Wenn Kommentare Todesgefahr bedeuten

3. Mai 2017, 19:24
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Der Concordia-Preis für Pressefreiheit ging an inhaftierte Journalisten in der Türkei. "Die Bedrohung rückt näher", warnte STANDARD-Herausgeberin Alexandra Föderl-Schmid in ihrer Laudatio

Wien – Mehr als 10.000 unterstützten den Appell an die Türkei, alle inhaftierten Journalisten freizulassen. Am Mittwoch, dem Welttag der Pressefreiheit, übergaben Menschenrechts- und Journalistenorganisationen ihre Unterstützungserklärungen aus Österreich der türkischen Botschaft in Wien.

Der Wiener Presseclub Concordia verlieh seinen Preis für Pressefreiheit den türkischen Journalisten in Haft. Die türkische Journalistin und Moderatorin Banu Güven nahm die Auszeichnung stellvertretend im Wiener Parlament entgegen. Ihr kurdischstämmiger Kollege Ismail Eskin erhielt dafür kein Visum von der österreichischen Botschaft.

In der Türkei sitzen weltweit die meisten Journalistinnen und Journalisten in Haft, erinnerte STANDARD-Herausgeberin Alexandra Föderl-Schmid in ihrer Laudatio – mehr als 130 Medienleute hinter Gittern, 150 Medien, manche Quellen sprechen von 170, geschlossen: "Welch hohes Gut Meinungs- und Pressefreiheit darstellen, wird uns in Westeuropa in den vergangenen Monaten immer stärker bewusst. Weil wir für selbstverständlich erachten, was vor Jahrzehnten in unserer Region erkämpft wurde. Und weil auch immer mehr Kolleginnen und Kollegen in unserem Nachbarland Ungarn betroffen sind."

Aus Nummern werden Namen

"Die Bedrohung rückt näher und wird plötzlich real", sagt Föderl-Schmid: "Sie betrifft Journalisten, die man kennt. Aus Nummern werden Namen, die Gefährdeten haben ein Gesicht, eine Stimme. Sie sind nicht nur eine Symbolfigur, sondern Journalistinnen und Journalisten wie du und ich."

Die Türkei zeige, wie konkret es werden kann: "Wenn nur noch die Meinung derjenigen für richtig und zum Recht erklärt wird, die die Macht haben. Wenn Kritik mit Widerstand gegen die Staatsgewalt gleichgesetzt wird. Wenn ein Kommentar Todesgefahr bedeutet. Und wenn Berichterstattung schon als Akt des Aufbegehrens gewertet wird."

Der Concordia-Preis für Menschenrechte ging an Profil-Redakteurin Edith Meinhart. Den Ehrenpreis für sein Lebenswerk erhielt der Publizist und langjährige ORF-Journalist Peter Huemer.

Bedrohung im ORF

Huemer sieht eine "konkrete Bedrohung" von "Freiheit und Unabhängigkeit des Österreichischen Rundfunks". Anlass: Kritik auch von ORF-Managern an "Verhören" und "Zersetzung der Demokratie". "Gemeint sind offensichtlich die Zeit im Bild 2 und deren Anchorman Armin Wolf", sagte Huemer in seiner Dankesrede und rief zur "Wachsamkeit" auf: "Wenn ein neuer Proporz droht, der die Agenden zwischen Rot, Schwarz und im Digitalbereich Blau aufteilt, dann geht uns das alle an." (red, 3.5.2017)

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Laudatio von Alexandra Föderl-Schmid

Kommentar der anderen von Peter Huemer

ORF und Politik: Es ist eine Frage der Demokratie – Österreichs System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist das im wahrsten Sinne des Wortes menschenwürdigste. Dem ORF droht nun wieder Gefahr – von außen und innen. Aus der Dankesrede des Concordia-Preisträgers Peter Huemer für das Lebenswerk

  • Reporter ohne Grenzen und Amnesty International demonstrieren für die Freilassung inhaftierter Journalisten vor der türkischen Botschaft in Berlin.
    foto: imago/christian mang

    Reporter ohne Grenzen und Amnesty International demonstrieren für die Freilassung inhaftierter Journalisten vor der türkischen Botschaft in Berlin.

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