Steyrermühl und seine Papierfabrik: Eine proletarische Kindheit

Zwischen Bernhards Ohlsdorf und Ransmayrs Roitham liegt Steyrermühl mit seiner Papierfabrik. Diese Fabrik und die Sozialdemokratie bestimmten das Sein und Bewusstsein der ansässigen Bevölkerung

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Essay30. April 2017, 08:03

Das Haus, in dem ich 1942 das Licht der Welt erblickte, hieß "Stallgebäude". Es war natürlich kein richtiger Stall – weder Ochs noch Esel, von Hirten und Engeln ganz zu schweigen. Als Kind mit einer lebhaften Fantasie glaubte ich, es handle sich um eine ehemalige Poststation, bei der die Pferde der Kutschen gewechselt wurden, mit denen der Kaiser von Wien ins Salzkammergut reiste. Die Wirklichkeit war prosaischer. Es war ein Gebäude, in dem die Papierfabrik Steyrermühl ihre Arbeitspferde untergebracht hatte, ehe es zu einem Arbeiterwohnhaus umgebaut wurde.

Es hätte allerdings auch deswegen Stallgebäude heißen können, weil viele seiner Bewohner – auch meine Eltern – an den Außenmauern zahlreiche Hasen- und Hühnerställe unterhielten. Der Komfort unserer Wohnung war bescheiden: Klo und Wasser am Gang, der einzige heizbare Raum die mit einem großen Tischherd ausgestattete Wohnküche. Meine erste Erinnerung überhaupt ist das rote, von einer feuchten Wand reflektierte Licht der Heizspiralen eines elektrischen Öfchens, mit dem meine Eltern versuchten, die Temperatur des Schlafzimmers im Winter erträglich zu machen.

Zwischen Bernhard und Ransmayr

"Steyrermühl"- das war sowohl die Papierfabrik, in der mein Vater arbeitete, als auch die Siedlung, in der die meisten Arbeiter in werkseigenen Wohnhäusern untergebracht waren. Administrativ gehört der etwa zehn Kilometer von Gmunden die Traun abwärts gelegene Ort zur Gemeinde Laakirchen – gegenüber dem Ohlsdorf Thomas Bernhards auf der anderen Seite der Traun und durch den Traunfall getrennt von Christoph Ransmayrs Roitham. Politisch war Steyrermühl in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg eine proletarische Welt für sich.

Die Fabrik und die Sozialdemokratie bestimmten das Sein und das Bewusstsein der Bevölkerung. Die Kinder besuchten den Fabrikkindergarten und an Samstagen den Hort der Kinderfreunde, wo sie spielten, werkten und sozialistische Lieder (Brüder, zur Sonne, zur Freiheit) lernten. Kranke und Verletzte wurden vom Werksarzt versorgt.

Die Mütter kauften im Konsum ein, lasen die sozialistische Frauenzeitung Die Unzufriedene und wickelten an Winterabenden rote Krepppapiernelken für den 1. Mai. Geturnt wurde beim ASKÖ. Die Väter waren durchwegs "bei der Partei", das heißt der SPÖ, und Gewerkschaftsmitglieder. Wer am 1. Mai nicht bettlägrig war, marschierte im machtvollen Demonstrationszug mit: allen voran die Blasmusik-Werkskapelle, dann die für eine Papierfabrik angemessen großen Feuerwehr, die Kinderfreunde-Kinder, die Roten Falken in ihren blauen Hemden, die Gewerkschaftsjugend mit ihrem imposanten Block großer roter Fahnen, die männliche Arbeiterschaft, die sozialistischen Frauen, die ASKÖ-Turnerschaft und eine Coda von Pensionisten – alle mit einer roten Nelke im Knopfloch und voll stolzen Klassenbewusstseins.

