Facebook, wo der Wahnsinn lauert

Glosse4. Mai 2017, 07:00
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Für mich ist es inzwischen zur Gewissheit geworden, dass Facebook einem Monty-Python-Albtraum sehr nahe kommt

Ich bin gespalten. Einerseits ist FB unendlich dumm und eine Spielwiese der Denunzianten und der Wahnsinnigen. Andererseits macht genau das seine Anziehungskraft für mich aus. Ein Bericht über meinen ganz persönlichen FB-Wahnsinn.

Hinter der Fassade

Bei Henrik Ibsen, so heißt es, sei alles eine Auslotung des Wahnsinns hinter bürgerlichen Fassaden. So ist es auch bei Facebook. Doch damals, als mir einige Kollegen aus einer Redaktion dringend raten, unbedingt und auf alle Fälle FB haben zu müssen, nennen sie mir zwei gute Gründe. Freundschaften zu schließen ist nicht dabei. "Du kannst da deine Texte unter die Leute bringen!", sagt Ivana. "Du kannst da Frauen aufreißen!", sagt Amar, der aus der Herzegowina kommt und weiß, wie man mich überzeugt. Also lasse ich mir von Ivana einen Account einrichten und erklären, wie ich am FB herumfummeln muss.

Und seit diesem Tag bin ich zerrissen zwischen dem Wunsch, diesen Kram einfach zu löschen, um wieder als freier Mensch zu leben – und der Neugier, welche Sorten von Wahnsinn, Dummheit, Verbohrtheit, Denunziantentum und nicht zuletzt Überforderung der FB-Administration ich mittels Facebook noch zu sehen bekomme. Bisher siegt meine Neugier.

Der Blockwart

Auf eine Entität kann sich Facebook immer verlassen: den Denunzianten. Er erspart Facebook viel Geld, weil er ohne Bezahlung den Job der Erhaltung der Netzhygiene auf sich nimmt. Zum ersten Mal begegne ich dieser Sorte, als ich über Genitalverstümmelung bei Buben schreibe. Ich illlustriere meinen Text mit Bildern, geschossen von Ärzten aus aller Welt, die die Folgen von misslungenen "Beschneidungen" zeigen. Darunter ist auch des Bild eines somalischen Jungen, der durch diese Barbarei eine Penisnekrose davonträgt. Für den Rest seines Lebens wird er verstümmelt bleiben.

Schnell sind Postings unter meinem Text. Darunter jenes eines besonders heftig beleidigten Individuums, das meint, ich hätte alles nur missverstanden und hasse die Angehörigen seiner Religion. Zunächst versuche ich es tatsächlich mit Argumenten, doch mittendrin sperrt mich Facebook für 24 Stunden und löscht die medizinischen Bilder der Penisnekrose. Die Mitteilung der FB-Administration besagt, das Bild sei von einem Nutzer wegen der Darstellung von Nacktheit gemeldet worden. Widerstand ist zwecklos!

Entartete Kunst

Ich denke schenkelklopfend an diese Episode, als das deutsche Nachrichtenmagazin "Spiegel" schreibt, wie Facebook einem Nutzer (wohl nach einer Blockwartmeldung) alle Bilder von nackten Statuen großer Bildhauer löscht. Darunter ist auch Michelangelos "David" vor dem Palazzo Vecchio in Florenz. Das sagt schon sehr viel aus, vor allem über den Bildungsgrad und die Sensibilität der "Administratoren", die Facebook beschäftigt. Ach was! Nenne ich sie doch beim Namen: Zensoren.

Der Nutzer – so erzählt der Artikel im "Spiegel" weiter – setzt sich erfolgreich zur Wehr, bekommt seine Bilder zurück und sorgt für Presseberichte voller Hohn und Spott. Worauf Millionen andere Nutzer eine Flut von nackter Kunst auf ihre Walls stellen. Auch ich. Mit dem Text: "Choke on this, facebook!" So was passiert nun mal, wenn man sich anmaßt, entscheiden zu dürfen, was gezeigt, gesagt, gezeichnet oder geschrieben werden darf – und was nicht. Und wenn man dafür – wie einst die Nazis – unbezahlte Denunzianten und unterbelichtete Zensoren beschäftigt.

Die Analytikerin

Denunzianten sind nicht das einzige Unkraut, das von Facebook gezüchtet wird. Ganz normale Turboneurotiker sind ein anderes. Meine erste Erfahrung geschieht mir (recht), als mich eine FB-Freundin um ein persönliches Treffen bittet, weil sie mich kennenlernen will. Als wir uns dann in einem Café treffen, will sie mich analysieren und erklärt mir, ich bräuchte professionelle Hilfe. Ich zermartere mein Hirn mit zweierlei. Eines: Wie entkomme ich höflich? Das Zweite: Was in meiner Schreibe mag sie veranlassen, mich für geisteskrank zu halten?

