Donaufestival Krems: Subversion durch Affirmation

29. April 2017, 20:02
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Der Auftakt unter Intendant Edlinger bot kontrollierten Zerstörungswahn, nachdenkliches Dröhnen und Poprevolution im Zeichen des Lalelu

Krems – Auf die Frage, wie es sich da draußen, weit außerhalb der Felixbaumgartnergrenze so verhalte, antwortete der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin einst: "Dunkel, Genossen, ist der Weltraum, sehr dunkel."

Der deutsche Elektronikmusiker Wolfgang Voigt alias GAS hat zur Eröffnung des heurigen Donaufestivals in der Minoritenkirche Krems/Stein richtig erkannt, dass man für das Seelendunkel nicht so weit reisen muss. Es liegt, wie jeder Fluchtpunkt, natürlich in einem selbst begraben.

Friss oder stirb

Im Falle von GAS ist dies im stockdunklen Kirchenschiff von Stein. Der in erschreckend schönen, kalten, abweisenden Filmklaftern im Dämmer, Duster, Hochwald und Königsforst abgefilmte deutsche Wald, der da im Leinwandhintergrund zu dröhnenden und verfremdeten, klassizistischen Ö1-Laptop-Samples vom Altar her weht, wallt und wabert, er macht Kleines groß und verschlingt es. Der Wald beruhigt, aber er schluckt auch unsere Seelen. Leider wird diese Überwältigungsmusik nur in Wohnzimmerlautstärke und bei eher gar keinem Saallicht abgespielt. So ergibt allerdings das ständige Handy vor dem Kopf wegen seiner Taschenlampenfunktion ein einziges Mal für dieses Jahr Sinn.

In dieser ständig auf den Grundakkorden Wagner-light und Bruckner-sei-bei-uns anschwellenden Musik ohne emotionale Auflösung zum Guten hin, wird es im ideologisch im 20. Jahrhundert doch erheblich vorbelasteten deutschen Wald keine Erlösung geben. Friss oder stirb. Der Wald kennt die Antwort längst.

Später wird uns Stephane Roy in einem Container vor dem Kremser Messegelände Gelegenheit geben, in seiner Sperrmüll-Wohnzimmerinstallation "The Labaratory of Anger Management" mit einem Baseballschläger Dampf abzulassen und die Einrichtung zu zerhauen. Mit einem verordneten Schutzhelm und Security-Aufsicht hat das allerdings etwas Lächerliches, nun, ja, künstlerisch Performativ-Läppisches. Wo sind die Zeiten des Umsturzes hin, in denen die jungen Wutbürger vom schwarzen, braunen oder schlicht und einfach saudepperten Block abseits der Kunst Mercedes-Sterne abrissen oder Krone-Zeitungsständer abfackelten?! Das war früher die Weltrevolution!

Subventionierter Widerstand

Bevor am Ende eines langen Tages im Zeichen des subventionierten Widerstands M.E.S.H. oder DJ Rupture aus Amerika ein ausnahmsweise einmal total begeisterndes, weil live gespieltes DJ-Set im Zeichen der gebrochenen, zermerscherten und zerhäckselten Eindeutigkeits- und Widerstandsbeats spielten, die gewöhnlich davon künden, dass wir im subkulturellen Dagegensein eventuell auch nur pflichterfüllender Teil eines systemisch Ganzen – und eigentlich eh mittels Konsum, Freizeitgestaltung, individueller Massenmode und überhaupt Oarsch eh voll dabei sind, obwohl wir das gar nicht wollen: Green Gartside spielte mit Scritti Politti eines seiner seltenen Konzerte. Der ehemalige britische Anarchist, Hausbesetzer und Student der guten alten philosophischen Dekonstruktionsschriften aus den Dirridi-Derrida-Dirridoho-Zeiten noch vor Margret Thatcher oder Slavoj Zizek spielte seine 1982er-Jahre-Version des alten Schlagwortes "Subversion durch Affirmation" durch.

Die zwischen intellektueller Zuspitzung und oberflächenpoliertem Lalelu pendelnden Songs haben inzwischen allerdings reichlich Patina angesetzt. Zuckersüß ist längst wieder zuckersüß geworden. Justin Bieber ist Justin Bieber. Der Sunshine Reggae war niemals eine jamaikanische Aufsässigkeitshymne. Der deutsche Wald überlegt sich inzwischen, ob heuer ein gutes Schwammerljahr werden wird. Womit wir beim guten alten Begriff des Rhizoms wären. Alles hängt mit allem zusammen. Aber wahrscheinlich ist das wieder zu kompliziert.(Christian Schachinger, 29.4.2017)

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    foto: donaufesitval 2017
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