Schuldfragen, Mobbing und Teenage Angst: Lasst uns über "13 Reasons Why" reden

Blog4. Mai 2017, 07:00
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Die Serie rund um den Suizid einer Highschoolschülerin sorgt für jede Menge Kontroversen

Die Highschoolschülerin Hannah begeht Suizid. Warum sie das gemacht hat, erklärt sie auf 13 Kassetten, die nun eine nach der anderen ihren Schulkolleginnen und Schulkollegen zukommen. Und jede und jeder davon ist einer der "13 Reasons Why", einer der 13 Gründe, die Hannah zum Selbstmord getrieben haben.

In vielen Ländern wird die Netflix-Serie, die auf dem gleichnamigen Buch von Jay Asher basiert, heftigst und kontrovers diskutiert. Ob die Darstellung zu simpel sei, die Suche nach Schuldigen dem heiklen Thema Suizid überhaupt gerecht werden kann. Ob die Serie romantisiere oder die psychische Komponente hinter einem Suizid ausklammere. Ob die Serie für Jugendliche überhaupt geeignet ist – oder ob es im Gegenteil sehr wichtig wäre, dass sich Jugendliche auch auf diesem Weg mit den Themen Rape Culture, Mobbing und Suizid auseinandersetzen. Deswegen hat sich auch das Serienreif-Trio die Frage gestellt: Wie gut oder gefährlich ist die Teenagerserie "13 Reasons Why"?

Wir besprechen hier alle Details der Handlung, insofern gilt: SPOILERWARNUNG!

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Der Trailer zur Serie.

Daniela Rom: Fangen wir einmal mit all dem Guten an: Ich habe mir "13 Reasons Why" – oder wie der bescheuerte deutsche Titel auf Netflix lautet "Tote Mädchen lügen nicht" – gerne angeschaut. Es ist eine kompakte und straight durcherzählte Geschichte. Ich bin immer noch skeptisch, ob ich diese Kassettenkiste wirklich gut finde. Das ist mir zu retro. Wahrscheinlich ist der Serienmacher so ein Mitte-Dreißig/Anfang-Vierzig-Jähriger, der auf Facebook diese unsäglichen "Früher war alles besser"-Memes teilt. Die mit der Kassette und dem Bleistift. Mir geht die Nostalgieschiene wirklich schon auf die Nerven. Wollen wir wirklich wieder Kassetten mit schlechter Qualität und reißenden Bändern haben? Also ich nicht. Aber egal, zurück zum Thema.

Michaela Kampl: Vielleicht ist "13 Reasons Why" auch keine Teenager-Serie. Also ja, klar, Teenager sind die Hauptpersonen, die Handlung spielt in einer Schule, und Erwachsene tauchen nur als Lehrer und Eltern auf. Ich meine eher vom Publikum her. Manchmal kommt's mir so vor, als wären da viele wohlmeinende Erwachsene zusammengesessen und hätten sich gedacht, hmm, mal was anderes, ernsthaftes über Mobbing und Selbstmord, was könnten wir denn da machen? Und dann ist ihnen das eingefallen. Und die Kassetten könnten ein Hinweis darauf sein. Wobei mich die nicht gestört haben, sondern ich eher nostalgisch geworden bin, was ein weiterer Hinweis sein könnte. Weil Teenager bin ich ja auch nimmer.

Anya Antonius: Michi, das kann ich mir gut vorstellen, wenn man bedenkt, welche untergeordnete Rolle Social Media in der Handlung spielen. Es ist fast ein bisschen ein nostalgischer Blick aufs Mobben. "Schauts, Kinder, so haben wir das früher gemacht." Und ich glaube nicht, dass das beabsichtigt war.

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Die Highschooljungs "amüsieren" sich über ein schlüpfriges Foto.

