Nowotny: "Kaufen Sie eine Wohnung, solange es so günstig ist"

3. Mai 2017, 13:34
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WU-Professor Pichler: Elterngeneration verdankt ihr Vermögen einer Blase, der Notenbankchef verteidigt die Niedrigzinspolitik

Wien – "Kaufen Sie eine Wohnung, solange es so günstig ist": Mit diesem für einen Notenbank-Chef eher ungewöhnlichen Ratschlag sorgte Ewald Nowotny am Montagabend bei einer Diskussion im Großen Festsaal der Wiener Wirtschaftsuniversität für Erheiterung – besonders bei den zahlreich zuhörenden Studenten. Die Zuschreibung "günstig" bezog sich auf die Kreditzinslandschaft, nicht auf die Wohnungspreise.

Thema der von "Presse"-Chefredakteur Rainer Nowak moderierten Diskussion zwischen dem Nationalbank-Gouverneur und WU-Professor Stefan Pichler (Banking and Finance): "Phänomen Negativzinsen: Billiges Geld mit teuren Folgen?"

Negativzinsen kein neues Phänomen

Vor der Diskussion gaben Nowotny, der einst selbst an der Wirtschaftsuniversität gelehrt hatte, und Pichler in Vorträgen Einblick in ihre Sicht aufs Thema. Nowotny, der als Notenbank-Chef auch Mitglied des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB) und sohin Mitentscheider in EU-Zinsfragen ist, wies eingangs darauf hin, dass reale negative Zinssätze "kein neues Phänomen für die Welt" seien, laut Angaben der Deutschen Bundesbank seien die Realzinsen seit 1950 in 40 Prozent der Zeit negativ gewesen. "Das Besondere" seien die negativen Nominalzinsen; und die stellt die EZB Banken für ihre kurzfristigen Einlagen bei der EZB in Rechnung. Grund dafür, so Nowotny kurz und knapp: "Man will erreichen, dass die Banken das Geld als Kredite vergeben."

Dass es bei Privatkrediten keine Negativzinsen gibt, halte er für richtig, "ich hielte es für bizarr, wenn das käme, das wäre die Perversion des Finanzsystems". Dieser Ansicht schloss sich später, in der Diskussion und auf Nachfragen von Zuhörern, auch WU-Professor Pichler an, der Markt würde derartige Asymmetrien auch "gar nicht aushalten". In der Schweiz sei der Hinweis, dass Zinsen für Privatkredite nicht negativ werden können, in jedem Vertrag erwähnt, so Nowotny, in Österreich gebe es dazu "neue Rechtsprechung, weil eben auch Negativzinsen neu sind".

Niedrigzinspolitik der EZB "hat sich bewährt"

In den Augen Nowotnys hat sich die Niedrigzinspolitik der EZB bewährt, das Kreditwachstum sei bereits angesprungen. Österreichs Unternehmen hätten sich seit Ende 2008 rund 28 Milliarden Euro, Österreichs Haushalte knapp 24 Milliarden an Zinsaufwendungen erspart. Allerdings seien den österreichischen Haushalten durch die niedrigen Sparzinsen auch 37 Milliarden Euro an Zinserträgen entgangen.

Der Nationalbank-Chef räumte ein, dass "Negativzinsen kein Normalzustand" sein könnten in Volkswirtschaften, man müsse "so bald wie möglich rauskommen". Wann das sein wird? Laut Nowotny "bald", denn in den USA stiegen die Zinsen bereits wieder. Auch Pichler kam in seinem Vortrag zu dem Schluss, dass das geschnürte "geldpolitische Maßnahmenbündel" sinnvoll sei, "die positiven Effekte überwiegen". Es wäre aber "sympathischer", hätte man Negativzinsen vermieden.

Von Sparbüchern und Risiko

In der anschließenden Diskussion ging es um Sparbücher (Nowotny hat eines, "wollte ich reich werden, was ich nicht kann, würde ich das aber nicht über ein Sparbuch machen", sagte er etwas verschachtelt) und um die Frage, wann genau denn in Europa die Zinsen steigen werden. Der Nationalbank-Chef rechnet mit ein bis zwei Jahren, denn: "Europa liegt ein, zwei Jahre hinter den USA zurück."

Was die Frage der (durch die niedrigen Haben-Zinsen) erschwerten Vermögensbildung für Private betrifft, hatte Ökonom Pichler keine guten Nachrichten für die überwiegend jungen Zuhörer parat. "Das wird so bleiben", erklärte er, denn "dass es für unsere Elterngeneration leichter war, das war die Bubble, die wir in den vergangenen 30, 40 Jahren geritten sind. Wir müssen uns davon verabschieden, dass wir unsere Pensionen langfristig absichern können, ohne Risiko zu nehmen."

Eine kleine Beispielrechnung hatte der Professor übrigens schon in seinem Eingangsstatement vorgetragen: Wie hoch wäre unser Zinsertrag 2017, hätten wir im Jahr von Christi Geburt einen Euro angelegt, zu 0,25 Prozent verzinst? Die etwas bedrückende Lösung: 153,89 Euro. (Renate Graber, 3.5.2017)

  • Ewald Nowotny hat ein Sparbuch – auch wenn man damit nicht reich werden kann.
    foto: reuters/bader

    Ewald Nowotny hat ein Sparbuch – auch wenn man damit nicht reich werden kann.

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