DeX im Test: Wie Samsung das Smartphone zum Desktop machen will

11. Juni 2017, 16:54
35 Postings

150 Euro teures Dock macht aus dem Galaxy S8 ein Desktop-System auf Android-Basis

Ein Smartphone, das auch den Desktop ersetzen kann: An diesem Konzept haben sich in den vergangenen Jahren schon mehrere Hersteller versucht. Ob Motorola oder Microsoft, eines verbindet all diese Bestrebungen bisher allerdings – sie sind auf wenig Gegenliebe der Konsumenten gestoßen. Nun versucht sich abermals ein Smartphone-Hersteller an solch einer eierlegenden Wollmilchsau, und zwar niemand geringerer als der aktuelle Marktführer.

Desktop Experience

Unter dem Namen DeX bietet Samsung ein Desktop-Dock für sein aktuelles Topgerät, das Galaxy S8. Um 150 Euro bekommt man dafür eine aus Kunststoff gefertigte Basisstation, die das Bindeglied zwischen Smartphone und anderen Geräten bildet. Das Smartphone kann dabei stehend in dem Gerät platziert werden, die Fixierung erfolgt über einen USB-C-Anschluss im Inneren. Auf der Rückseite befinden sich die Ports für die Verbindung nach außen, darunter zwei USB-2.0-Anschlüsse, die vor allem für Tastatur und Maus gedacht sind. Alternativ können für diese Aufgaben natürlich auch Bluetooth-Geräte verwendet werden, das Pairen muss dabei allerdings derzeit noch vorab im Smartphone-Modus vorgenommen werden.

foto: andreas proschofsky / standard
Samsung DeX macht aus dem Galaxy S8 einen Desktop-Rechner.

Ports

Zu den weiteren Anschlüssen gehören ein HDMI-Port für die Bildausgabe sowie ein USB-C-Steckplatz, der jedoch primär dazu gedacht ist, das Gerät im Desktop-Modus mit Strom zu versorgen. Interessanterweise funktionierte das DeX im Test auch wirklich nur mit dem Originallader von Samsung, bei anderen USB-C-Ladegeräten verweigerte es strikt die Zusammenarbeit. Ein nettes Extra ist der Ethernet-Anschluss, um eine kabelgebundene Internetverbindung nutzen zu können. Genaugenommen ist DeX also nur ein Adapter, die ganze Intelligenz für den Desktop-Modus steckt schon im Smartphone selbst.

Android

Ist alles einmal verbunden, geht es dann recht flott: Nach dem Einstecken des Smartphones in das Dock dauert es circa drei Sekunden bevor der Desktop zur Verfügung steht. Dass der Wechsel so schnell erfolgen kann, liegt vor allem an einem Umstand: Im Gegensatz zu früheren Lösungen wie Motorolas Webtop läuft der Desktop nämlich nicht als separates System. Stattdessen verwendet Samsung wirklich direkt eine Android-Umgebung – allerdings natürlich mit einem auf große Bildschirme ausgerichteten Layout.

foto: andreas proschofsky / standard
Als edel kann DeX nicht unbedingt bezeichnet werden. Rein äußerlich versprüht es den Charme eines Aschenbechers.
foto: andreas proschofsky / standard
Der Deckel kann aufgedrückt werden, darunter befindet sich ein USB-C-Anschluss, der mit dem Galaxy S8 verbunden wird.

Aufbau

Wer Windows kennt, wird sich auch hier schnell zurechtfinden: Es gibt also ein Startmenü, das über einen Knopf links unten aufgerufen werden kann. Auf der rechten unteren Seite werden Benachrichtigungen eingeblendet und Statusinformationen angezeigt. Und natürlich gibt es auch ein Panel mit all den aktuell gestarteten Apps sowie einen Desktop, auf dem Icons abgelagert werden können. All das ist optisch durchaus ansprechend umgesetzt. Die Bildschirmauflösung ist fix auf 1.920 x 1.080 Pixel festgelegt, zudem muss das Ausgabegerät auch HDCP unterstützen, also das zu HDMI gehörige Kopierschutzverfahren.

Testlauf

Prinzipiell laufen alle Android-Apps auch in diesem Desktop-Modus, wie gut ist natürlich eine andere Frage. So ist etwa die Zahl jener Apps, deren Fenster frei vergrößert oder verkleinert werden kann noch recht überschaubar: Die meisten vorinstallierten Samsung-Apps sowie einige Google- und Microsoft-Programme zählen dazu, weitere kompatible Apps versammelt das Unternehmen in einer separaten Kategorie im eigenen App Store.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Der Desktop von DeX basiert auf Android, ist im Aufbau aber an klassischen Oberflächen wie Windows orientiert.

Alle anderen werden hingegen wahlweise in einer fixen Hoch- oder Queransicht dargestellt. Leider wird dabei aber nie auf die Tablet-Darstellung mancher Apps gewechselt. Dies führt etwa dazu, dass Gmail immer nur in einer gestreckten Smartphone-Darstellung dargestellt wird – egal wie groß man das Fenster macht. Hier ist Google mit dem Android-Support unter Chrome OS schon etwas weiter, wo dann in der Queransicht der zur Verfügung stehende Platz besser ausgenutzt wird. Dies verblüfft insofern, da sich Samsung technisch gesehen exakt desselben Ansatzes wie Google bedient, jenem "Android Freeform Windows"-Support, der mit Android 7.x Einzug gehalten hat.