Daniela Rom: Na ja, das mit dem Foto ganz am Anfang ist schon Social Media. Oder haben s' das per SMS verschickt? Aber stimmt schon: Es ist ein bisschen "So stellen sich 30-Somethings das Teenagersein heute vor". Was mir besonders aufgefallen ist, ist wie leichthändig hier Diversität eingebracht wurde, ethnische genauso wie nach der sexuellen Orientierung. Die meisten Teenagerserien aus den USA spielen in ganz klar weißen Middle-Class-Milieus, manchmal gibt es noch den schwarzen Sidekick, aber das war's dann schon. "13 Reasons Why" scheint hier die Lektionen gelernt zu haben und baut ein durchwegs gemischtes Setting auf: Von den Lehrern über die Schüler bis hin zu den Eltern.

Michaela Kampl: Da hat sich einfach überhaupt was getan. Also dass man heute keine Serien wie "Beverly Hills, 90210" mehr machen kann, ist endlich angekommen. Aber abgesehen von der stärkeren Diversität der Charaktere ist es doch eine ziemlich klassische Teenager-Geschichte, zumindest in ihrer Grundstruktur. Da gibt's den schüchternen heimlich verliebten Clay, die auf den ersten Blick, aber dann wieder doch nicht so starke Hannah, den Musterschüler, der eigentlich auch nicht anders ist als die anderen, die schwierige beste Freundin, den mysteriösen, coolen Mann, der irgendwie zehn Jahre älter wirkt als alle anderen. Das ist schon alles auch nicht so weit weg von Brenda, Kelly, Dylan und Steve.

Anya Antonius: Diese ganze Palette an klischeehaften Rollen war für mich leider unfreiwillig komisch. Und dafür, dass die Serie Sexismus und Rape Culture als zentrale Themen präsentiert – was ich an sich gut und wichtig finde –, sind vor allem die männlichen Figuren so einseitig böse und primitiv gezeichnet, dass es einfach nur ärgerlich ist. Auf der einen Seite die gemeinen Sportler, auf der anderen Seite die lieben Nerds – das ist zu einfach, finde ich. Der Schüler mit dem meisten Geld ist moralisch komplett verkommen, der Schulfotograf ist ein Stalker und natürlich trägt der mysteriöse, weise Schüler Lederjacke und imitiert James Dean. Was sonst?

Daniela Rom: Die Figuren kriegen für mich im Laufe der Folgen durchaus immer mehr Kontur. Das ist ein bisschen wie beim Kennenlernen: Erst sieht man nur das Äußere, und dann lernt man sich besser kennen. Zum Beispiel der schwule Schülerzeitungsmacher – eigentlich sonst immer der liebe, etwas patscherte Bub – in "13 Reasons Why" ist dann aber doch auch der "Böse", als er das Gedicht veröffentlicht, ohne Hannah zu fragen. Oder der "Ex-Freund" mit den argen Problemen im Elternhaus. Lederjacken-Boy ist auch so ein bisschen zwielichtig, weil warum er das alles macht, hab ich bis zum Schluss nicht kapiert (oder hab ich da was verschlafen?, das wäre peinlich).

Anya Antonius: Ich finde ja nicht. Sogar die Probleme oder vermeintliche Tiefe, die sie haben, ist mit dem Holzhammer präsentiert. Aber vielleicht finde ich einfach alles schlecht, weil ich nicht drüber hinwegkomme, wie unendlich unsympathisch und nervtötend Clay ist. Sein permanent angefressenes Gesicht, seine Selbstgerechtigkeit und Beschränktheit, sogar seine schlechte Haltung. Alles an ihm regt mich auf. Ich bin mir nicht sicher, ob das von den Serienmachern so beabsichtigt war. Mir ist schon klar, wenn er alle Kassetten auf einmal anhört, wäre die Serie halt nach einer – unerträglich langen – Folge vorbei. Aber warum er unbedingt in jeder Folge alle Beteiligten zehnmal fragen muss, was als Nächstes auf den Kassetten kommt oder immer falsche Dinge annimmt, weil er zwischen den Kassetten mehrtägige Pausen einlegt, dann möchte ich ihn kräftig schütteln und anschreien: "HÖR DIR DIE VERDAMMTEN KASSETTEN EINFACH AN, DU IDIOT!" Nicht einmal Ramsay Snow hat in mir das Bedürfnis ausgelöst, jemandem körperliche Schmerzen zufügen zu wollen. Aber ich habe das Gefühl, ich bin alleine mit dieser Meinung, oder, Michi, Dani?