Bürger und Kommunisten

Die Linzer Bürger, die den Feiertag am Traunsee verbringen wollten, konnten nur mit ohnmächtigem Grimm in ihren Autos warten, bis die Marschkolonne von der Papierfabrik zum Laakirchner Gemeindeamt nach etwa eineinhalb Stunden endlich die Bundesstraße freigab. Es gab auch Kommunisten, darunter meinen Onkel Georg, die den 1. Mai gemeinsam mit den kommunistischen Salinenarbeitern des Salzkammerguts in Ebensee feierten. Onkel Georg verteilte am Fabriktor die Zeitschrift Sowjetunion heute, seine Frau Marie trug die Kirchenzeitung aus. Bei seinem Begräbnis würdigte ihn zuerst der Obmann der KPÖ Salzkammergut als aufrechten Genossen, sodann der Pfarrer – ohne jegliche Verlegenheit – als guten Christen.

Mehrmals im Jahr fanden auf dem Platz vor der Werkskantine Blasmusikkonzerte der Werkskapelle statt, die auf einem beachtlichen Niveau Militärmärsche, Strauß-Walzer und Rossini-Ouvertüren spielte. Der Gesangsverein, dem auch mein Vater angehörte, war nicht bloß eine Versammlung sangesfreudiger Männer; er stellte, da die Volkschullehrer mitmachten und nach den Proben immer lange diskutiert wurde, darüber hinaus so etwas wie ein Forum kulturell ambitionierterer Arbeiter dar.

Alte Ansicht der Papierfabrik in Steyrermühl: "Die Kinder besuchten den Fabrikkindergarten und an Samstagen den Hort der Kinderfreunde".

"Solidarität" war keine hohle Parole, sondern ein verhaltenssteuernder Wert, der nicht nur den beruflichen Alltag in der Fabrik, sondern auch das soziale Leben im Ort bestimmte, von dem sehr viel mehr als heute auf der Straße und in der Halböffentlichkeit der Höfe zwischen den Wohnhäusern stattfand. Man half einander mit Werkzeug, Hausrat, Dienstleistungen und Geld, von dem es im Stallgebäude ebenso wenig gab wie im restlichen Ort. Die allgemeine materielle Armut war gewiss nicht "fröhlich", aber niemand lebte im Elend. Als Kind wuchs man mit der Erfahrung wohlwollender Geborgenheit auf, allerdings auch mit dem Bewusstsein eines dichten Netzes an sozialer Kontrolle.

Im Unterschied zu dem von Gewalttätigkeit, Alkoholismus und Kleinkriminalität geprägten Leben im nordfranzösischen Arbeitermilieu, wie es Didier Eribon in seinem autobiografischen Buch Rückkehr nach Reims schildert, herrschte in Steyrermühl in den 1950er- und 1960er-Jahren ein "sozialistischer Puritanismus": Sich zu betrinken, zu fluchen und sich Grobheiten gegenüber Frauen zu erlauben galt als nicht tolerierbar, Verlässlichkeit und Rechtschaffenheit waren hochgehaltene Tugenden. Etwas auf Kredit anzuschaffen galt als "Schulden machen" und war verpönt: Man sparte, dann kaufte man.

Die meisten dieser nichtreligiösen Sozis dachten nicht im Traum daran, selber in die Kirche zu gehen, hatten jedoch nichts dagegen, dass ihre Kinder am Sonntag die Messe besuchten, vermutlich in der Annahme, dass "Religion gut für Kinder ist", dass also die Kirche einen Beitrag zur Vermittlung von Tugenden und zur Grundlegung anständigen Verhaltens leistete.

Samstag ist Badetag

Gebadet wurde am Samstag. Da keine der Arbeiterwohnungen über ein eigenes Badezimmer verfügte, mussten sich die Mütter absprechen, wann sie mit ihren Sprösslingen die Gemeinschaftswaschküche benützen konnten. Wenn man Pech hatte, und das war alle paar Wochen der Fall, kam man schon am späten Samstagnachmittag zum Baden dran und saß an schönen warmen Sommerabenden missmutig gemeinsam mit anderen sauberen Leidensgenossen in einem frischen Nachthemd auf dem Gartenzaun und durfte sich vor dem Sonntag nicht mehr dreckig machen.

