämlich kann das Vertrauen der vermeintlich gut informierten Eltern in die Fähigkeit von Kinderärzten sinken und nötige Behandlungen verzögert werden. Das zeigt eine Studie, die demnächst beim Treffen der akademischen kinderärztlichen Vereinigungen in den USA präsentiert wird.

Ein Ausschlag, mehrere Möglichkeiten

1.374 Eltern mit einem Durchschnittsalter von 34 Jahren und mindestens einem Kind unter 18 Jahren nahmen an der Studie teil. Die Probanden wurden in drei Gruppen geteilt; alle wurden mit dem fiktiven Fall eines Kindes konfrontiert, das seit drei Tagen Ausschlag und Fieber hat. Der ersten Gruppe wurden Online-Gesundheitsseiten gezeigt, die die Symptome von Scharlach beschrieben, darunter Ausschlag und Fieber. Scharlach kann, wenn es nicht mit Antibiotika behandelt wird, zu rheumatischem Fieber führen und in manchen Fällen das Herz schädigen.

Der zweiten Gruppe wurden Gesundheitsseiten mit den Symptomen des Kawasaki-Syndroms gezeigt, darunter ebenfalls Ausschlag und Fieber. Das Kawasaki-Syndrom ist eine akute Erkrankung, bei der sich die Gefäße der kleinen und mittleren Arterien entzünden und ebenfalls Fieber auftritt. Im Anfangsstadium ähneln die Symptome anderen Infektionskrankheiten wie Masern und Scharlach. Das Kawasaki-Syndrom wird meist stationär behandelt; bleibt die Therapie aus, droht eine Entzündung der Herzkranzgefäße.

Weniger Vertrauen, eher zweite Meinung

Die dritte Gruppe von Eltern bekam als Kontrollgruppe nur die Symptome geschildert, aber keine Online-Informationen. Im Anschluss wurden alle Probanden mit der kinderärztlichen Diagnose konfrontiert, dass es sich bei den Symptomen im konkreten Fall um Scharlach handle. Allerdings reagierten die beiden ersten Gruppen auf diese Diagnose völlig unterschiedlich: Während nämlich 90,5 Prozent jener Eltern, denen Informationen zu Scharlach gezeigt worden waren, dem Kinderarzt vertrauten, taten das von den Probanden mit den Infos zum Kawasaki-Syndrom nur 61,3 Prozent. Sie gaben auch dreimal so oft wie die Eltern der ersten Gruppe an, eine zweite Meinung einholen zu wollen – was natürlich Zeit kostet.

Das Netz kann nicht denken

Indem Online-Informationen dazu führen können, dass Eltern Symptome falsch interpretieren, könne ihr Vertrauen zum Kinderarzt beschädigt werden, sagt Studienleiterin Ruth Milanaik von der Hofstra Northwell School of Medicine. "Das Internet ist ein mächtiges Werkzeug zur Aneignung von Informationen, aber es kann nicht selbst denken und vernünftige Schlüsse ziehen." Deshalb können computergenerierte Diagnosen Eltern auf die falsche Fährte führen und sie an den medizinischen Fähigkeiten von Ärzten zweifeln lassen. "Allerdings kann das Einholen einer zweiten Meinung aufgrund dieser Zweifel wichtige Therapien verzögern." (lima, 9.5.2017)

  • Das Vertrauen vieler Eltern zum Kinderarzt kann leiden, wenn Dr. Google etwas anderes "diagnostiziert" hat.
    foto: getty images/istockphoto/katarzynabialasiewicz

    Das Vertrauen vieler Eltern zum Kinderarzt kann leiden, wenn Dr. Google etwas anderes "diagnostiziert" hat.

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