Michaela Kampl: Völlig allein. Ich finde Clay super. Und vielleicht hast du zwar mit allem recht, aber ich mag ihn trotzdem.

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Hannah und Clay: Ment to be oder eben nicht.

Daniela Rom: Ich mochte Clay in seiner unbeholfenen, patscherten Teenie-Art. Mein 17-jähriges Ich wäre verliebt gewesen. Da hat sich die Fast-Freundin umgebracht, und du sitzt auf einem Haufen Kassetten. Kassetten! Gut, dass dein bester Freund Autos repariert und Kassetten super findet. Diesen Plot kann ich den Machern weniger verzeihen als Clays Unfähigkeit. Die finde ich schlüssig. Aber kommen wir doch mal zu der Frage, die die Fötongs (Ich weiß natürlich, dass es Feuilletons heißt; Anm.) am meisten beschäftigt: Zentrales Thema ist der Selbstmord Hannahs und eben die 13 (oder mehr oder weniger) Gründe, die dazu geführt haben. Wie seht ihr das? Ist es der Serie gelungen, dieses heikle Thema abzuhandeln, oder haben sich die Serienmacher hier zu viel vorgenommen, und ist das vielleicht sogar gefährlich?

Anya Antonius: Ich tue mir da ein bisschen schwer. Dass das Thema aufgegriffen wird, finde ich gut, generell gilt das für die Grundinhalte der Serie. Nur wie es gemacht ist, irritiert mich. Was oft gesagt wurde, und für mich fühlt es sich auch so an: Suizid wird als Lösung dargestellt. Sie hat ja quasi eh noch posthum ihre Rache genommen, die Geschichte schließt sich. Aber das tut es in der Realität nicht – es fügt sich nicht alles schön zusammen, sodass es für die Hinterbliebenen einen Sinn ergibt und man die perfekte Erklärung für die Geschehnisse präsentiert bekommt. Dadurch, dass Hannah durch Rückblenden, Halluzinationen und ihre Rolle als allwissende Erzählstimme noch so ein präsenter Teil der Handlung ist, wirkt es, als hätte die Geschichte auch für sie zu einem akzeptablen Ende gefunden – und das finde ich fahrlässig.

Michaela Kampl: Ich bin da zum Teil deiner Meinung. Diese Machtposition, in die Hannah erst durch den Selbstmord kommt, finde ich problematisch. Was ich aber spannend fand, war die Zwiegespaltenheit, in die ich als Zuschauerin gedrängt werde. Ich gebe zu, ich habe mich zwischendurch dabei ertappt, Hannah anschreien zu wollen, sie soll jetzt bitte heimgehen und sich das alles nimmer antun. Als sie da zum Beispiel am Valentinstag in dem Lokal sitzt, zuerst versetzt und später noch belästigt wird und einfach nicht in der Lage ist aufzustehen und nach Hause zu gehen. Stattdessen bleibt sie bei ihrem Milchshake sitzen, bis dieser Basketballtyp sich zu ihr setzt. Das war richtig unangenehm beim Zuschauen. In den USA wird viel darüber diskutiert, ob die Darstellung von Selbstmord in "13 Reasons Why" nicht fahrlässig sei. Zu eindimensional sei die Erzählung, Suizid sei viel komplexer, als in der Serie dargestellt. Hannahs Geschichte würde Selbstmord und dessen Auswirkungen romantisieren und eventuell einen Nachahmungseffekt produzieren, lautet oft die Kritik. Auch dass hier so direkt über Schuld gesprochen wird, ist nicht unumstritten. Und auch der Grundtenor: "Seid nett zueinander, dann wird sich auch keiner das Leben nehmen wollen", sei faktisch einfach falsch. Lauter Kritikpunkte, die ich durchaus nachvollziehen kann, aber auf die ich keine Antwort hab. Sollte es einfach keine Serien geben, die das Thema Suizid in den Mittelpunkt stellen? Vielleicht. Oder könnte es auch besser gemacht werden? Wahrscheinlich.