Der Schichtbetrieb der Papierfabrik hatte für die Kinder eine unangenehme Nebenfolge. Das ganze Jahr hindurch kam ein Drittel der Männer um sechs Uhr früh von der Nachtschicht nach Hause und legte sich zu Bett. Da es in so gut wie jedem Wohnhaus mehrere lärmempfindliche Nachtschichtler gab und der Boden um die meisten Häuser kiesbedeckt war, war Spielen in Wohnungsnähe so gut wie unmöglich, weil alle Spielgeräusche rasch dazu führten, dass aus irgendeinem Fenster eine ängstliche Frauen- oder zornige Männerstimme Ruhe forderte.

Es gab zwei Möglichkeiten, dieser misslichen Situation zu entkommen: zu lesen oder an die Traun und ins ländliche Umfeld auszuweichen. Die elterliche Besorgtheit, dass "etwas passieren könnte", war damals viel geringer als heute, und ich konnte mit Freunden halbe Tage lang durch Felder und Wälder ziehen. Hin und wieder trafen wir auf misstrauische Bauern, die wie alle Erwachsenen nicht meinen Namen wissen wollten, sondern fragten: "Wem gherstn an"? Also: Wem gehörst du an? Unausgesprochen: Wer ist der Erziehungsberechtigte, an den ich mich wenden kann, um ihn von deinem verwerflichen oder verdächtigen Verhalten, etwa dem Aufklauben ("Stehlen") von Birnen oder dem "Herumzigeunern" zwischen dem Traunfall, Ohlsdorf und Lindach zu informieren? Die Antwort war der Name meines Vaters: der Gruber Karl.

Gutes Papier, teuer

Mein Vater war ein Papiermacher. Papier war für ihn die Raison d'être. Hätte er eine Schöpfungsgeschichte schreiben müssen, hätte sie wohl begonnen mit "Am Anfang schuf Gott das Papier". Als ich ihm zum Siebziger einen schönen Österreich-Bildband schenkte, interessierten ihn vorerst weder der Autor noch die Fotos, sondern er nahm, wie er es jahrzehntelang von Berufs wegen getan hatte, ein Blatt zwischen Daumen und Zeigefinger, rieb es behutsam und sagte so etwas wie "achtzig Gramm, doppelt satiniert, gutes Papier, teuer." Er war eines von neun Kindern eines Arbeiterehepaares. Trotz des Reichsvolksschulgesetzes 1869, das in Österreich die achtjährige Schulpflicht eingeführt hatte, musste er zwölfjährig die Volksschule verlassen und kam als "geringes Knechtl" zu einem Bauern. Er war ein Opfer der sogenannten "Schulbesuchserleichterungen", die Kirche, Adel und Bauernvertreter 1883 erwirkt hatten und es ermöglichten, dass "gute Schüler" frühzeitig ausgeschult und in Arbeitsverhältnisse gesteckt wurden, mit der Auflage, in den beiden Schuljahren, um die man sie geprellt hatte, zusätzlich zu den sechs Arbeitstagen die "Sonntagschule" zu besuchen.

Steyrermühl um 1940

Die Handschrift meines Vaters war lebenslang "wie gestochen", was ihm zugutekam, als er nach einigen Jahren als Bauernknecht in die Fabrik wechselte und Papierarbeiter wurde. Er war gewissenhaft, ordnungsliebend und verlässlich und wäre wahrscheinlich ein einfacher Arbeiter geblieben, hätte er nicht die energische und ambitionierte Gruber Mitzi zur Frau gehabt. Als ihm die Fabrikleitung den Posten eines "Meisters des Kalandersaals" anbot (Kalander sind riesige Maschinen zum Glätten und Trocknen von Papier), war es meine Mutter, die ihn dazu bewog, diese Herausforderung anzunehmen, die mit einem hohen Maß an Verantwortung, aber auch mit einer besseren Bezahlung, einer neuen Wohnung und dem Privileg verbunden war, Brennholz von der Fabrik ofengerecht gehackt geliefert zu bekommen.

