Die spinnen, die Frauen: Textilproduktion in der Antike

Blog4. Mai 2017, 07:18
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In der Archäologischen Sammlung der Universität Wien geht es noch bis zum 28. Juni um Weib und Weben im antiken Griechenland

Im kollektiven Gedächtnis drängen sich beim Stichwort "griechische Antike" schnell einmal all die nackten, athletischen Männerkörper auf. Eine Gruppe von Studierenden der Klassischen Archäologie hat ihren Blick vom Adamskostüm abgewandt und einen neuen anziehenden Fokus gefunden: die Textilherstellung. Kleidung diente eben nicht nur zum Schutz vor den Launen des Wettergottes. Hinter den aufwendig produzierten Metern Stoff steckt weit mehr, als sich anfangs vermuten lässt. Schicht für Schicht oder, besser, Faden für Faden haben wir uns einer der ältesten Kulturtechniken angenähert und so einiges in Erfahrung gebracht.

Textilgewand aus Frauenhand

Die Herstellung von Textilien war/ist eine Frauendomäne, und so eröffnet uns die Beschäftigung mit diesem für die Gesellschaft so zentralen Handwerk unweigerlich Einblicke in weibliche Lebenswelten. Bereits in der Antike wurden Frauen für ihre Multitasking-Fähigkeiten gerühmt und gefürchtet. "Das Wasser trug sie auf dem Kopf, das Pferd führte sie am Arm und (sie) drehte die Spindel", schreibt Herodot (5. Jh. v. Chr.) voller Anerkennung. Auch er spielt dabei selbstverständlich auf eine der wichtigsten "weiblichen Qualitäten" an: die Fertigkeit der Textilproduktion.

Den Lebensmittelpunkt einer Frau stellte der Oikos (Haus- und Wirtschaftsgemeinschaft) dar, den sie gemeinsam mit ihrem Gatten und der Dienerschaft am Laufen hielt. Fähigkeiten wie Ressourcenmanagement, Führungskompetenzen, Planungsvermögen und logisches Denken, Geschicklichkeit und Kreativität sowie Ausdauer gehörten dabei zum Anforderungsprofil für die Managerin im Oikos-Betrieb.

Angst vor Strippenzieherinnen

Die Tatsache, dass sich Frauen fernab männlicher Beschützer und Behüter stundenlang beim Drehen der Spindel austauschen konnten, war so manchem Manne nicht ganz geheuer. So beklagt der antike Schriftsteller Xenophon (um 400 v. Chr.), die Frauen würden beim textilen Wirken über die Männer herrschen, denn nur sie wüssten, wie es gemacht wird. Ein Blick auf mythische Erzählstoffe zeigt, woher diese Vorbehalte kamen: Dort funktionieren Frauen ihr Werkzeug gerne mal zur Waffe um, wenn es darum geht, sich durchzusetzen. Den Besucherinnen und Besuchern der Ausstellung werden in Text und Bild die sagenhaften klugen Weberinnen, mythischen Mörderinnen und ihre textilen Geheimcodes vorgeführt.

Faden wieder aufgenommen

Im Zuge der Ausstellungsvorbereitungen haben wir uns auf unterschiedlichen Wegen der Thematik angenähert. Einzelne Aspekte wurden in Referaten theoretisch durchleuchtet, aber wir haben den Faden auch praktisch aufgenommen: Eine Kennerin des Handwerks, die Kunsthistorikerin Ulrike Müller-Kaspar (spindel.at), hat uns mit den ersten Herstellungsschritten "vom Schaf zum Faden" vertraut gemacht. Von Ehrgeiz gepackt begannen wir schließlich, selbst die Spindeln in Gang zu setzen, und entwickelten dabei den größten Respekt für die Komplexität und den Arbeitsaufwand antiker Textilherstellung. Außerdem konnten wir bei einem Besuch in den wunderbaren Depots des MAK an seltenen Originalen die technische Raffinesse antiker Textilien bestaunen. Am Eröffnungsabend knüpfte die Textilexpertin Marie Louise Bech Nosch aus Kopenhagen mit einem Vortrag zu "Schiff und Webstuhl" an das Thema unserer Ausstellung an.

