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MODE: Zwischen Haben und Sein.

8. Mai 2017, 00:00

Designerin Lena Kvadrat im Gespräch mit ihrer Stammkundin Isabell Gwenger

IG: Dein Künstlername Lena Kvadrat ist eine Hommage an Kasimir Malewitschs Ikone der Moderne, das Schwarze Quadrat. In deiner Arbeit beziehst du dich immer wieder auf sein Werk, wie etwa in dem 2010 entstandenen "Self-portrait", wo auch deine Liebe zu Vermeers "Malkunst" zum Ausdruck kommt. Ist das deine ironische Antwort auf die Modefotografie?

Lena Kvadrat, Self-portrait, 2010

LKV: Vermeers Portrait des Künstlers von hinten ist ein seltenes Phänomen in der Kunstgeschichte.
In unserer Interpretation wird das Atelier zur Garderobe. Der Spiegel, in dem wir uns selbst zeichnen nach dem Vor/bild unserer kulturellen Wurzeln. Wer bin ich? Wem gleicht dieses Ich? Die Maske/das Ich als gesellschaftliches Ritual der Aneignung von symbolischem Kapital.

IG: Als Modedesignerin und Inhaberin der Marke art point betreibst du seit über 15 Jahren einen Concept Store in Wien-Neubau. Kann man – ausgehend von deiner Beziehung zur Kunst – den Geschäftsraum auch als eine Galerie verstehen, wo die Objekte der aktuellen Kollektion temporär zur Betrachtung ausgestellt werden, um danach in die privaten Sammlungen deiner KundInnen überzugehen? Du gestaltest dafür auch Interieur und Möbel. Bereits 2001 hast du einen Einkaufswagen in ein Verkaufspult verwandelt. Handelt es sich dabei um ein reines Designobjekt, oder ist dieses modifizierte Symbol des Massenkonsums Ausdruck einer kritischen Haltung gegenüber den Gesetzen der Branche?

art point Verkaufspult

LKV: Die Gesetze des Genres kritisiere ich nicht, ich spiele mit ihnen. Der künstlerische Kontext ist wichtig für die Präsentation des "Gegenständlichen" – und natürlich auch für die Entwicklung der Kollektionen. Der industrielle, wirtschaftliche Aspekt ist für mich aber von ebenso großer Bedeutung. Schließlich sind wir eine international tätige Marke, nehmen an Messen teil und haben Vertriebspartner in mehreren Ländern. Wenn heute die ganze Welt Rei Kawakubos Lebenswerk mit einer Ausstellung im MoMA feiert, die nicht zufällig den Titel "Art of the In-Between" trägt, können wir nicht mehr zu einem Zustand vor diesem Experiment zurück. Die Dualitäten der Mode sind offensichtlich, es geht nur um ihre Proportionen.

IG: Deine aktuelle Sommerkollektion 2017 heißt "Re:validation". Wo hat sie ihre Wurzeln?

LKV: Das Grundmuster in dieser Kollektion ist der Farbverlauf von Weiß zu Schwarz. Ein portugiesischer Hersteller von Stoffen für Herrenhemden, der auch für Hugo Boss arbeitet, hat diesen Baumwolljacquard nach meinem Entwurf mit einem vertikalen Verlauf über die Körperbreite produziert. Auch hier hat mich Malewitsch inspiriert, dem dieses Verfahren geholfen hat, die menschliche Figur zur Abstraktion zu führen. Der Verlauf ist die Spannung zwischen Licht und Schatten. Die Silhouette des "Menschen", der, von der Sonne geblendet, seine individuellen Züge verloren hat und zum Zeichen der Zeit geworden ist – das hat ihn beschäftigt. Form/Silhouette/Zeichen sind auch die Grundlage der Mode, das, was in der Geschichte erhalten bleibt.

K. Malewitsch: Mädchen auf dem Feld, 1932
L. Kvadrat: Frau in der Stadt, 2017

IG: Wo verläuft für dich die Grenze zwischen Haben und Sein?

