Umidigi Z Pro: Selbsternannter iPhone-Konkurrent für 250 Euro im Test

    1. Mai 2017, 10:05
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    Doppelkamera für Zusatzfunktionen – Chinesisches Android-Smartphone kämpft mit zahlreichen Softwaremacken

    Über die vergangenen Jahre war Apples iPhone immer wieder Vorbild für diverse chinesische Smartphones. Selbst vor dem Aufstieg von Android zum dominierenden mobilen Betriebssystem warfen Hersteller Geräte auf den Markt, die dem Handy aus Cupertino äußerlich wie ein eineiiger Zwilling glichen.

    Ein paar "Klonfabriken" gibt es immer noch, doch die große Zeit der dreisten Nachbauten scheint vorbei. Als Inspirationsquelle dient das iPhone aber weiterhin. Hersteller Umidigi hat mit seinen Ankündigungen zu seinem Umidigi Z Pro für hohe Erwartungen gesorgt und in Teasern und Videos vor allem die Kamerafeatures des iPhone 7 Plus ins Visier genommen und verspricht gleichwertige Qualität.

    Seit wenigen Wochen ist das Smartphone nun verfügbar, der WebStandard hat es getestet. Das Testgerät wurde vom österreichischen Importhändler Trading Shenzhen bereit gestellt, wo das Handy für knapp 250 Euro zu haben ist.

    foto: derstandard.at/pichler
    foto: derstandard.at/pichler

    Seltsamer Markenwandel

    Eines vorweg: Wem der Name Umidigi bekannt vorkommt, der irrt nicht. Jahrelang firmierte das Unternehmen als "Umi" und konnte sich zu einer der bekannteren Größen unter Chinas lokalen Herstellern mausern. Die kurios anmutende Umbenennung erfolgte just vor der Veröffentlichung des Umidigi Z Pro. Dessen Basismodell – im Grunde das gleiche Gerät, nur ohne Doppelkamera – heißt noch Umi Z.

    Üppige Maße

    Doch genug der Namensforschung. Das Umidigi Z Pro ist kein 1:1-Nachbau des aktuellen iPhones, entlehnt sich aber so manches Designelement von seinem Vorbild. Am deutlichsten sichtbar ist dies beim Kameramodul. Ebenso wie Apple schert sich der Hersteller außerdem wenig um schlanke Ränder. Die seitlichen Bezels sind nach heutigen Maßstäben ebenso üppig wie die Ober- und Unterlippe des Umidigi Z Pro.

    Das hat zur Folge, dass das Gerät mit seinem 5,5-Zoll-Display sogar noch etwas größer dimensioniert ist, als etwa das OnePlus 3, das ebenfalls kein schlankes Handy ist. Folglich lässt sich das Smartphone in den meisten Szenarien nicht komfortabel mit einer Hand bedienen. Die Maße: 154 x 76,8 x 8,2 Millimeter bei 175 Gramm Gewicht.

    foto: derstandard.at/pichler

    Ordentliche Verarbeitung

    An der Verarbeitung gibt es kaum etwas auszusetzen. Winzige, allerdings in der Praxis irrelevante, Unregelmäßigkeiten sind an der seitlichen Verklebung des Display-Panels zu finden und die Umrandung des Fingerabdruckscanners sitzt eine Spur schief. Darüber hinaus macht das Aluminiumgehäuse einen wertigen Eindruck. Lautstärkewippe und Ein/Aus-Schalter sind gut erreichbar und sitzen wackelfrei und erfühlbar am Rand. Das Kameramodul steht leicht vor, ein Ärgernis, das man sich dem iPhone teilt.

    Verzichten muss man auf einen eigenen Schalter für das schnelle Umschalten des Lautstärkeprofils. Dafür bietet das Chinahandy eine 3,5mm-Kopfhörerklinke auf, die Apple bei seinem neuesten Modell zum Ärger einiger Nutzer eingespart hat.

    foto: derstandard.at/pichler

    Gute Spezifikationen

    Beim Prozessor setzt Umidigi auf Mediateks Helio X27, dem derzeit zweitschnellsten Chip im Sortiment des taiwanischen Chipfabrikanten. Das Spitzenmodell, Helio X30, ist noch in keinem veröffentlichten Handy zu finden. Theoretisch sollte der X27 ungefähr mit Qualcomms Snapdragon 820 und 821 konkurrieren.

