Experte aus Österreich: In Deutschland fehlt Vision für das fahrerlose Auto

4. Mai 2017, 10:32
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Mario Herger: Deutsche Konzerne gehen Roboter-Autos weiter zu skeptisch und vorsichtig an

Wer selbstfahrende Autos bauen möchte, braucht Fachleute. Die sind bisher Mangelware. In diese Lücke ist die US-amerikanische Online-Universität Udacity gesprungen. Sie hat einen Kurs aufgelegt, um Ingenieure für selbstfahrende Wagen weiterzubilden. Der Österreicher Mario Herger gehört zu den Ersten, die sich dafür eingeschrieben haben.

Er meint, dass deutsche Konzerne das Zukunftsthema Roboter-Autos weiter zu skeptisch und zu vorsichtig angehen.

Frage: Sie sind seit Dezember eingeschrieben beim weltweit ersten Ingenieurkurs für selbstfahrende Autos der Online-Universität Udacity. In neun Monaten für 2.400 Dollar (2.198 Euro) zum Ingenieur für autonome Autos – ist es wirklich so einfach?

Antwort: Es ist überhaupt nicht einfach. Am Anfang lernt man, wie das Auto Fahrbahnmarkierungen erkennt, Straßenschilder liest, bald kommt die Wegeplanung dazu: Wo bin ich? Was ist um mich herum? Bewegt es sich? (...) Man braucht schon einiges an Vorwissen für den Kurs: Man muss programmieren können, man muss wissen, wie man mit der Cloud arbeitet, man braucht Rechenpower, denn man bekommt ein ganzes Terabyte an Daten, Bildern und Videos, mit denen man seine Systeme trainieren kann. Am Ende füttert man das Udacity-eigene Auto aus der Ferne mit seinen Algorithmen. Und wenn es tatsächlich auf dem Testgelände in Kalifornien richtig fährt, hat man bestanden. Vor Kursbeginn hieß es, 10 Wochenstunden im Selbststudium reichen. Die meisten von uns brauchen tatsächlich 30 bis 40, ich auch.

Frage: Aber wer es schafft, hat danach einen Job im Silicon Valley sicher?

Antwort: Udacity garantiert tatsächlich einen Job innerhalb von sechs Monaten nach Abschluss dieses sogenannten Nano-Degrees – oder erstattet die Kursgebühr zurück. (...) Die großen Autohersteller reißen sich um die ersten Absolventen. Es heißt im Valley, ein Ingenieur für selbstfahrende Autos ist heute Millionen Dollar wert. Das heißt nicht, dass er das an Gehalt kriegt, aber das ist sein Marktpreis, denn es gibt diese Leute nicht, der Markt ist leer.

Frage: Woran liegt das? Das selbstfahrende Auto kommt ja nicht über Nacht angerollt.

Antwort: Das autonome Fahren ist eine Revolution, und sie wird nicht von denen eingeleitet, die hundert Jahre lang die sichersten Autos gebaut haben. Das ist vergleichbar mit der ersten Automobilrevolution. Als damals die Kutsche vom Auto verdrängt wurde, da waren keine Kutschenbauer beteiligt, keine Sattler, keine Pferdezüchter. Die Automobilpioniere damals, wie Carl Benz und Ferdinand Porsche, das waren Maschinenbauer, Mechaniker, Büchsenmacher, Elektriker. (...) Und heute müssen all die Motoringenieure, bisher die Stars der Hersteller, ersetzt werden durch Leute, die sich auskennen mit Robotik, Steuerungs- und Regelungstechnik, Künstlicher Intelligenz, kurz: digitaler Software. Und von diesen Leute haben wir nicht genug.

Frage: Ist ethische Programmierung Teil des Lehrplans?

Antwort: Bis jetzt nicht. Ich halte diese ganze Ethikdiskussion sowieso für intellektuelles Masturbieren. Deutsche lieben das – als Land der Philosophen, der Dichter und Denker. Ich meine, ein Szenario bei dem ein Auto entscheiden muss, ob es die Großmutter oder das achtjährige Kind überfährt und tötet: Wie viele von uns haben so etwas im realen Straßenverkehr schon mal erlebt? Das ist doch ein ganz seltenes Phänomen. Aber Deutsche sind wie immer auf das Problem fokussiert. Man sieht die neueTechnologie nicht als Chance, sondern beschäftigt sich mit der Angst, dass die Maschine einen Fehler machen könnte und irgendjemand in unserem Unternehmen die Verantwortung dafür übernehmen muss. Darüber vergessen wir, dass der autonome Verkehr jedes Jahr Tausende von Leben retten wird.

Frage: Es hieß in den letzten Jahren schon oft, die Künstliche Intelligenz komme jetzt wirklich. Wieso soll der Durchbruch nun ausgerechnet beim Auto gelingen?

Antwort: Die Künstliche Intelligenz hat tatsächlich einen kritischen Punkt überschritten. Maschinenlernen funktioniert plötzlich wirklich. Nehmen wir das Beispiel Tesla: Die bauen seit Oktober in jedes Fahrzeug, das vom Band rollt, ihren neuen Autopiloten 2 ein, mit acht Kameras rings um das Auto, Ultraschall- und Radarsensoren und einem NVIDIA-Prozessor, der 150-mal so stark ist wie mein MacBook. Die Hardware fürs Selbstfahren ist also schon drin im Auto, und auch wenn die Software noch nicht fertig ist, sammelt das System heute schon Daten und schickt sie ans Mutterschiff Tesla. Dort werden diese Daten aus Zehntausenden bis jetzt ausgelieferten Teslas ausgewertet und die Algorithmen verbessert. Tesla hat also echte Daten von realen Fahrern, und zwar weltweit, nicht nur aus Prototypen von Testfahrern in einem abgesperrten Gelände. (...)

Frage: Sie trauen den Deutschen hier nicht allzu viel zu?

Antwort: Die deutschen Autobauer wissen, dass das autonome Fahren nicht ihre Welt ist. Sie sind zu vorsichtig, sie testen sich zu Tode, sie haben zu viel zu verlieren. Hier im Silicon Valley geht man mit einer ganz anderen Mentalität ran. Die Software-Leute in den Auto-Start-ups schicken eine Beta-Version raus, dann gibt's ein paar Vorfälle und dann wird einfach nachgebessert. Horror für einen traditionellen Automobilhersteller. Zudem fehlt es in Deutschland an einer Vision für das fahrerlose Auto. Hier in den USA gibt es Städte wie Los Angeles, die investieren gar nicht mehr in Nahverkehr. Die glauben, es lohnt sich nicht mehr, neue Autobahnen, neue Tunnel zu bauen. Die hoffen, dass die selbstfahrenden Autos so bald wie möglich kommen und ihnen all ihre Probleme abnehmen: den ewigen Stau, die vielen Unfälle. (APA, 4.5.2017)

Zur Person: Mario Herger gehört zu den Ersten, die sich an der Online-Universität Udacity zum Ingenieur für selbstfahrende Autos weiterbilden lassen. Der 46-jährige Österreicher hat lange als Entwickler für SAP gearbeitet und lebt seit 2001 als Berater und Buchautor ("Das Silicon Valley Mindset") in Kalifornien.

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