Antonio Fian: Morbus Kern

28. April 2017, 19:31
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Behandlungszimmer eines Psychotherapeuten. Auf der Couch eine Frau mittleren Alters. Sitzung im Gange

DER THERAPEUT: Also, wenn ich recht verstanden habe, weigern Sie sich, auch wenn Sie großen Hunger haben, eine Pizza zu bestellen aus Angst, der Pizzabote könnte der Bundeskanzler sein und versuchen, Sie dazu zu bringen, bei der nächsten Wahl für seine Partei zu stimmen?

DIE FRAU (nickt)

DER THERAPEUT: Das ist eine psychische Störung, die wir in letzter Zeit häufig beobachten. Wir nennen sie Morbus Kern.

DIE FRAU: Das kann nicht sein. Bei mir ist das schon aufgetreten, da war Kern noch ein Niemand.

DER THERAPEUT: Auch die Alzheimererkrankung hat es schon lange gegeben, bevor sie diesen Namen erhalten hat. Wann haben sich bei Ihnen zum ersten Mal Symptome gezeigt?

DIE FRAU: Als seinerzeit der Kanzler Gusenbauer angekündigt hat, er werde Nachhilfestunden geben als Ausgleich für die Einführung von Studiengebühren, habe ich mich geweigert, einen Nachhilfelehrer für unsere Tochter zu engagieren, obwohl sie dringend einen gebraucht hätte. Sie ist dann auch durchgefallen.

DER THERAPEUT: Und gegenwärtig? Zeigen sich noch andere Auffälligkeiten?

DIE FRAU: Ich gehe nicht mehr zum Friseur, weil ich fürchte, die Friseurin könnte der Finanzminister Schelling sein, der mir den Haircut erklären will. Der Aufforderung der Klassenlehrerin unseres Sohnes, in die Sprechstunde zu kommen, bin ich nicht nachgekommen, weil ich sicher war, von Eva Glawischnig in Grund und Boden geredet zu werden. Und jedem Augustin-Verkäufer weiche ich aus, weil ich sicher bin, es handelt sich um Herbert Kickl.

DER THERAPEUT (macht Notizen. Nach einer Pause): Es wird nicht einfach werden, aber ich bin sicher, dass ich Ihnen helfen kann. Sie müssen allerdings Geduld haben. Sie müssen mir vertrauen und bereit sein, sich vollständig zu öffnen. Dann werden wir mit Sicherheit diesen Wahnsinn beenden.

DIE FRAU (richtet sich auf. Mit schreckgeweiteten Augen): Herr Kurz? Herr Minister Kurz?

(Vorhang)

(Antonio Fian, 28.4.2017)

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