    Dem Chip werden vier GB RAM an die Seite gestellt, dazu gibt es 32 GB Onboard-Speicher, der sich mittels microSD-Karte erweitern lässt, sofern man dafür den zweiten SIM-Slot opfert. Das Smartphone unterstützt 802.11n-WLAN (Dualchannel), LTE inklusive Band 20 und Bluetooth 4.1, jedoch kein NFC. Der per "Pump Express+" schnellladefäige Akku ist mit 3.780 mAh durchaus ordentlich bemessen. Aufladen und Datentransfer werden über einen USB-C-Anschluss erledigt, über dessen Versionsstandard sich die Spezifikationstabelle ausschweigt. Ein Check mit dem praktischen Freeware-Tool USB Tree Viewer ergibt allerdings, dass es sich um eine USB 2.0-Schnittstelle handelt.

    foto: derstandard.at/pichler

    Auf der Rückseite des Smartphones sitzt das von Umidigi vielfach beworbene Prunkstück: Zwei Sony-Kamerasensoren mit je 13 Megapixel Auflösung (einer davon liefert nur Schwarz/Weiß-Bilder), die in Kombination für schone Fotos sorgen sollen. Auf der Frontseite sitzt ein weiterer 13-Megapixel-Sensor, diesmal aus dem Hause Samsung. Beim Display setzt man auf ein Sharp-Panel, das mit 1.920 x 1.080 Pixel auflöst. Es bietet gute Farbdarstellung und Kontraste, die Helligkeit ist hoch genug, um das Smartphone auch im Sonnenlicht nutzen zu können.

    "Vanilla"-Oberfläche

    Auf dem Handy vorinstalliert ist Android mit einer weitgehend unveränderten Oberfläche. Wahlweise können Onscreen-Navigationstasten oder die kapazitiven, nicht beleuchteten Hardwarebuttons verwendet werden. Der zuverlässige Fingerabdruckscanner unter dem Display dient in jedem Fall auch als Homebutton. Enttäuschenderweise findet man am Umidigi Z Pro die schon etwas angestaubte Android-Version 6.0 "Marshmallow" vor, eine Aktualisierung auf die aktuelle "Nougat"-Generation soll jedoch folgen.

    Bislang hat der Hersteller zwei kleine Updates zur Beseitigung von Fehlern veröffentlicht. Seit Ende April können experimentierfreudige Nutzer eine erste Betaversion der Android 7.1-Firmware ausprobieren.

    foto: derstandard.at/pichler

    Problemfeld Firmware

    Während das Puritanerherz sich über die "Vanilla"-Oberfläche freut, schleicht sich jedoch schnell Skepsis in die Seele des Techenthusiasten. Denn immer wieder fallen bei den Menüanimationen Mikroruckler auf. Und diese sind nicht der einzige Hinweis darauf, dass das Umidigi Z Pro noch softwareseitigen Optimierungsbedarf hat.

    Im Allround-Benchmark mit Antutu erzielt das Handy knapp unter 100.000 Punkte – und somit gut 15.000 Zähler weniger als das bereits erwähnte Umi Z, das mit dem gleichen Prozessor ausgestattet ist. Im 3D-Grafikbenchmark 3DMark liefert das Handy enorm inkonsistente Performance, bemerkbar nicht nur an einem niedrigen Score, sondern an abwechselnd nahezu flüssiger und dann wieder stark stockender Darstellung der Testszene. Bemerkbar ist auch eine deutliche Erwärmung des Handys, laut Benchmarkauswertung werden allerdings keine kritischen Temperaturen erreicht. Einzig im Browsertest Vellamo (Chrome) platziert sich das Handy mit über 5.800 Punkten problemlos im Spitzenfeld.