Daniela Rom: Die Frage lässt sich so, glaub ich, nicht beantworten. Wir diskutieren ja in der Redaktion auch immer wieder über die Guidelines, die es zu Suizidberichterstattung gibt. Ich halte es nach wie vor für sehr wichtig, dass auch über dieses Thema geredet wird, auch in der Fiktion, also auch in Serien. Wir alle kennen den Werther-Effekt, also die Nachahmungsgefahr bei Berichten, vor allem bei romantisierten, über Suizid. Ob das bei "13 Reasons Why" wirklich der Fall ist, da bin ich nicht ganz sicher. Unlängst hab ich gelesen, dass in einigen kanadischen Schulen und in Neuseeland Jugendliche die Serie nicht allein schauen dürfen. Da kommen wir auch wieder zurück zu dem, was wir anfangs diskutiert haben: Ist es vielleicht eher eine Serie für Erwachsene, für Eltern?

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Anya Antonius: Ich glaube, das ist vielleicht ein Problem der Serie – sie will zu viel. Zu viele unterschiedliche Zielgruppen ansprechen, zu viele Probleme thematisieren. Schade darum – zumindest für mich. Prinzipiell ist es wichtig, dass genau diese Themen – Mobbing, Depression, Suizid, Rape Culture – angesprochen werden, das Format Serie eignet sich meiner Meinung nach sehr gut dafür. Aber ich fand, alles in "13 Reasons Why" wurde recht plump und oberflächlich präsentiert. Die Intentionen waren sicherlich gut, aber ich glaube, die Durchführung hätte ein bisschen mehr Sorgfalt verdient.

Daniela Rom: Die Geschichte zeichnet sich für mich ja durchaus dadurch aus, dass es keine echten Schuldigen im eigentlichen Sinne gibt (außer natürlich den Vergewaltiger), dass viel Kleines einen großen Schaden, in dem Fall bei Hannah, anrichten kann. Die Frage, die für mich übrigbleibt: Lässt sich ein Suizid überhaupt erklären, vor allem in einer Serie? Also im Sinne von A + B führt zu C. Die zerstörten Freundschaften, die komplizierte Liebesgeschichte, die Andeutung der Probleme der Eltern, dann der Hammer mit der Vergewaltigung der Freundin und dann von ihr – das war schon sehr viel, was da zusammenkommt. Was in der Serie zu Hannahs Suizid führt, lässt sehr viel Interpretationsspielraum offen, wer oder was schuld ist. Überhaupt bleiben viele Fragen offen: Wie sehen die Konsequenzen für den Vertrauenslehrer aus? Hat der Fotografenstalker Tyler Alex getötet? Was passiert mit der einen, die den Unfall verursacht hat? Das deutet alles auf eine zweite Staffel hin. Und zweite Staffeln sind meistens schwierig bis nicht gut. (Anya Antonius, Michaela Kampl, Daniela Rom, 4.5.2017)

Das sagen die anderen – Links

The Guardian darüber, warum "13 Reasons Why" nicht als Suizid-Prävention hilft

Quartz darüber, worum sich Eltern bei "13 Reasons Why" wirklich Sorgen machen sollten

Huffington Post: Warum Jugendliche "13 Reasons Why" nicht sehen sollten

Schauspielerin Kate Walsh findet, alle Jugendlichen sollten "13 Reasons Why" sehen

Buzzfeed

New York Times

The Independent

Serienschreiber verteidigt die Serie

salon.com

vox.com

slate.com

Notrufnummern

Rat und Hilfe im Krisenfall bietet die Psychiatrische Soforthilfe. Unter dieser Nummer erhalten Sie qualifizierte und rasche Hilfestellung rund um die Uhr: 01/313 30 (täglich 0–24 Uhr)

Kriseninterventionszentrum: 01/406 95 95 (Montag bis Freitag, 10–17 Uhr)

Rat und Hilfe bei Suizidgefahr: 0810/977 155

Sozialpsychiatrischer Notdienst: 01/310 87 79 oder 01/310 87 80

Österreichweite Telefonseelsorge: 142 (rund um die Uhr, kostenlos)

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