Alexandra Föderl-Schmid: "Die Bedrohung rückt näher und wird plötzlich real"

    3. Mai 2017, 18:02
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    Der Concordia-Preis für Pressefreiheit ging an inhaftierte Journalisten in der Türkei – Die Laudatio von STANDARD-Herausgeberin Alexandra Föderl-Schmid im Wortlaut

    Wien – Der Presseclub Concordia verlieh am Mittwochabend seinen Preis für Pressefreiheit den türkischen Journalisten in Haft. Die türkische Journalistin und Moderatorin Banu Güven nahm die Auszeichnung stellvertretend im Wiener Parlament entgegen. Ihr kurdischstämmiger Kollege Ismail Eskin erhielt wie berichtet dafür kein Visum von der österreichischen Botschaft.

    "Die Bedrohung rückt näher und wird plötzlich real", sagt STANDARD-Chefredakteurin und Co-Herausgeberin Föderl-Schmid in ihrer Laudation, "sie betrifft Journalisten, die man kennt."

    Die Laudatio im Wortlaut

    Pressefreiheit, das klingt sehr abstrakt. Wie konkret es werden kann, sieht man jetzt in der Türkei, am Umgang mit Journalisten: Wenn nur noch die Meinung derjenigen richtig und zum Recht erklärt wird, die die Macht haben. Wenn Kritik mit Widerstand gegen die Staatsgewalt gleichgesetzt wird. Wenn ein Kommentar Todesgefahr bedeutet. Und wenn Berichterstattung schon als Akt des Aufbegehrens gewertet wird.

    In der Türkei sitzen weltweit die meisten Journalistinnen und Journalisten in Haft. Welch hohes Gut Meinungs- und Pressefreiheit darstellen, wird uns in Westeuropa in den vergangenen Monaten immer stärker bewusst. Weil wir für selbstverständlich erachten, was vor Jahrzehnten in unserer Region erkämpft wurde. Und weil auch immer mehr Kolleginnen und Kollegen in unserem Nachbarland Ungarn betroffen sind.

    Die Bedrohung rückt näher und wird plötzlich real: Sie betrifft Journalisten, die man kennt. Aus Nummern werden Namen, die Gefährdeten haben ein Gesicht, eine Stimme. Sie sind nicht nur eine Symbolfigur, sondern Journalistinnen und Journalisten wie du und ich.

    Wie Banu Güven und Ismail Eskin. Beide sollten heute hier sein und darüber sprechen, wie es ist, seine eigene Freiheit aufs Spiel zu setzen für etwas, was selbstverständlich sein sollte. Ismail Eskin konnte aber nicht nach Wien reisen, denn die österreichische Botschaft in Ankara antwortete auf seinen Antrag zur Erteilung eines Visums, "es bestehen begründete Zweifel am Wahrheitsgehalt des Inhaltes der vorgelegten Belege und an der Glaubwürdigkeit der Angaben des Antragstellers".

    Empörende Unterstellung

    Außerdem habe Eskin "nicht den Nachweis erbracht, dass er über ausreichend Mittel zur Bestreitung des Lebensunterhalts" für die Dauer seines Aufenthalts verfüge, "oder Sie sind nicht in der Lage, diese Mittel rechtmäßig zu erlangen". Das finde ich besonders empörend, diese Unterstellung.

    Es geht noch weiter: Eskin habe "keine beziehungsweise nicht ausreichende Nachweise (zum Beispiel Besitz von Immobilien, Kfz, Geldmittel et cetera) zur Wahrung der Verwurzelung im Heimatland" vorgewiesen. Zugespitzt, mit anderen Worten, er hat kein Auto in der Türkei, da könnte er ja hierbleiben!

    Als die Concordia an die Botschaft schrieb, der Presseclub komme für alle Kosten auf, hatte Eskin schon seinen Antrag auf ein Visum für Österreich zurückgezogen – um sich selbst zu schützen. Denn im Falle einer Ablehnung wäre diese Information für alle Behörden im Schengen-Raum einsehbar gespeichert gewesen, Schwierigkeiten mit türkischen Behörden wären nicht auszuschließen gewesen.