    Die Praxis bestätigt den Eindruck. "Alltagsapps" wie Messenger, Youtube, Browser und Co. laufen problemlos. Aber schon bei grafisch nicht übermäßig anspruchsvollen Games wie "Pokémon Go" wiederholt sich das Phänomen der schwankenden Performance. Auch die Installation von Apps dauert länger, als sie sollte. Wer plant, auf diesem Handy viel zu spielen, sollte abwarten. Hier muss Umidigi nachbessern und sollte das spätestens mit der finalen Version der Android 7.1-Firmware auch tun.

    foto: derstandard.at/pichler

    Doppelkamera

    Ein zweischneidiges Schwert ist die Hauptkamera. Den beiden 13-MP-Sensoren (Sony IMX258, die auch im LG G6 genutzt werden) wird ein Dual-LED-Blitz und Phase Detection-Autofokus an die Seite gestellt. Optische Bildstabilisierung, wie sie das iPhone 7 Plus besitzt, hat man dem Handy jedoch nicht gegönnt. Das stellt sich als entscheidende Verfehlung heraus.

    Unter Tageslicht schießt man mit dem Handy an sich passable Fotos, Konkurrenz für das iPhone ist die Kamera allerdings keine. Sie erreicht weder den Detailgrad des Sensors im Apple-Handy und liefert außerdem auch etwas blassere Farben. Fokus und Auslöser arbeiten flott, am späteren Abend und in der Nacht lässt die Geschwindigkeit von ersterem allerdings spürbar nach. Den Preis für das Fehlen optischer Bildstabilisierung bezahlt man in Form von unschärferen Ergebnissen.

    foto: derstandard.at/pichler

    Unzuverlässige Tiefenerkennung

    Die Implementation der Doppelkamera ermöglicht einen sehr netten Bokeheffekt bei Nahaufnahmen. Für Porträts und ähnliche Zwecke gibt es einen eigenen Modus, der manchmal mehr Fluch als Segen ist. In diesem wird die Hintergrundunschärfe noch einmal erhöht und er ermöglicht auch das nachträgliche Scharfstellen unterschiedlicher Bildbereiche. Die Erfassung der Tiefeninformation funktioniert jedoch nicht zuverlässig, was sich an teils sehr willkürlich gezogenen Schärferändern erkennen lässt. Grundsätzlich sollte man zudem immer versuchen, den gewünschten Bereich im Nachhinein scharfzustellen, weil die Automatik selten ein optimales Ergebnis liefert.

    Ein weiteres Problem ist, dass das Handy vor allem bei Aufnahmen aus größerer Distanz dazu neigt, Seitenbereiche unscharf darzustellen. Auch das sieht nach einem ärgerlichen, aber theoretisch behebbaren Softwareproblem aus. Gleiches gilt für den gerne sprunghaft werkenden Weißabgleich und das rätselhafte Fehlen einer Automatik für den HDR-Modus.

    foto: derstandard.at/pichler

    Gute Kamera-App, ordentliche Frontkamera

    Schade – denn die Kamera-App, deren Oberfläche stark an jene ihres iOS-Pendants angelehnt ist, hält allerlei nette Spielereien (etwa das Ausschneiden oder Umfärben des scharfen Bereichs) bereit. Dazu gibt es auch Modi wie "Live Photo", bei denen es sich faktisch um eine Kopie des gleichnamigen iPhone-Features handelt, in dem neben dem Bild auch noch eine kurze Videosequenz der Sekunden vor der Aufnahme gespeichert wird. Im "Pro Photo"-Modus darf man ISO-Wert, Belichtungsdauer und andere Optionen frei konfigurieren.

    Bessere Nachrichten gibt es hinsichtlich der Frontkamera. Der Samsung-Sensor auf der Vorderseite könnte zwar etwas sattere Farben produzieren, bietet aber sonst eine im Vergleich mit vielen anderen Geräten hohe Auflösung und guten Detailgrad. Sie beherrscht zudem HDR und kommt mit einem Single-LED-Blitz im Gepäck, der bessere Ausleuchtung bietet, als der über den Bildschirm realisierte Blitz-Ersatz des iPhones.

    foto: derstandard.at/pichler

    Empfang

    Bei den Basics hat sich Umidigi immerhin kaum Patzer geleistet. Das GPS-Modul (ein vor allem in der Vergangenheit oft bemängeltes Problem bei Mediatek-Geräten) arbeitet zuverlässig und präzise, benötigt aber für den Fix manchmal ein paar Sekunden länger als andere Smartphones.

