Vergewaltigungsprozess: 100.000-Euro-Forderung der Missbrauchten

4. Mai 2017, 09:00
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Eine 26-Jährige hat nach zehn Jahren ihren früheren Freund der Vergewaltigung bezichtigt. Eine Geschichte voller Widersprüche

Wien – Ein halbes Jahr lang musste Rene D. damit leben, dass ihm im schlimmsten Fall bis zu 15 Jahre Gefängnis drohen. Der Grund: Eine Exfreundin hat ihn fast zehn Jahre nach der Beziehung beschuldigt, sie regelmäßig geschlagen und vergewaltigt zu haben.

Was von dem Fall zu halten ist, erkennt man am Schlussplädoyer der Staatsanwältin: "Sollte der Senat doch zur Überzeugung kommen, dass die angeklagten Taten stattgefunden haben, bitte ich um schuld- und tatangemessene Bestrafung." Ein Wunder, dass sie nicht auch noch "wider Erwarten" eingefügt hat.

Unbescholtener Angeklagter

Der unbescholtene 31-jährige Angestellte bekennt sich nicht schuldig. 2007, 2008 war er mit der damals 16-Jährigen zusammen. Allzu viele Erinnerungen hat er heute nicht mehr daran. "Es war eine On-off-Beziehung", erzählt er dem Schöffensenat unter Vorsitz von Beate Matschnig. Wie er das Mädchen kennengelernt hatte, weiß er nicht mehr, ebenso wenig, wer eigentlich Schuss gemacht hat. "Sie hat immer wieder bei mir übernachtet", wirkliche Auseinandersetzungen habe es nie gegeben. War man zusammen, hatte man täglich Sex.

Die Frau hat bei der Polizei etwas anderes erzählt. Der Angeklagte habe sie praktisch täglich ins Gesicht geschlagen, auch um Sex zu erzwingen. Einmal habe er sie mit dem Kopf aus dem Fenster gelehnt und ihre Füße leicht angehoben, sodass sie Angst hatte, er schmeiße sie auf die Straße.

Einmal Sex am Fenster

Dazu kann D., der von seiner derzeitigen Partnerin und seinem Arbeitgeber begleitet wird, zumindest eines sagen: "Wir haben einmal Geschlechtsverkehr am Fenster ausgeübt." Den Vorwurf, er habe seine damalige Freundin immer wieder im Bad eingesperrt, kann er sich dagegen nicht erklären: Schließlich könne man die Verriegelung logischerweise von innen öffnen.

Die Zeugenaussagen zeigen ein Problem – Mutter, Stiefvater und eine Freundin der jungen Frau können nur wiedergeben, was sie ihnen erzählt hat. Verletzungen hat nie jemand bemerkt. Am Ende der Beziehung hat die Freundin die Eltern angerufen, da das angebliche Opfer sie verständigt habe, D. habe sie wieder geschlagen und eingesperrt.

Unklare Zeitangaben

Die Mutter glaubt sich zwar erinnern zu können, ihre Tochter habe ihr, nachdem sie sie abgeholt hatten, von Misshandlungen erzählt. Andererseits erinnert sie sich auch, erst 2010 davon erfahren zu haben, nachdem die Tochter sich in eine Psychotherapie begeben hatte. "Warum haben Sie das damals nicht angezeigt?", wundert sich Matschnig. "Weil sie es nicht wollte", lautet die Antwort der Mutter.

Seltsam ist auch, dass sich der Stiefvater an die Abholaktion praktisch gar nicht mehr erinnern kann. Dazu kommt, dass er sich erst auf Nachfrage früherer Anzeigen seiner Stieftochter entsinnt. Die hat nämlich auch schon einen früheren Partner ihrer Mutter, ihren Chef und den Vater ihrer beiden Kinder wegen Sexualdelikten angezeigt. Zumindest einer der Fälle endete mit einem Freispruch, wie Verteidiger Ernst Schillhammer deutlich macht.

Misshandlung in Kindheit nicht ausgeschlossen

Bei einer Psychologin sprach die junge Frau auch davon, in ihrer Kindheit misshandelt und missbraucht worden zu sein. Dennoch ist sie davon überzeugt, der Angeklagte habe ihre bis heute andauernden psychischen Probleme ausgelöst, und will daher 100.000 Euro Schmerzensgeld von ihm.

Die sie nicht bekommt. Nach wenigen Minuten Beratung spricht der Senat D. rechtskräftig frei. "Es gibt schon sehr, sehr viele Punkte, die mehr als zweifelhaft sind", begründet Matschnig die Entscheidung. "Wenn jemand tagtäglich einem Mädchen ins Gesicht schlägt und niemand je Verletzungen bemerkt, ist das unglaubwürdig."

Für den Angeklagten spreche auch, dass er noch nie etwas mit der Polizei zu tun hatte, er also wohl kein Schlägertyp sei. Von einer Verleumdungsklage rät die Vorsitzende der Staatsanwältin trotzdem ab. "Wir glauben, dass an einem der Vorwürfe, wohl dem Missbrauch in der Kindheit, was dran ist. Und das könnte immer wieder durchbrechen und zu falschen Erinnerungen führen", mutmaßt Matschnig. (Michael Möseneder, 4.5.2017)

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