    Mich erinnert das an längst vergangene Zeiten. Und als österreichische Staatsbürgerin und erst recht als Journalistin finde ich diese Vorgangsweise unglaublich beschämend.

    Hinter Jeder Zahl ein Mensch

    Auch deshalb bedarf es eines Aufschreis mitten in Europa, denn es betrifft uns, unseren Berufsstand, wenn Kolleginnen und Kollegen in der Türkei eingeschüchtert, bedroht, gefangen genommen und unter fadenscheiniger Begründung angeklagt werden. Es hat schleichend begonnen, aber unser STANDARD-Korrespondent Markus Bernath hat schon vor drei Jahren eine Veränderung der Arbeitsbedingungen registriert und die Konsequenz gezogen: Er übersiedelte nach Athen und berichtet von dort über die Türkei.

    Aber viele können nicht einfach weggehen, weil die Türkei ihr Land, ihre Heimat ist. Mehr als 130 Journalisten sitzen in Haft, rund 150 Medien, andere Quellen sprechen von 170, wurden geschlossen, viele Stimmen sind verstummt.

    Hinter jeder einzelnen Zahl steckt ein Mensch, eigentlich sollten alle Namen hier verlesen werden, einzeln – denn jeder Einzelne steht als Person ein, ganz konkret, für etwas Abstraktes, für Pressefreiheit.

    Wie muss es sein, wenn man jeden Tag, jede Stunde damit rechnen muss, dass jemand auftaucht und einen mitnimmt? Man weiß nicht, wohin. Welche Gedanken gehen dann durch den Kopf: Was wiegt schwerer – die journalistische Verantwortung, die für die Familie, für Freunde, für Kollegen? Ist richtig noch immer richtig?

    Banu Güven weiß, wie es ist, in einer solchen Lage zu sein. Wie viel Mut braucht es, in einer solchen Situation nicht zu verzweifeln, seinen Weg zu gehen und seinen Berufsprinzipien treu zu bleiben?

    Permanentes Gefühl der Anspannung

    Eine türkische Kollegin hat mir berichtet, dass sie nicht mehr schlafen kann, dass sie sich fragt, bist du die Nächste? Es ist ein permanentes Gefühl der Anspannung, sie fühlt sich auch in ihren eigenen vier Wänden nicht mehr sicher. Bei jedem Klingeln an der Wohnungstür erschrickt sie, sie hat Vorkehrungen getroffen für den Fall, dass "es" passiert. Aber kann man wirklich auf das vorbereitet sein, was einen erwartet im Gefängnis? Auf die Isolierung, auf das Abgeschnittensein von Informationen, von Kolleginnen und Kollegen?

    Im vergangenen September habe ich Can Dündar, den langjährigen Chefredakteur von "Cumhuriyet", getroffen. Er saß in der Türkei in Haft, lebt nun im Exil in Deutschland. Er sagte mir, die Haftzeit sei wie "Digital Detox", der Informationsentzug sei für ihn das Schlimmste gewesen.

    19 seiner "Cumhuriyet"-Kollegen sind seit Oktober noch immer in Haft. Darunter Kadri Gürsel, Kolumnist der Zeitung, der auch im Board der in Wien ansässigen Pressefreiheitsorganisation IPI sitzt. Die Staatsanwaltschaft forderte im April bis zu 15 Jahre Haft für ihn, er wartet auf seinen Prozess im Gefängnis.

    Wir Journalisten sind überall mitgemeint, es geht auch uns an. Deshalb ist dieser Preis der Concordia, der ältesten Vereinigung von Journalistinnen und Journalisten, ein Signal der Unterstützung. Respekt dafür, dass ihr für eure Überzeugungen eintretet. Ihr kämpft für Presse- und Informationsfreiheit, ihr setzt eure Freiheit dafür ein. Euer Mut ist bewundernswert! Hoffentlich gibt dieser Preis euch, den inhaftierten Kolleginnen und Kollegen, Kraft, diese schwierige Zeit zu überstehen und durchzuhalten. (Alexandra Föderl-Schmid, 3.5.2017)

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