    Der Empfang bei WLAN und Mobilfunk ist gut. Allerdings hatte das Z Pro offenbar Kommunikationsprobleme mit dem WLAN-Router des Autors, was sich durch sehr niedrige Transferraten bei App- und Dateidownloads bemerkbar machte. Full-HD-Videos auf Youtube ließen sich hingegen problemlos ansehen. Beim Gegencheck mittels Hotspot auf einem anderen Handy trat dieses Phänomen nicht auf. Auch hier ist wohl von einem Bug auszugehen.

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    Einer der Werbespots für das Umidigi Z Pro.

    Akustik und Akku

    Akustisch liefert das Handy gute Qualität. Der integrierte, auf der Unterseite angebrachte Lautsprecher bietet ordentliche Lautstärke bei recht geringen Verzerrungen und ordnet sich subjektiv für seine Geräteklasse im oberen Durchschnitt ein. Keine Probleme zeigten sich bei der Wiedergabe über ein In-Ear-Headset (beigelegt ist übrigens keines). Beim Telefonieren ist man selbst beim Gegenüber sehr klar und laut verständlich. Die Stimme des Telefonpartners erschallt im Gegenzug jedoch etwas dumpf und verrauscht, insgesamt aber noch gut verständlich, aus dem Ohrhörer.

    Eine volle Aufladung des Akkus bringt auch Poweruser über den Tag. Wer das Smartphone nicht ständig verwendet, sollte auch noch Reserven bis zum nächsten Morgen oder Mittag haben. Schnelleres Aufladen geht auch mit anderen Ladegeräten, wer die maximale Geschwindigkeit von "Pump Express+" nutzen möchte, muss aber den beigelegten Charger verwenden, der maximal mit 12 Volt bei 1,25 Ampere arbeitet.

    foto: derstandard.at/pichler

    Fazit

    Umidigi ist nicht der erste Hersteller, der sein Gerät als eine Art iPhone-Konkurrent in Stellung gebracht hat, an diesem Anspruch aber klar scheitert. Das Z Pro bringt die Grundvoraussetzungen mit, sein sehr gutes und leistbares Smartphone der unteren Highend-Klasse zu sein, verschenkt dieses Potenzial allerdings. Dabei ist es weniger die Hardware, die dem Gerät zu schaffen macht. Der verwendete Prozessor ist an sich flott, das Display ist gut und auch die Kamerasensoren gehören in technischer Hinsicht zu den besseren Chips, die derzeit verbaut werden.

    Woran das Handy scheitert, ist seine Software. Das reicht von der veralteten Android-Version , Mikrorucklern in den Menüs über inkonsistente Leistung bei höherer grafischer Beanspruchung bis hin zu an sich gut gemeinten, aber unausgegorenen Kamerafunktionen. Letzteres wiegt besonders schwer, weil Umidigi insbesondere die Doppelkamera als besonderes Merkmal seines Handys bewirbt.

    Dem gegenüber stehen gute Akkulaufzeit sowie ordentlicher Empfang und Akustik. Ebenso ist das Handy gut verarbeitet. Die Performanceschwankungen haben zumindest auf Alltagsanwendungen kaum Auswirkungen.

    Dass ein 250-Euro-Handy letztlich doch keine direkte Konkurrenz zum iPhone 7 Plus darstellt, sollte nicht verwundern. Und weil praktisch alle bemängelten Probleme auf die Software des Handys zurückzuführen sind, besteht die Chance, dass aus dem Umidigi Z Pro doch noch ein Smartphone wird, das man für diesen Preis guten Gewissens empfehlen kann. Bis der Hersteller allerdings mit dem fertigen Update auf Android 7.1 herausrückt, heißt es aber: Abwarten. (Georg Pichler, 01.05.2017)

    Testfotos

    Bildbeschreibung anklicken für Aufruf der Originaldatei.

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