Wie sich schnell herausstellt, weiß die gute Frau deswegen so gut über meine Psyche Bescheid, weil sie selbst seit vielen Jahren in Therapie ist. Und weil das Ende ihrer Therapie nicht abzusehen ist, lernt sie jeden Tag etwas Neues über anderer Leute Geisteskrankheit. Was in ihrer Welt bedeutet, dass sie Leuten wie mir umso besser helfen kann.

Ich täusche einen Anruf vor und lüge, dass mein Therapeut mich soeben daran erinnert, dass ich meine Tabletten immer brav nehmen muss, und weil ich sie zu Hause vergessen habe, muss ich nun dringend weg. Auf der Gasse drehe ich mich ständig um, weil ich fürchte, sie wird mir nachschleichen und sehen, wo ich wohne. Damit sie mich besser analysieren kann.

Der Quellenfaschist

Er, nennen wir ihn Franz, ist anfangs eine erfreuliche Begegnung. Erst im Facebook und dann (ich bin ja vorsichtig geworden) da draußen, im echten Leben. Franz ist ein Balkanliebhaber und Kulturexperte dieses Erdteils. Von ihm lerne ich mehr über Ivo Andrić und Mešo Selimović als in meinem abgebrochenen Studium der Slawistik. Und wir saufen uns dabei mit Šljivovica (und Шљивовица) an.

Doch nicht lange nach unserer Begegnung beginnt er eigenartige Postings auf meine Wand zu setzen. Es geht immer um die Quellenlage von Texten über Terrorismus. Er will mich irgendwie zwingen, meine Texte wie ein Journalist ausschließlich mit (nach seinen Maßstäben) glaubwürdigen Quellen zu belegen. Dabei schreibe ich nie als Journalist, sondern immer nur als Autor und aus meinem persönlichen Empfinden. Meine Texte nehmen als Quellen meine eigene Erfahrung, Sensibilität, Gewissen und Ockhams Klinge als Quelle. Weil uns Autoren das die einzig zuverlässigen Quellen scheinen.

Doch das genügt Franz nicht. Als er anfängt, ohne weitere Erläuterung Einzeiler wie "Blödsinn!!!!", "Schwachsinn!" oder "Geh bitte!" unter meine Texte zum Thema Terrorismus zu setzen, entfreunde ich ihn schweren Herzens. Immerhin bemüht er sich, den deutschsprachigen Lesern die Kultur und Literatur meiner Heimat nahezubringen. Wofür ich ihn ausdrücklich respektiere.

Jeder nur ein Kreuz!

Neulich begibt sich ein sehr sympathischer meiner FB-Freunde, Hans H. (er wird sich wohl im Text erkennen), freiwillig in Facebook-Karenz. Was Hans nicht packt, sind Impfgegner und Krieger für soziale Gerechtigkeit (auf Deutsch: social justice warriors). Das scheinen Hansens Psychos zu sein, und er ist ihrer einfach müde geworden.

Kaum postet Hans seine Absicht und begründet sie, antwortet ihm ein Impfgegner wütend etwas Wirres über den Faschismus der impfenden Mehrheit und Lügen der Impfbefürworter. Hans ist so tapfer, dass er noch ein letztes Mal versucht, mit Argumenten gegen schiere Dummheit anzugehen. Was zwangsläufig scheitert. Lieber Hans, du bist nicht der einzige Müde, ich fühle mit dir und wünsche dir gute Erholung im Facebook-Urlaub.

Für mich ist es inzwischen zur Gewissheit geworden, dass Facebook einem Monty-Python-Albtraum sehr nahe kommt. Seine größte Leistung besteht nicht in der Pflege von Freundschaften – sondern von Feindschaften. Die andere größte Leistung von FB ist es, dass es uns die zuvor unsichtbare Masse der Irren und Verwirrten, der Dummen und Bösartigen sichtbar macht.

Das sind die Leute, die – wie es der große Poet Dalmatiens, Jerolim Kavanjin Capogrosso, sagt – "pfurzen und pfürzeln, die stinken und stänkern". Danke, Facebook! (Bogumil Balkansky, 4.5.2017)

  • Meine erste Erfahrung geschieht mir (recht), als mich eine FB-Freundin um ein persönliches Treffen bittet, weil sie mich kennenlernen will.
    foto: ap/paul sakuma

    Meine erste Erfahrung geschieht mir (recht), als mich eine FB-Freundin um ein persönliches Treffen bittet, weil sie mich kennenlernen will.

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