Meine Mutter Maria war ein Einzelkind. Ihr Vater, ein Angestellter im Braunkohlebergwerk Thomasroith im Hausruck, starb just, als sie in die Lehrerinnenbildungsanstalt in Vöcklabruck eintreten sollte. Die frisch verwitwete Großmutter, die mehr Tschechisch als Deutsch sprach, wollte nicht allein sein, sodass meine Mutter ihren Wunsch, Lehrerin zu werden, aufgeben und stattdessen eine Reihe von Posten als Dienstmädchen annehmen musste, zuerst in Thomasroith, dann weiter weg in der Försterschule im Landschloss Orth am Traunsee (wo sie vorzüglich kochen lernte) und schließlich für mehrere Jahre im Haushalt eines Kaufhausbesitzers in Holland.

Karl Heinz Gruber als Bub: "Es ist mir etwas peinlich, es einzugestehen, aber ich war ein ,braves Kind'. Zu meinen selbstverständlichen Pflichten gehörte es, jeden Samstag alle Schuhe der Familie zu putzen." Foto: privat

Meine Eltern heirateten 1939; vom Pfarrer erhielten sie ein Neues Testament, vom Standesbeamten ein Exemplar von Hitlers Mein Kampf, das mein Vater, wenngleich er es als alter Sozi verachtete, nicht wegwarf, sondern auf dem Dachboden verwahrte, weil es auf "sehr gutem Dünndruckpapier" gedruckt war.

Meine Eltern ergänzten einander perfekt: Er war zurückhaltend, wortkarg und bedächtig, sie couragiert, extrovertiert und voller Selbstvertrauen. Als ich in späteren Jahren ein Fulbright-Stipendium zum Studium in den USA erhielt, war meine Mutter überglücklich; die erste Reaktion meines Vaters war: "Bua, das Jahr wird dir bei der Pension fehlen." Als mittleres von drei Kindern war ich in einer günstigen Position: Mir blieb sowohl die auf den erstgeborenen älteren Bruder gerichtete elterliche Besorgtheit als auch der verwöhnungsträchtige Nesthäkchen-Status meiner jüngeren Schwester erspart. Ich konnte, ermutigt durch mütterliche Erfolgszuversicht, einfach aufwachsen; man muss kein Psychoanalytiker sein, um darin die Projektion der nicht realisierten Bildungsambitionen meiner Mutter auf mich zu erkennen. Die "Lernpsychologie" meiner Mutter bestand aus drei schlichten Maximen:

1) Unsereinem wird nichts geschenkt, wir müssen uns selber anstrengen.

2) Wenn du etwas werden willst, dann lerne.

3) Gib dich nie mit dem Zweitbesten zufrieden (oder, wie es die von meiner Mutter sehr verehrte Sängerin Leontyne Price einmal elegant auf den Punkt brachte: "Why bother to be mediocre?").

Lass mich weiterschreiten

Ehe ich in der Früh zur Schule aufbrach, musste ich jahrelang täglich ein Ritual absolvieren. Meine Großmutter, die bei uns wohnte, trug hohe Schnürschuhe. Irgendwie hatte sie herausgefunden, dass die Zahl der Haken ihrer Schuhe mit dem Versmaß des folgenden Gebets übereinstimmte. Ich musste mich vor sie auf den Fußboden setzen und laut betend im Rhythmus die Schuhbänder einhaken: "Heiliger Geist, komm, zu verbreiten über mich dein Gnadenlicht. Lass mich immer weiterschreiten im Erlernen meiner Pflicht." An dieser Stelle hatte ich eine Pause zu machen, und sie probierte, ob die Schnürung nicht zu locker oder zu fest war, dann ging es weiter: "Mache mir zum Lernen Lust, hilf, dass ich in meiner Brust das Erlernte wohlbehalte und im Guten nicht erkalte." Dasselbe mit dem zweiten Schuh, dann erhielt ich einen freundlichen Klaps auf den Kopf und war entlassen.

Wenn mein Vater Frühschicht hatte, musste ich ihm in den Sommerferien um elf Uhr ein warmes Mittagessen in die Fabrik bringen. Eigentlich war ich zu jung dafür ...

