"Carol Reed": Ups, das Bühnenbild ist verschwunden

30. April 2017, 10:58
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In der Uraufführung von René Polleschs exzellent verschlungenem Konversationsstück im Akademietheater biegen Minichmayr und Wuttke herrlich kühn ab

Wien – René Pollesch benützt Filme immer wieder als Referenzpunkte in seiner Theaterarbeit; von John Cassavetes bis Fritz Lang oder Ernst Lubitsch. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er in Wien auf den Dritten Mann stoßen würde. So schön schien ihm jetzt der Name des britischen Regisseurs Carol Reed (1906–1976), der den Thriller mit Orson Welles 1949 in Wien gedreht hatte, dass er ihn gleich zum Titel der Uraufführung im Akademietheater erhob. Und damit jene Bedeutungsfalle zu bauen, in die das Publikum gerne tappt, weil es eben jeder Spur nach Erklärung folgt.

Das Stück Carol Reed kommt aber – es war zu erwarten – ganz ohne Carol Reed aus. Und auch ohne Orson Welles. Kein Harry-Lime-Thema und auch keine der berühmten nassen Pflasterstraßen, die den Schwarzweißfilm so geprägt haben, lassen sich blicken. In dem so entstandenen Hohlraum der Erwartungen entspinnt sich stattdessen eine sachte performte, rundum anrührende Redeschleife über das Abschütteln bzw. das Missverständnis von Bedeutung. Und noch einiges mehr.

Happy-Hour-Diskurstheater

Es folgt ein 90-minütiges Happy-Hour-Diskurstheater, ganz im Dienste der Repräsentationskritik des Pollesch-Theaters. Dieses lässt den Menschen von heute hinein in die großen Dramen der Filmgeschichte bzw. der Kunst. Drüber steht "Carol Reed", drinnen stehen vier Menschen mit ihren Problemen: Schauspieler, denen – so beginnt der Abend – das Bühnenbild abhandengekommen ist. "Madame Brack" (Bühnenbildnerin Katrin Brack), so wird gemutmaßt, hat es womöglich einfach mitgenommen, nichts Genaues weiß man nicht. Nur die Beleuchtungsschienen aus dem Schnürboden bewegen sich notorisch auf und ab. Der Rest: futsch.

Birgit Minichmayr, Martin Wuttke, Irina Sulaver und Tino Hillebrand – allesamt wie immer bei Pollesch in nächster Nähe zur Souffleuse (Sybille Fuchs) und in verheißungsvoll dramatische Kostüme (von Tabea Braun) gesteckt – füllen den leeren Raum alsbald mit Reflexionszauber.

Die eigene Misere

Das Stück eröffnet damit einen Metaraum, in dem sich die Schauspieler wie neben dem eigentlichen Drama befinden, was nicht zuletzt räumlich kenntlich wird (z. B. auch Das purpurne Muttermal 2006 im Akademietheater). Ihnen wird das Drama unter dem Gesäß weggezogen (jetzt auch noch das Bühnenbild), und auf dem frei werdenden Platz nützen sie dann die erstbeste Möglichkeit, um auf ihre eigene Misere aufmerksam zu machen: "Und so ist es auch in meinem Leben. Es ist nichts da!"

Weil aber nichts da ist, brauchen die vier einen MacGuffin. Ein MacGuffin ist ein auf Alfred Hitchcock zurückgehender Begriff, der einen dramaturgischen Kniff meint, der ohne Bedeutung ist, aber die Handlung vorantreibt, ähnlich dem Whodunit. Beispielsweise die 39 Stufen in Hitchcocks gleichnamigem Film. Wuttke will helfen: "Aber ich bin doch der MacGuffin!"

Dramennotstand

Während des steten Dramennotstands wird es aber dennoch dramatisch. So gesteht die als Madame Luberont (ein Name aus Polleschs Kill your Darlings) angesprochene Birgit Minichmayr tiefe Verzweiflung ob ihres aktuellen Liebeskummers, der sie in den Selbstmord getrieben hätte, wenn nicht jetzt dieser Theatertermin dazwischengekommen wäre.

Solche dramatischen Brüche – die zugleich mit argen Verunsicherungen einhergehen, denn wie sich herausstellt, befanden sich auch die anderen drei unmittelbar vor dem Suizid – machen den vagen Boden der Inszenierung aus. Nichts bedeutet etwas zwangsläufig und meist zugleich auch etwas anderes. Es gelingt den Schauspielern, diese steten Fragen der Bedeutungsverschiebungen oder Bedeutungsleere – dank bezwingender Sprechkunst – schön am Laufen zu halten. Satter Applaus. (Margarete Affenzeller, 1.5.2017)

  • Birgit Minichmayr und Martin Wuttke.
    foto: apa/techt

    Birgit Minichmayr und Martin Wuttke.

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