"Der Talisman": Schlagfertige Selbstverteidigung

    3. Mai 2017, 16:12
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    Erlebenswert: Lore Stefaneks Neuinszenierung von Nestryos Stück im Stadttheater Klagenfurt

    Klagenfurt – Die Diskriminierung aufgrund äußerlicher Merkmale ist nicht nur engherzig und dumm, sie ist auch noch verlogen. In Lore Stefaneks pointierter Neuinszenierung von Nestroys Talisman lüftet Gertraud Jesserer als Witwe Cypressenburg im Schlussakt ihre Perücke. Und siehe da: Sie ist genauso rothaarig, wie es die Salome Pockerl und der Titus Feuerfuchs sind.

    Der Einfall der Regisseurin (und Peymann-Schauspielerin) hat nicht nur Witz, sondern auch System: Das behauptete Anderssein setzt voraus, dass man andauernd die tatsächliche Gleichheit verleugnet. Und das Entlarvendste ist, wenn das Kartenhaus des Vorurteils zusammenbricht und der sozial Gemobbte sich nicht, wie erwartet, als arm erweist, sondern als wohlhabend.

    Schlagfertige Selbstverteidigung

    Es ist eine luzide, bis in die Kostüme Stephanie Geigers hinein humorvolle Analyse des Vorurteils, die Stefanek dem Stadttheater-Publikum schenkt. In seinen Soli vielleicht noch etwas überdreht, wird der ebenfalls Peymann-bewährte Nicolai Despot als Feuerfuchs in den Ensembleszenen nicht nur in seiner bemerkenswert hellhörigen Anspielbarkeit und schlagfertigen Selbstverteidigung mittels des Textes, sondern auch körpersprachlich zum anschaulichen Beispiel eines Ausgegrenzten. Die aus Linz stammende Claudia Kainberger stellt ihm eine präsente Gänsehüterin Salome von großer Natürlichkeit zur Seite, der man zutraut, in der Abwehr jeder Ungerechtigkeit ihrem Herzen zu folgen.

    Gertraud Jesserer als distinguierte Frau von Cypressenburg, Rolf Mautz als Geldsack Spund oder Gerald Votava als aufmüpfiger Stichler von einem Gärtnergesellen machen die Posse von der glücksbringenden Perücke um weitere Charakterstudien reicher. Und so erlebenswert, wie er ist, wäre der Abend auch nicht ohne Primus Sitter (Gitarre) und den Ausnahme-Tubisten Jon Sass, die den Couplets, einschließlich der Zusatzstrophen etwa über das Privatleben des Waffenfabrikanten Gaston Glock, eine musikalisch feinsinnige Eindringlichkeit verleihen. (Michael Cerha, 3.5.2017)

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