Nach der Karenz

Blog14. Mai 2017, 08:00
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Es gibt eine Zeit nach der Karenz, zurück im Job. Und die gestaltet sich für Mütter und Väter nicht immer ganz einfach.

Auch wenn es nach einer Geburt schwer fällt, zu glauben: es gibt ein Danach. Das Danach nach der Karenz. Nach einer Zeit, die man ausschließlich dem Kind widmen kann und in der Arzttermine, Breikochen und Stillen die Tage strukturieren, heißt es für die meisten von uns: zurück in den Job. Zugegebenermaßen tun sich Arbeitgeber heute schwer, Frauen und Männer mit kleinen Kindern einfach so aus dem Job zu mobben. Gesetze verhindern Vieles, bloß regeln sie, wie in so vielen Bereichen, nicht alles. Oder vielmehr: Gesetze regeln etwas, das in der Realität Grenzen findet. Wie kann ich einen Beruf ausüben, wenn ich keine Kinderbetreuung für mein Kind habe? Reicht es mir, dass mein Arbeitgeber politisch korrekt mit mir spricht und mir dennoch die schlechteren Projekte nach der Karenz anbietet? Wie sehen Realitäten wirklich aus?

Vorher Millionen-Kampagnen, nachher Kennzahlen ausfüllen

Heute ist es meist so, dass zum Beispiel die PR-Expertin nach der Karenz noch immer in derselben Firma mit demselben Gehalt arbeitet. Aber halt nur Teilzeit – eh 32 Stunden. Mit heraushängender Zunge jongliert sie Kinder und Job. Zuhause ist ihr nicht fad. Aber in der Arbeit immer mehr. Nicht von der Summe der zu erledigenden Dinge aus betrachtet, sondern von der geringeren inhaltlichen Anforderung, die an sie gestellt wird. Dann kommt der Gedanke der Dankbarkeit. Wie viele Frauen finden nach der Karenz den Anschluss überhaupt nicht mehr, werden vielleicht wirklich gekündigt, wegrationalisiert? Da muss man doch dankbar sein, wenn man den eigenen Job, den man davor hatte, in Teilzeit weiter machen kann.

Aber der Job ist leider nicht mehr derselbe. Weil nämlich jetzt die Verantwortung bei der jüngeren, kinderlosen Kollegin liegt. Weil die 50 Stunden da sein und nachher noch sich Betrinken ins Afterwork-Schick mitgehen kann. Weil die auch die verantwortungsvollen Projekte steuert, für die der Chef unbedingt nach 18 Uhr noch ein genaues Briefing braucht. Und die PR-Expertin, die davor Kampagnen in Millionenhöhe gestemmt hat, die wird dann degradiert zum Budgetkennzahlen-Ausfüllen und darf bei den Projekten der Kinderlosen "im Bedarfsfall aushelfen". Dass sie vielleicht mehr Erfahrung als die Kinderlosen hat, dass sie die bessere wäre, ist irrelevant. Relevant sind die Fakten, die vielleicht Lukas und Hanna oder Sebastian und Marie oder Leila und Almina heißen. Die sind relevant. Nicht nur für die Frauen selbst, sondern auch für die Arbeitswelt und ihre Umgebung.

Eltern als Projektionsfläche für die Vorstellungen anderer

Für die einen werden wir zu besseren Menschen, weil wir jetzt Mütter sind, für andere sind wir im Job nicht mehr einsetzbar. Wieder andere glauben, wir hätten jetzt nur mehr die Kinder im Kopf. Und manche unserer Arbeitgeber werden vielleicht sogar schätzen, dass wir im Selbstmanagement mittlerweile unschlagbar sind. Einige beneiden uns vielleicht, obwohl sie beklagen, dass wir in der Arbeit zu wenig anwesend sind. Wie wir selbst uns dabei fühlen oder wie wir selbst uns und unsere Arbeit sehen, ist oft sekundär.

Eltern dienen für viele als Projektionsfläche eigener Vorstellungen. Oder wie sonst ist es erklärbar, dass wir nach wie vor viel zu oft gefragt werden, wo denn unsere kleinen Kinder sind? Ob wir es denn vertreten könnten, dass unsere Kinder uns tagsüber nicht zu Gesicht bekommen? Und ob wir uns deswegen nicht ein Stück weit als schlechte Eltern fühlen würden. Die Väter werden übrigens viel seltener danach gefragt, was sie in Bezug auf die eigenen Kinder empfinden. Mütter dagegen nach wie vor viel zu oft.

Problem von Eltern mit guten Jobs

Und ja, mir ist bewusst: das ist ein Problem von Eltern, die davor sehr gute Arbeitsplätze hatten. Viele Männer und Frauen haben keine solchen Arbeitsplätze und ihre Probleme sind ebenso drängend, wenn nicht sogar drängender, da mit schlechteren Arbeitsplätzen fast immer schlechte Bezahlung verbunden ist. Und ohne eine geregelte finanzielle Absicherung sind die Sorgen um die eigene Familie umso größer.

Für unsere Kinder erträumen wir uns ein besseres Leben: mit mehr Anerkennung, Wertschätzung und Bewusstsein für Familien – auch und gerade am Arbeitsplatz. Und mit der Möglichkeit, von dieser Arbeit auch leben zu können. Auch mit Kindern leben zu können. Und dafür treten wir als Eltern ein, genau das ist unser Wunsch an Politik und Gesellschaft. (Sanna Weisz, 14.5.2017)

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