Gerhard Sammer: Orchestrale Sympathie für das Seltsame

    Gespräch29. April 2017, 08:00
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    Das Tiroler Kammerorchester ist ein fulminantes Labor der komponierenden Moderne. Unzählige Uraufführungen – abseits von Stildogmen – gehen auf dessen Konto. Ensembleleiter Gerhard Sammer im Gespräch über die Notwendigkeit des Neuen

    Innsbruck – Es ist nicht lange her, da hat das Tiroler Kammerorchester das hundertste Orchesterwerk uraufgeführt und seine ehrenwerte Tätigkeit mit runder Zahl geadelt. Die Frage, was ein Komponist haben muss, um interessant zu sein, stellt sich Ensembleleiter Gerhard Sammer also öfters. "Er muss über Handwerk verfügen, er sollte ideenreich, eigenartig, mutig sein und an MusikerInnen interessiert", so der Dirigent.

    Der Tonsetzer sollte aber auch "kommunikativ und kooperativ wirken, klare Vorstellungen haben, dabei verlässlich, begeistert und offenohrig sein", formuliert der Tiroler, in dessen üppiger Aufzählung Stilkriterien bewusst fehlen. "Unsere Offenheit verbietet es uns geradezu, starre Grenzen zu akzeptieren. Die Möglichkeiten, die sich aus dieser Grundhaltung ergeben, sind unerschöpflich." Sammer belegt dies mit Fakten: "Wir wollen überrascht werden, hatten u. a. ein Konzert für ein Ensemble von Naturtrompetern, eines für Hang, eines für Jazzcombo und eines für Steirische Harmonika. Und auch die Vernetzung von KünstlerInnen mit unterschiedlichem Erfahrungshorizont erbringt spannende Ergebnisse."

    Den viel diskutierten Begriff "neu" in der Musik definiert Sammer abseits jeglicher Dogmatik: "Die kurze Antwort dazu: Das Neue kann sich in unterschiedlichster Weise zeigen und etablieren. Es kann bei der Besetzung ansetzen oder bei Parametern wie Tonalität, Rhythmik und Form. Auch der Umgang mit Räumen, die Vernetzung von Kunstsparten und die Kommunikation mit dem Publikum bieten Möglichkeiten."

    Vorausgesetzt, das Geld reicht, weiß Sammer, der auch an der Musikhochschule in Würzburg als Professor tätig ist. "Aufgrund von sehr gut besuchten Konzerten und Engagements in Westösterreich, Süddeutschland und Italien können wir etwa zwei Drittel der Einnahmen selbst erwirtschaften. Ein Drittel kommt aus öffentlicher Förderung. Natürlich ist das Geld immer knapp, vor allem im Bereich Organisation und Marketing wird gespart, auch nötigen wir den professionellen MusikerInnen viel Idealismus ab ... Wir hoffen aber, durch Qualität zu überzeugen. Vor allem bei Privatsponsoring ist die Situation schwierig. Hier würden wir uns mehr Unterstützung erhoffen."

    Aufträge an KomponistInnen bleiben jedenfalls eine Priorität, "das sind wichtige Impulse – wo keine zeitgenössische Musik gespielt wird, bräuchte es ja auch keine Komponisten. Um die Neue Musik nachhaltig zugänglich zu machen und auch Wiederaufführungen zu befördern, haben wir vor Jahren begonnen, die Werke auf Tonträger festzuhalten – in der Reihe ,Neue Kompositionen für Kammerorchester'." Dabei sei man nicht unfroh über das heimische Fördersystem (Aume, SKE, LSG und Musikfonds).

    "Glück" in der Lücke

    Da sich das Kammerorchester nicht nur an Trends der aktuellen Avantgardeszene der Neuen Musik hält, sondern auch tonal klingende Neue Musik produziert, und, so Sammer, "wir uns in Bereiche des Crossover und des Jazz wagen, ergeben sich aber auch skurrile Situationen. Bei einer unserer letzten CDs, Ma Le Fiz, fühlte sich weder die E-Musik- noch die U-Musik-Kommission für eine mögliche Förderung zuständig." Damit hätte das Ensemble gezeigt, dass der Weg in "die Lücke erfolgreich gegangen wurde", ironisiert Sammer die Tatsache, dass das alles letztlich "finanziell schmerzhaft war".

    Zur Umsetzung der Vorhaben bietet man jedenfalls diverse Liveformate an: "Wir arbeiten intensiv daran, jedem Konzertformat ein starkes Profil zu geben, das sich aber auch weiterentwickeln kann: Sakrale Musik unserer Zeit steht ganz im Zeichen von Neuer Musik im Kirchenraum. Bei ,Junge SolistInnen am Podium' präsentieren sich in einer internationalen Zusammenarbeit junge herausragende MusikerInnen aus verschiedenen Lebensphasen."

    Natürlich wären da auch die Neujahrskonzerte. Und natürlich vergibt das Ensemble weiterhin Kompositionsaufträge sowohl an etablierte wie auch an junge KomponistInnen. Zudem gibt es die Matinee (Congress Innsbruck am 20., 21. Mai), die sich der Klassik und Romantik widmen. "In ORF-Kooperation werden dann bei ,Klangsprachen' zeitgenössische Musik und Literatur eng aufeinander verschränkt", so Sammer, der Ende Juni schließlich mit den Seinen speziell hoch hinaus will. "Es gibt erstmals ein Open-Air-Konzert, mit Klassik vor der Kulisse der Nordkette – hoch über Innsbruck." (Ljubiša Tošić, 29.4.2017)

    • Die Absicht von Gerhard Sammer, Dirigent und Leiter des Tiroler Kammerorchesters, ist klar: Es geht darum, die vielen bunten Gesichter der komponierten  Moderne offenzulegen.
      foto: irene rabeder

      Die Absicht von Gerhard Sammer, Dirigent und Leiter des Tiroler Kammerorchesters, ist klar: Es geht darum, die vielen bunten Gesichter der komponierten Moderne offenzulegen.

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