Raubprozess: Die Unbescholtene mit der Spielzeugpistole

    5. Mai 2017, 07:00
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    Eine 30-Jährige soll einen Taxilenker überfallen haben. Dafür wurde sie verurteilt, ihr Verteidiger hat aber einen neuen Prozess erreicht

    Wien – Manchmal gibt sogar die Justiz Menschen eine zweite Chance. Wie im Fall von Corinna B., die vor zwei Jahren wegen eines Taxiraubes und kleinerer Delikte zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde. Dass die 30-Jährige wegen dieser Tat wieder vor einem Schöffensenat, dem Sonja Weis vorsitzt, ist, verdankt sie ihrem Verteidiger Roland Friis.

    Er hat nach aufmerksamem Aktenstudium eine Wiederaufnahme des Verfahrens erreicht. Der Grund: Seine damals unbescholtene Mandantin hatte bei ihrem Überfall eine Softairpistole benutzt, was in den Polizeiermittlungen nicht erwähnt wurde. Und dieser Gegenstand ist laut einem Gutachten keine Waffe, sondern ein Spielzeug. Daher muss sich B. nun nicht mehr wegen schweren Raubes verantworten, sondern "nur" wegen Raubes.

    Geldbörse nicht gefunden

    Was ist am 5. März 2015 also passiert? "Ich bin mit dem Taxi von einem Bekannten heimgefahren", beginnt die Angeklagte zu erzählen. Sie wollte vom 4. Bezirk zum Westbahnhof geführt werden. "Dann habe ich meine Geldbörse nicht gefunden und Angst bekommen", geht ihre Schilderung überraschend weiter. "Ich habe Angst bekommen, dass der Fahrer die Polizei ruft", erläutert sie.

    Da traf es sich gut, dass sie die Spielzeugpistole in der Handtasche hatte. Ihre Erklärung dafür ist ziemlich abstrus. "Woher haben Sie die Pistole?", fragt Weis. "Die habe ich gefunden." – "Wo findet man so was?" – "In einer Weinbar."

    Eigentlich habe sie nur nicht gewusst, was sie damit machen soll, daher habe sie das Spielzeug bei sich gehabt. "Ich hatte damals einen Mitbewohner und wollte nicht, dass er sie sieht", behauptet die Angeklagte. "Das ist ein wenig eigen. Wenn ich die Waffe nicht will, lasse ich sie entweder liegen, gebe sie im Lokal ab, bringe sie zur Polizei oder schmeiße sie weg", bietet die Vorsitzende recht lebensnahe Alternativen an. "Ich habe die falsche Entscheidung getroffen", gesteht B. ein und beginnt zu schluchzen.

    Taxifahrer entriss ihr Pistole

    Die Frau nahm jedenfalls die Waffe, setzte sie dem Taxilenker von hinten an den Hals und sagte: "Das muss so sein, Geld her." Im Reflex griff der 54-Jährige nach hinten und entriss ihr die Pistole. B. liefert die nächste seltsame Erklärung: "Ich habe gehofft, dass er sich wegdreht und ich flüchten kann. Man kann das rational nicht erklären." Weis sieht das anders: "Doch, das kann man möglicherweise ganz rational erklären. Sie haben gedacht, 'Er hat Geld, ich habe keines, deshalb nehme ich die Pistole.'" – "Solche Dinge tue ich nicht!", lautet die tränenreiche Antwort.

    Allerdings: Kurz nach der ersten Verurteilung attackierte sie Justizwachebeamte und behauptete später, sie sei angegriffen worden. Die Folge war eine rechtskräftige Strafe von einem Jahr.

    Opfer noch immer schwer belastet

    Auch der Auftritt des Opfers gerät tränenreich, obwohl der Vorfall bereits zwei Jahre her ist. Ramiz M. leidet sichtlich und hörbar noch immer unter der Tat: "Ich kann seit damals nur noch tagsüber fahren, obwohl ich in der Nacht mehr Geld verdienen würde. Wenn ich in die Garage komme, muss ich mich immer umdrehen, weil ich Angst habe."

    Der Fahrer hatte damals sogar noch Glück im Unglück. Denn nachdem er B. die Waffe entrissen hatte, flüchtete diese ins nächste Lokal. Genauer, in ein Bordell. M. kann froh sein, dass der dortige Kellner nicht überreagiert hat. Denn ihm bot sich der Anblick, dass eine aufgelöste Frau hereinstürmte, verfolgt von einem Mann mit einer Waffe in der Hand.

    Obwohl er immer wieder stockt, zeigt M. Großmut. "Ich würde dieser Dame verzeihen. Jeder hat eine zweite Chance verdient", sagt er dem Senat. B. hätte die Möglichkeit, sich bei ihm zu entschuldigen oder zu bedanken, nützt sie aber nicht wirklich. "Herr M. weiß, was ich sagen will", ist alles, was sie schluchzend herausbringt.

    Vorsitzende ortet Selbstmitleid

    Ein Umstand, auf den Weis in ihrer Begründung eingeht. "Ich sage immer, Geständnis ist nicht gleich Geständnis. Sie vermitteln den Eindruck, dass Sie sich vor allem selbst leidtun."

    Reduziert wird die Strafe trotzdem deutlich. Bei einem Strafrahmen von einem bis zu zehn Jahren Haft erhält B. zweieinhalb Jahre, die zu dem einen Jahr für den Angriff auf die Beamten addiert werden. Da sie schon eindreiviertel Jahre im Gefängnis war, hat sie gute Chancen, in einigen Monaten wieder freizukommen. Bedenkzeit nimmt sie sich dennoch, daher ist die Entscheidung nicht rechtskräftig. (Michael Möseneder, 5.5.2017)

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