Nicht nur alle Schüler, auch alle Lehrer müssen ethisch gebildet sein

Userkommentar3. Mai 2017, 10:46
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Die fachlich angemessene Behandlung ethischer Fragen ist Teil eines jeden Unterrichts. Doch Ethik fehlt in der universitären Lehrerbildung

Die medialen und politischen Diskussionen über Ethik und Schule drehen sich – wenn überhaupt – vor allem um die sich seit Jahrzehnten wiederholende Frage, ob ein verbindlicher Ethikunterricht für alle oder als Alternative zum Religionsunterricht ins österreichische Regelschulsystem eingeführt werden soll. Eine leidvolle Debatte, die durch ihre scheinbare Unlösbarkeit bei Kennern des Schulgesetzes und Verfechtern humanistischer Bildungsgedanken wütendes bis verzweifeltes Kopfschütteln hervorrufen muss. Gehört doch ethisches Nachdenken, das sich mit der Reflexion von handlungsleitenden Normen, Werten, Regeln und Zielsetzungen beschäftigt und nach dem guten Leben fragt, geradezu zum Kern dessen, was einmal unter Bildung verstanden wurde.

Damit Kinder und Jugendliche lernen, in ihren Bildungsprozessen auf umfassende und kritische Weise ihr Wissen und Handeln zu erweitern, reicht aber vermutlich auch ein gesondertes Fach Ethik nicht aus. Zusätzlich zum Ethikunterricht sollten ethische Fragen und Urteilsmethoden auch in alle anderen Unterrichtsfächer integriert werden, die nicht nur Wissen vermitteln, sondern eben auch zum verantwortungsvollen und kritischen Umgang mit Wissen befähigen wollen. Dies wiederum setzt voraus, dass sich zukünftige Lehrer und Lehrerinnen im Laufe ihrer Studien- und Ausbildungszeit mit Theorien und Methoden der Ethik beschäftigen und Vermittlungskompetenzen darin erwerben.

Ethische Kompetenz

Doch auch die neue österreichische Ausbildung für Pädagoginnen und Pädagogen, die in den Schuljahren 2015 bis 2017 an allen Lehrerbildungsinstitutionen gesetzlich in Kraft getreten ist und für wesentliche Neuerungen in den Studiencurricula sorgt, sieht für Ethik keinen Platz vor. Während unter anderem eine Genderkompetenz oder Kompetenzen sprachlicher Bildung zu den verbindlichen Bestandteilen des neuen pädagogischen Lehrerprofils zählen, ist von einer ethischen Kompetenz keine Rede. Dabei ist die Relevanz für eine fachlich fundierte Auseinandersetzung mit Fragen und Methoden der philosophischen Ethik im Rahmen der Lehrerbildung sowohl aus gesellschaftspolitischer als auch aus pädagogischer Perspektive hoch.

Lehrerinnen und Lehrer unterrichten heutzutage äußerst heterogene Schülergruppen, die sich nicht nur durch sprachliche und kulturelle, sondern auch durch moralische Vielfalt auszeichnen. Es kann in modernen Gesellschaften nicht mehr davon ausgegangen werden, dass ihre Bürgerinnen und Bürger in ähnlichen moralischen Gewohnheiten, Sitten und Gebräuchen sozialisiert wurden und somit gemeinsame Handlungsorientierungen teilen, sondern eine ganze Vielfalt von Lebensgewohnheiten und normativen Ansichten treffen in Klassenzimmern aufeinander. Gleichzeitig treten in allen Fächern moralische und ethische Fragen auf: zum Beispiel wenn im Geschichtsunterricht politische Systeme auf ihr Gerechtigkeitsverständnis hin untersucht werden, wenn im Deutschunterricht Literatur auf darin verhandelte "große Lebensfragen" analysiert wird oder in Biologie Probleme der Nachhaltigkeit und der Würde von Lebewesen diskutiert werden. Es ist weder legitim, moralische Fragen an den Religionsunterricht – beziehungsweise alternativ dazu an den Ethikunterricht – abzugeben, noch wie auch immer geartete fachlich unreflektierte moralische Postulate zu vertreten. Das fachlich angemessene Behandeln ethischer Fragen ist Teil eines jeden Unterrichts. Demnach brauchen alle Lehrerinnen und Lehrer Methoden und fundierte Kenntnisse, um mit moralischen und ethischen Problemstellungen umgehen zu können.

Teil des Lehrplans

Das Fehlen von Ethik in der universitären Lehrerbildung ist umso erstaunlicher, wenn man die leitenden Bildungsziele des österreichischen Schulgesetzes sowie der AHS-Lehrpläne heranzieht. Zu den Aufgaben eines jeden Unterrichtsfaches gehört – so steht es in der "Religiös-ethisch-philosophischen Bildungsdimension" des allgemeinen Lehrplanteils, die neben der Vermittlung von Wissen und der Förderung von Kompetenzen die dritte Zieldimension eines jeden Unterrichts darstellt – auch die Auseinandersetzung mit ethischen Fragen und die Entwicklung entsprechender Urteils- und Entscheidungskompetenzen.

Es stellt sich die Frage, wie Lehrerinnen und Lehrer, die im Laufe der Ausbildung nie explizit mit ethischen Problemstellungen und deren dem philosophischen Diskussionsstand angemessener Bearbeitung konfrontiert worden sind, ihre diesbezüglichen Aufgaben wahrnehmen sollen. Es muss also auch auf der Ebene der Lehrerinnen- und Lehrerbildung angenommen werden, dass die Auseinandersetzung mit ethischen Fragen und Ansätzen ein Defizit darstellt und somit ihre Realisierung in den schulischen Unterrichtsgegenständen ausbleibt. Damit sich Schülerinnen und Schüler ethisch bilden können, braucht es aber in erster Linie ethisch gebildete Lehrerinnen und Lehrer. (Vera Dapunt, 3.5.2017)

  • Es ist weder legitim, moralische Fragen an den Religionsunterricht – beziehungsweise alternativ dazu an den Ethikunterricht – abzugeben.
    foto: derstandard.at

    Es ist weder legitim, moralische Fragen an den Religionsunterricht – beziehungsweise alternativ dazu an den Ethikunterricht – abzugeben.

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