Es ist mir etwas peinlich, es einzugestehen, aber ich war ein sogenanntes "braves Kind". Zu meinen selbstverständlichen Pflichten gehörte es, jeden Samstag alle Schuhe der Familie zu putzen und jeden zweiten Tag mit einer ziemlich großen Kanne ("Mülipitschn") Milch von jenem Bauern zu holen, bei dem meine Eltern zur Erntezeit Hilfsdienste leisteten, um das eine oder andere Stück Fleisch oder Geselchtes und eben die kostbare Milch zu erhalten. Wenn mein Vater Frühschicht hatte musste ich ihm in den Sommerferien um elf Uhr ein warmes Mittagessen in die Fabrik bringen. Eigentlich war ich zu jung dafür, und der Gang durch die Werkshallen voller riesiger, lauter Maschinen ängstigte mich, aber da mein Vater "Moasta" war und ich den Heiligenschein des braven Kindes trug, wurde für mich eine Ausnahme gemacht.

Geld für Holzaufschlichten

Geld gab es für uns Kinder damals nur bei zwei Anlässen: für das Neujahrwünschen und für das Holzaufschlichten. Beim Brauch, Kindern, die einem "Ein gutes neues Jahr!" wünschten, eine Münze (meistens fünf Schilling) zu schenken, kam mir die große Zahl meiner Onkeln und Tanten zugute. Die zweite Möglichkeit, sich ein paar Schilling zu verdienen, war es, mitzuhelfen, das Brennholz, das die meisten Familien in meterlangen Scheitern angeliefert bekamen und von einem ambulanten Holzschneider kurzgeschnitten wurde, zum Aufschlichten in den Keller oder an eine Hauswand zu befördern.

Und ich war ein "guter Schüler". Ich liebte die Institution Schule "an sich", und es fiel mir leicht, – siehe oben – "das Erlernte in meiner Brust wohlzubehalten". Jahrelang litt ich allerdings darunter, nicht genug zum Lesen zu haben. Mein Lesehunger war auch durch weihnachtliche Büchergeschenke, die im Freundeskreis getauschten Karl-May-Bücher und den Beitritt meiner Mutter zur Buchgemeinschaft Donauland nicht zu stillen. In meiner Not schreckte ich nicht davor zurück, mir von Freundinnen "Mädchenbücher" auszuborgen, die damals wenigstens noch nicht "pink" waren.

Zwei glückliche Umstände beendeten diese "literarische Dürre" und initiierten jenen Prozess, den Soziologen "Alienation" nennen, nämlich die Entfremdung von meiner familiären Arbeiterklassenkultur und die Annäherung an einen bildungsbürgerlichen Umgang mit Sprache, Literatur und klassischer Musik. (Im Unterschied zu Didier Eribon habe ich mich allerdings nie meiner proletarischen Herkunft geschämt, sondern war stolz darauf, "to have outsmarted the class system".)

Eine Papierfabrik braucht nicht nur ein Heer von Arbeitern, sondern auch einen Stab leitender Angestellter. Ende der 1940er-Jahre zog aus Wien eine Familie mit einem Sohn in meinem Alter zu. Der Vater trat in die kaufmännische Leitung der Fabrik ein, die Mutter war Hausfrau, aber nicht eine wie die mir vertrauten abgerackerten, waschenden, putzenden, nähenden, sondern eine "feine Dame". In dieser Familie sprach man Hochdeutsch, man hatte eine Bedienerin, man hatte ein Klavier und einen Plattenspieler mit zahlreichen klassischen Musikplatten, man hatte elegante, volle Bücherschränke, man fuhr nach Rimini auf Urlaub, man hatte vor, das Kind nach Gmunden aufs Gymnasium zu schicken, und man suchte unter den Steyrermühler Schmuddelkindern nach einem Spielgefährten für den Sohn.

