"Elegie für junge Liebende": Mord und gestohlener Wahn

3. Mai 2017, 16:46
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Premiere von Hans Werner Henzes Oper im Theater an der Wien. Regisseur Keith Warner gelingt in einem fantasievoll mit räumlichen Dimensionen spielenden Bühnenbild ein Meisterstück psychologischer Operngestaltung

Wien – Der egozentrische Dichter Gregor Mittenhofer ist auf der Bühne des Theaters an der Wien selbst dann überpräsent, wenn seine – von anderen – gepflegte Gestalt nicht zugegen ist. Mittenhofers Allgegenwart nimmt die monströse Form jener Gegenstände an, welche den Schreibtisch des Dichters gemeinhin bei der Wortarbeit zieren. Im Bühnenbild von Es Devlin wuchern diese Objekte zu weißen Gebirgsformen empor, in denen sich das Schicksal letztlich aller Figuren entscheiden wird.

Unter der riesigen Tischlampe vermittelt etwa Hilda Mack (vokal grandios und intensiv: Laura Aikin) ihre poetisch-wahnhaften Visionen, aus denen der Dichter Pointen für seine Wortwelten abschöpft. Auch schwelgt diese Frau Seltsam – auf einem Torso krabbelnd – in Erinnerungen an ihren vor vierzig Jahren in den Bergen eingefrorenen Geliebten, den das Eis nun bald zur Identifizierung freigeben wird.

Der Strippenzieher

Imposant auch die Schreibmaschine: Sie wird quasi zum "Mount Mittenhofer", auf dem selbst dem ethisch ausgehöhlten Dichter (profund: Johan Reuter) schwindelig wird. Sattelfest fühlt sich dieser Strippenzieher und Ideenvampir eher nur auf dem Bücherberg. Wie Napoleon blickt er von dort oben zu den Wolken seiner Ideenleere, falls er sich nicht im Bett mit der jungen, ihm den Popsch versohlenden Elisabeth (glänzende Höhen, große Klarheit: Anna Lucia Richter) vergnügt.

Die junge Dame allerdings zieht es plötzlich zu Jüngling Toni. Und es beginnt in dieser auf den Dichteregomanen ausgerichteten Welt, die Henze so malerisch wie subtil kommentiert und umgarnt, heftig zu knirschen.

Regisseur Keith Warner gelingt in diesem surrealen Ambiente eine präzise Studie des subtil-gnadenlosen Kampfes um den Erhalt eines Systems von Abhängigkeiten im Dienste des Dichternarziss. In einem delikaten Kammerspiel der Gesten und zerrütteten Gefühle schildert Warner die Folgen künstlerischer Besessenheit, die dem ersehnten Werk zwei Existenzen opfert – der Dichter lässt Elisabeth und Toni (kultiviert: Paul Schweinester) nicht vor dem Schneesturm retten.

Jener Augenblick aber, in dem Mittenhofer die jungen Liebenden durch Lüge an den Tod ausliefert, gerät zum intensivsten Moment der Inszenierung: Die Bühnenstille dieses Augenblicks ist durchdrungen vom entsetzten Wissen und der folgenden schweigsamen Mittäterschaft der Sekretärin Lina. Solche Szenen machen die nie plakative Inszenierung dieser Henze-Oper – zusammen mit den optischen X-Large-Reizen – zum Kandidaten für die Produktion des Jahres.

Und besonders auch Angelika Kirchschlager (als Lina) und Martin Winkler (als Dr. Reischmann) tragen zur Subtilität bei, indem sie auch klangfarblich vokal tief in die Wesensschichten ihrer Figuren eintauchen.

Die Wiener Symphoniker unter Marc Albrecht schließlich sind der Tragödie ein schillernder Partner, der die schummrige Poesie wie auch die brutalen Ausbrüche der Moderne eindringlich und kultiviert transportiert. Da funkeln die stilisiert-jazzigen Passagen in rhythmischer Komplexität. Da wirken auch die solistischen Instrumentalstatements wie szenisch belebende akustische Rufzeichen. Berechtigter großer Applaus für alle, wie man so sagt. (Ljubiša Tošic, 3.5.2017)

  • Hilda Mack (grandios: Laura Aikin), die sich fantasievoll aus der Realität verabschiedet hat, versorgt den Dichter unter dessen Schreibtischlampe mit Ideen.
    foto: apa/werner kmetitsch

    Hilda Mack (grandios: Laura Aikin), die sich fantasievoll aus der Realität verabschiedet hat, versorgt den Dichter unter dessen Schreibtischlampe mit Ideen.

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