Um den Finger wickeln lassen

Noch bis zum 28. Juni entspinnt sich in den Räumlichkeiten der Archäologischen Sammlung ein dichtes Netz von Geschichten zur Textilproduktion: Mithilfe von Plakaten, Informationstafeln, altehrwürdigen Gipsabgüssen und thematisch relevanten Objekten aus der Originalsammlung haben wir einen bunten Teppich an Wissenswertem zu dieser antiken Kulturtechnik und weiblichen Handwerkskunst gewoben.

Die Ausstellung verschafft jenen Frauen Gehör, die öffentlich zwar keine Stimme hatten, aber mit Kett- und Schussfäden ihre Lebenswelt verdichteten und so in Gesellschaft und Geschichte feingesponnen hineinwirkten. (Viktoria Räuchle, Lisa Wirzel, 4.5.2017)

Viktoria Räuchle ist Universitätsassistentin am Institut für Klassische Archäologie der Universität Wien und war als Kursleiterin für die Konzeption der Ausstellung verantwortlich.

Lisa Wirzel brachte als Studierende der Klassischen Archäologie und Kursteilnehmerin ihre Kreativität und Kompetenz in die Gestaltung und Umsetzung ein.

Die spinnen, die Frauen. Zur Kulturtechnik der Textilproduktion in der griechischen Antike. Eine Ausstellung von Studierenden der Klassischen Archäologie unter der Leitung von Viktoria Räuchle mit Marion Meyer bis 28. Juni in der Archäologischen Sammlung des Instituts für Klassische Archäologie, Franz-Klein-Gasse 1, Eingang Philippovichgasse 11, 1190 Wien. Öffnungszeiten: jeden Dienstag 16 bis 18 Uhr sowie nach Vereinbarung (Telefon: + 43-(0)1-4277 40601, E-Mail: Sammlung.Klass-Archaeologie@univie.ac.at).

Links

  • Die heiligen Hallen der Archäologischen Sammlung.
    foto: kristina klein/ika wien

    Die heiligen Hallen der Archäologischen Sammlung.

  • Alles unter einem Hut: Frau mit Hydria auf dem Kopf, Spindel in der Hand und Pferd am Arm.
    foto: lisa wirzel/zeichnung nach herodot

    Alles unter einem Hut: Frau mit Hydria auf dem Kopf, Spindel in der Hand und Pferd am Arm.

  • Im Gewebe der Geschichte(n): Ariadne hat sich in ihrem eigenen Faden verstrickt.
    foto: kristina klein/ika

    Im Gewebe der Geschichte(n): Ariadne hat sich in ihrem eigenen Faden verstrickt.

  • Wirken und Werken: Experimentelle Archäologie einmal anders.
    fotos: kristina klein/ika wien

    Wirken und Werken: Experimentelle Archäologie einmal anders.

  • Der Austausch läuft wie am Schnürchen: Die Textilexpertin Marie Louise Bech Nosch im Gespräch mit Mitarbeitern und Besuchern der Ausstellung.
    foto: kristina klein/ika

    Der Austausch läuft wie am Schnürchen: Die Textilexpertin Marie Louise Bech Nosch im Gespräch mit Mitarbeitern und Besuchern der Ausstellung.

  • Gut betuchte Heiligtümer: andächtige Adoranten vor einer Heiligtumsinstallation mit Textilweihungen.
    foto: kristina klein/ika

    Gut betuchte Heiligtümer: andächtige Adoranten vor einer Heiligtumsinstallation mit Textilweihungen.

  • Bunter Barbar, nicht bloß moderne Projektion: Im antiken Griechenland wurden orientalische Fremdvölker für ihre farbenprächtige Kleidung gerühmt.
    foto: kristina klein/ika

    Bunter Barbar, nicht bloß moderne Projektion: Im antiken Griechenland wurden orientalische Fremdvölker für ihre farbenprächtige Kleidung gerühmt.

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