Eine Art zweiter Bruder

Die "Wahl" fiel auf mich, was meine Eltern mit wohlwollender Distanziertheit zur Kenntnis nahmen. Mein Freund wurde mir eine Art zweiter Bruder, und seine Mutter behandelte mich wie einen zweiten Sohn. Zu Hause sprach ich Dialekt, in meiner "Zweitfamilie" erwarb ich einen selbstverständlichen Umgang mit Hochdeutsch. Über diese Bubenfreundschaft erschloss sich mir auch die Welt der klassischen Musik. Die nicht gerade kindgerechte Einstiegsdroge war Beethovens fünftes Klavierkonzert mit Walter Gieseking und Herbert von Karajan, das wir uns x-mal anhörten. Warum dieses Werk und nicht etwas "Leichteres" wie die Kleine Nachtmusik oder Peter und der Wolf, kann ich nicht sagen, außer dass wir es beide schön fanden. Mein Freund trat – wie alle Kinder, die in den sogenannten "Herrenhäusern" für die leitenden Angestellten wohnten – mit zehn Jahren ins Gmundner Gymnasium über, ich kam in die Laakirchner Hauptschule.

Steyrermühl um 1930.

Das größte Glück meiner gesamten Bildungskarriere war, dass ich Erich Kainzner als Englischlehrer erhielt. Schon vor dem schulischen Englischunterricht faszinierten mich die englische Sprache und die USA. Mein Heimatort lag in der amerikanischen Besatzungszone. Die US Army betrieb eine Schulküche, und die emotional ausgehungerten amerikanischen Soldaten waren sehr freundlich zu uns Kindern. Alle vierzehn Tage hielt vor dem Fabrikeingang der Bibliotheksbus des US Information Service, wo man Bücher ausborgen konnte und wo großzügig (okay, in Propagandaabsicht) alte Nummern der Saturday Evening Post verteilt wurden. Ich erbettelte und hortete einen beachtlichen, immer wieder durchgeblätterten Fundus dieser bunten Zeitschrift, deren berühmte Titelseiten des Zeichners und Malers Norman Rockwell Ikonen der "heilen Welt" der Nachkriegs-USA waren.

Erich Kainzner hatte wegen des Zweiten Weltkriegs sein Biologiestudium abbrechen müssen und war nach der Rückkehr aus der englischen Kriegsgefangenschaft Englischlehrer geworden. Ich liebte seinen anregenden und humorvollen Unterricht, bei dem er nicht nur den damals gerade modernen Schulfunk und die dazugehörigen Texthefte einsetzte, sondern uns auch viele englische und amerikanische Lieder beibrachte. Als Englischlehrer wurde Kainzner von den Amerikanern nach der Parole "How to win friends and influence people" öfter zur Fortbildung nach Salzburg eingeladen.

Hausruck statt Amerika

Er nahm von den dort aufliegenden Büchern und Materialien immer Extraexemplare für mich und einen Mitschüler mit. Diese vertrauensvolle, uns außerordentlich fordernde Zumutung, die heutzutage als "enrichment of the gifted" gelten würde, löste bei mir eine (bis heute andauernde) Begeisterung für die englische Sprache aus, die mir im Laufe meiner akademischen Karriere an den Universitäten von Oxford und Harvard sowie bei der OECD in Paris sehr zugutegekommen ist.

Am Ende meiner Hauptschulzeit empfahl Lehrer Kainzner meinen Eltern das, was damals für Unterschichtkinder vom Lande mit guten Schulleistungen die "klassische" soziale Aufstiegsoption war – den Übertritt in die zur Matura führende Lehrerbildungsanstalt. Ich fuhr mit meiner Mutter nach Linz und bestand die Aufnahmeprüfung. Die Übersiedelung in ein Linzer Schülerheim bedeutete den Abschied von meiner Kindheit und von jener Anhöhe oberhalb des Traunfalls, von der aus man an klaren Tagen – davon war ich als Bub lange überzeugt – "Amerika" sehen konnte. Bad luck: Wie sich herausstellte, sah man bloß den Hausruck. (Karl Heinz Gruber, 30.4.2017)

Karl Heinz Gruber, geb. 1942, ist Professor für Vgl. Erziehungswissenschaften im Ruhestand. Er war für Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte u. a. an den Universitäten in Oxford, Harvard oder Hiroshima. Seit 20 Jahren schreibt er immer wieder über Schule und Bildung im Standard.