LKV: Es geht um das "Streben nach Erfahrungen", wie bei Alice im Wunderland. Die Geschwindigkeit der Informationsübertragung hat sich so sehr verändert, dass wir nicht mehr dort leben, wo wir uns gerade physisch befinden. Wir sind da, wo unsere Interessen verwirklicht werden. Anwesenheit im Cyberspace – dort/hier, wo die pure Erfahrung stattfindet.
Als Designer vermitteln wir unseren KundInnen die Erfahrung der Zugehörigkeit zur Thematisierung von Kleidung. Die Menge der produzierten Waren überwältigt. Wie soll man sich in diesem Strom von Angeboten zurechtfinden? Mythen: Werbung hilft uns, sich in diesem Informationsfluss zu orientieren. Bin ich das, fühle ich mich wohl? Das bin ich, ich nehme das… Wenn wir uns erst einmal klar darüber geworden sind, wer/was wir sein wollen, läuft auch das Haben nach Plan.
Identifikation und Disidentifikation. Das Prinzip des Dandyismus, acht Stunden vor dem Spiegel zu verbringen, um danach ein paar zerstörerische Akzente zu setzen – der Zeit zuvor kommen! Mode basiert auf Entdeckungen wie jede andere Wissenschaft/Industrie. Die Kostümgeschichte gleicht dem Periodensystem Mendelejews – wenn wir sie kennen, können wir damit experimentieren. Ein chemisches Labor der Proportionen von Form und Geschmack. Kleidungsstücke sind vor allem Zeichen, Signale an die Gesellschaft, mit Hilfe derer das Individuum zeigt, worüber es sich Gedanken macht.

Re:validation: art point Sommerkollektion 2017

LKV: Isabell, du arbeitest für die Österreichischen Bundesbahnen, hast als Fahrdienstleiterin begonnen, dann Psychologie studiert und machst gerade eine Ausbildung zur Philosophischen Praktikerin an der Uni Wien. Du bist seit 1993 in diesem großen Unternehmen. Welche Rolle hat Kleidung auf diesem Weg für dich gespielt?

IG: Kleidung, als Ausdruck der Persönlichkeit, war mir schon immer wichtig. In meiner Zeit als Fahrdienstleiterin, musste ich während der Arbeit eine Uniform tragen, aber in der Freizeit bin ich sofort in Kleidung geschlüpft, die mir mehr Möglichkeit gegeben hat, meine Individualität und meinen ästhetischen Anspruch nach außen tragen zu können. Mit meinen Wechsel in den HR-Bereich hatte ich dann mehr Raum und Möglichkeiten dazu.

LKV: Als du im Jahr 2002 art point für dich entdeckt hast, ging es da um Haben oder Sein?

IG: Die Mode von art point ermöglicht es mir, noch intensiver die Facetten meines Seins in unterschiedlichen Rollen ausleben zu können. Es ging mir daher vorrangig um Sein und vor allem um anders-Sein, exklusiv-Sein. Aber auch das Haben war mir von Anfang an wichtig, da ich von jeder Kollektion mindestens ein Modell besitzen wollte. Und im Lauf der Jahre ist daraus eine wunderbare Sammlung von Kleidungsstücken entstanden, die es mir ermöglichen, auf unterschiedliche Art und Weise in Resonanz mit meiner Umwelt zu treten – von elegant-Sein, extravagant-Sein, weiblich-Sein, leger-Sein oder einfach so sein, wie ich mich gerade fühle und nach außen zeigen will. Die Materialien, die Formen, die Möglichkeit diese Kleidung im Schichten-Look zu tragen, ihre kleinen Details, – all das ladet mich zum Experimentieren ein.
Denn wie lässt sich eine Zeit am besten beschreiben? Sich erinnern, was man damals getragen hat...

LKV: Wie die Zeit überwinden? Gedächtnisschichten ausradieren und re-mixen. Neue Schattierungen des Sinns schaffen. Sobald diese an ihre Grenzen stoßen, beginnen sie neue Territorien zu erobern.


art point | Vienna-based Fashion Brand
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Mo-Fr 11-19:00, Sa 11-17:00

art point Concept Store, 1070 Wien

Credits alle Fotos:
© art point, 2016 | Fotograf: Vipin Mayer

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