Etwas deplaziert wirkt auch die Systemnavigation von Android mit ihren gewohnten drei Knöpfen. Diese befindet sich neben dem Startmenü-Icon und ist wohl als Notlösung für jene Android-Apps gedacht, die den Desktop so gar nicht unterstützen wollen.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Das Startmenü von DeX.
screenshot: andreas proschofsky / standard
Apps, die kein freies Vergrößern unterstützen, können über ein Icon in der Titelzeile zwischen Porträt- und Landscape-Ansicht wechseln.

Multitasking mit Einschränkungen

Ein Problem für die Desktopnutzung ist, dass Android von Haus aus sämtliche Programme im Hintergrund einfriert. Immerhin ist die Erwartung in einem solchen Umfeld, dass mehrere Programme parallel laufen, also etwa auch ein Video weiter abgespielt wird, wenn der Fokus gewechselt wird. Das funktioniert hier auch tatsächlich mit einigen Apps wie Youtube oder Google Play Movies – mit anderen hingegen nicht. Ein Beispiel ist die Kamera-App von Samsung: Es ist zwar nett, dass diese auch in diesem Modus verwendet werden kann, kaum wechselt man aber auf ein anderes Programm stoppt die Kamera, und muss beim Wechsel zurück erst wieder komplett neugestartet werden.

Fullscreen?

Ein weiteres ungelöstes Problem ist der Fullscreen-Modus, wird dieser hier doch anders interpretiert. Ein Druck auf den entsprechenden Button führt nämlich nicht zur erhofften Vollbildschirmansicht sondern einfach zur Maximierung des Inhalts innerhalb des betreffenden Fensters. Eine andere Baustelle offenbart der Browser Chrome: Während es am Desktop gewohntermaßen eine fixe Zoom-Stufe gibt, skalieren hier die Inhalte mit dem Vergrößern und Verkleinern des Fensters mit. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass die Schriftgröße je nach Seite variiert, da sie automatisch durch die von den Seitenentwicklern vorbestimmte Breite beeinflusst wird.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Youtube läuft im Hintergrund problemlos weiter, leider gilt dies aber nur für wenige Apps.
screenshot: andreas proschofsky / standard
Die Kamera-App wird etwa komplett beendet, wenn man hier den File-Manager in den Vordergrund holt.

Fazit

Sieht man von solchen Kinderkrankheiten ab, funktioniert der Desktop-Modus verblüffend gut. Die Performance ist durchaus anständig, allzu anspruchsvolle Aufgaben kann man mit so einem Gerät ja ohnehin nicht vornehmen. Lediglich beim Vergrößern und Verkleinern von Fenstern zeigt sich eine leicht sichtbare Verzögerung. Im direkten Vergleich zu Microsofts Continuum ist Samsungs Lösung jedenfalls wesentlich flinker.

Auch der schnelle Wechsel zwischen Smartphone- und Desktop-Ansicht gefällt prinzipiell. Allerdings werden dabei automatisch sämtlich gerade offenen Programme geschlossen, wie Samsung warnt. Zum Glück gibt es hier aber Ausnahmen, so dass etwa während eines Telefonats das S8 problemlos aus dem Dock genommen und weitergesprochen werden kann. Und selbst bei beendeten Apps ist es meist durch einen simplen Neustart möglich wieder an die gleiche Stelle zurückzukehren.

Die App-Auswahl ist prinzipiell groß, jedenfalls erheblich größer als bei Microsofts Pendant. Freilich gilt hier der Hinweis, dass nur wenige der Android-Apps wirklich auf die Desktop-Nutzung ausgelegt sind, und entsprechend schnell mal deplatziert wirken.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Der Task-Switcher der Desktop-Experience.

Sinnfrage

Bleibt die Grundsatzfrage: Zahlt sich das als Desktop-Ersatz aus? Die Antwort: Derzeit wohl nur für wenige. Die meisten werden auch weiterhin mit einem separaten Laptop oder Desktop und dem automatischen Datenabgleich zwischen allen Geräten besser bedient sein. Die Idee so ein Dock mit auf Reisen zu nehmen, mag zunächst verlockend klingen. Wenn man aber darüber nachdenkt, wie viele Kabel und Peripheriegeräte dann mitkommen müssen, verliert all das schnell an Attraktivität. Wer eine externe Tastatur mitnimmt, kann eigentlich gleich einen Laptop oder Convertible einstecken – und erspart sich jede Menge Bastelarbeit. Und zuhause haben die meisten wohl ohnehin lieber ein etwas rechenstärkeres, und weniger eingeschränktes System als Desktop.

Insofern ist das Ganze im aktuellen Zustand vornehmlich eine nette, wenn auch etwas kostspielige, Spielerei. 150 Euro sind für ein Gerät, das eigentlich nur ein Adapter ist, dann doch etwas hoch angesetzt. Zumindest ist DeX aber auch ein guter Einstieg in den Bereich Desktop-Android, und damit zu einem Thema, das auch Google zunehmend offensiv vorantreibt. (Andreas Proschofsky, 11.6.2017)

    Share if you care.