Im Zillertal ist die Gesamtschule eine "logische Sache"

29. April 2017, 10:00
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Seit zwei Jahren probt Tirol in der Modellregion Zillertal die gemeinsame Schule aller Zehn- bis 14-jährigen. Die Tiroler VP steht als Motor hinter dem Projekt, was auf Bundesebene wenig Anklang findet.

Mayrhofen – Am Freitag trafen sich im Europahaus in Mayrhofen Unternehmer, Politiker, Vertreter von Vereinen und Verbänden, Lehrer sowie Schüler, um nach zwei Jahren Modellregion Bilanz zu ziehen. Zugleich galt es, für den weiteren Kurs gemeinsam Impulse zu erarbeiten. Die Schule muss sich nach außen öffnen, sagt Bildungslandesrätin Beate Palfrader (ÖVP): "Dazu muss die ganze Region miteinbezogen werden."

Palfrader und Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) haben 2014 die Modellregion Bildung im Zillertal ermöglicht. Es ist ein Probelauf für eine Gesamtschule. Doch dieses Reizwort will man vermeiden und spricht vom "Ausloten prototypischer Gelingensbedingungen für eine chancengerechte Optimierung individueller Bildungswege". Platter stellte sich damit demonstrativ gegen den Kurs seiner Bundespartei, die Gesamtschulen dezidiert ablehnt. Das Vorhaben wurde von Beginn kritisch betrachtet. Es sei keine echte Modellregion, weil es im Zillertal kein Unterstufengymnasium gibt, lautet der Hauptkritikpunkt.

Ängste und Verunsicherungen abbauen

Es sind die sieben Neuen Mittelschulen (NMS) des Tales, die Teil der Modellregion sind. Das nächste Gymnasium ist in Schwaz. Für die meisten Talbewohner zu weit, um ihre Kinder dorthin zu schicken. Nur 22 Viertklässler waren es nach dem Schuljahr 2015/2016.

Das Fehlen einer Unterstufe schmälere den Wert der Modellregion nicht. Vielmehr mangele es an gesetzlichen Möglichkeiten, "echte Modellregionen" umzusetzen, beklagt Palfrader. Umso wichtiger sei es, mit Projekten wie im Zillertal, Ängste und Verunsicherungen hinsichtlich des gemeinsamen Unterrichts von Zehn- bis 14-Jährigen abzubauen.

Auch der Bürgermeister von Zell am Ziller, Robert Pramstrahler (ÖVP), ist überzeugter Fürsprecher: "Die Gesamtschule ist für uns eine logische Geschichte." Schließlich sei Lernen nichts Statisches, sondern Schule müsse sich weiterentwicklen. Nationalrat Hermann Gahr (ÖVP) ist wiederum auf Linie der Bundespartei: "Nein, das ist kein Modell einer Gesamtschule. Es geht bei diesem Versuch um das Kennenlernen von Bedürfnissen und Anforderungen."

Grüne loben Mut der ÖVP

Hermann Weratschnig, Landtagsabgeordneter der Grünen, spricht von einem "zarten Pflänzchen mit Vorzeigecharakter". Der Koalitionspartner ÖVP habe in Tirol Mut bewiesen, indem er sich für die Modellregion starkmachte. Weratschnig hätte in Innsbruck ebenfalls gerne eine solche, unter Einbeziehung von AHS-Unterstufen: "Die Bildungsreform sollte das ermöglichen. Dazu müsste die 15-Prozent-Grenze fallen." Derzeit ist geplant, pro Bundesland nur 15 Prozent Modellregionen zur Gesamtschule zu erlauben.

Bildungslandesrätin Palfrader will den Diskurs "entideologisieren" und verzichtet auf Reizworte wie Gesamtschule. Sie lässt aber keinen Zweifel daran, dass sie den gemeinsamen Unterricht für den einzig richtigen Weg hält: "Bildung ist immer noch vererbbar. Dagegen müssen wir etwas tun."

Die Modellregion Zillertal wird im Herbst 2018 um ein Oberstufengymnasium in Zell erweitert. Dann steht neben den Tourismusschulen eine weitere Option, Matura zu machen, im Tal bereit.

Vertreter aus Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft trafen sich am Freitag in Mayrhofen, um die Modellregion Zillertal weiterzuentwickeln. (Steffen Arora, 29.4.2017)

  • Vertreter aus Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft trafen sich am Freitag in Mayrhofen, um die Modellregion Zillertal weiterzuentwickeln.
    foto: modellregion bildung zillertal

    Vertreter aus Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft trafen sich am Freitag in Mayrhofen, um die Modellregion Zillertal weiterzuentwickeln.

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