Privaten Flüchtlingshelfern geht der Atem aus

30. April 2017, 17:00
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Vor eineinhalb Jahren engagierten sich Tausende in der Hilfe für Flüchtlinge. Nun sind die Ehrenamtlichen in den Mühen der Ebene angekommen: eine Bestandsaufnahme

Wien – Die Frau am Telefon* holt tief Luft: "Abgehauen sind sie, schwarz über die Grenze", sagt sie. Die syrische Familie sei jetzt in einem Nachbarstaat. "Und ich stehe da mit den Unterstützungsunterschriften und mit der verschlossenen Wohnung."

Zwei Jahre lang hätten sie und andere Bürger der Kleinstadt in Österreich – ehrenamtliche Helfer – die Eltern und zwei Kinder unterstützt, ihnen Deutschstunden gegeben, sie bei Behördengängen begleitet, Wohnung und Möbel organisiert. Die ältere Tochter habe gute Chancen gehabt, in ein paar Jahren zu maturieren: "Und jetzt hat der Vater die Nerven weggeworfen."

Abgetaucht trotz Bleibechance

Er habe gefürchtet, eine Rückschiebung laut EU-Dublin-Verordnung in ein als wenig wirtlich bekanntes anderes Unionsland nicht zu überleben: "Er ist herzkrank." Dabei sei dem Einspruch gegen den Bescheid dieser Tage aufschiebende Wirkung erteilt worden: Die Familie hätte fürs Erste bleiben können.

Zornig auf die vier Syrer sei sie nun, sagt die Unterstützerin. Und "sehr traurig" wegen des brüsken Endes der Bekanntschaft. Mit diesem Frust steht sie keineswegs allein da. Zwar ist das Abtauchen einer ganzen Flüchtlingsfamilie eine extreme Reaktion. Doch eineinhalb Jahre nach dem Höhepunkt der großen Fluchtbewegung, die viele Bürger als Helfer – und viele andere als Asylwerbergegner – mobilisierte, hadern viele Helfer mit den realen sowie den verbalen Härten der betriebenen Flüchtlingspolitik; vor allem Ehrenamtliche, die sich neben dem Job in ihrer Freizeit engagieren.

Rein zwischenmenschliches Engagement

Die Ehrenamtlichen seien eingesprungen, als sich Ende 2015 die Überlastung staatlicher Strukturen durch die vielen Ankommenden gezeigt habe. Ihr Engagement sei privat und zwischenmenschlich, vom Ausspeisung-Organisieren am Wiener Westbahnhof bis zum Unterkunft-Suchen und Unterstützen einzelner Flüchtlinge, erläutert Alexandra Wimmer von Sinnvoll Helfen, einer auf Facebook aktiven Wiener Initiative mit dem Ziel, ehrenamtliche Flüchtlingshelfer in Österreich zu vernetzen. Allein in Wien gebe es rund 100 Gruppen, sagt sie.

Den wenigsten Helfern sei bewusst gewesen, dass ihr Engagement "auch eine politische Handlung ist". Mitzuerleben, wie Bemühungen letztlich verpuffen, weil erzielte Integrationsleistungen von Asylwerbern in den meisten Fällen kein Argument gegen Abschiebungen darstellen, treffe viele hart.

"Absolut wertvolle" Arbeit

"Unsere Arbeit ist absolut wertvoll", hält dem Gerhard Fallent entgegen. Damit meint der Obmann der Ehrenamtlichengruppe Willkommen Mensch, die in Groß Gerungs im Waldviertel 50 Asylwerber betreut, vor allem das friedliche Zusammenleben Einheimischer mit Flüchtlingen. Angesichts eines Bürgermeisters, der diese Aktivitäten "nur duldet", sowie von "Flüchtlingsgegnern, die lauter, wenn auch nicht unbedingt zahlreicher als die Befürworter sind", sei das "eine Erfolgsgeschichte".

"Was wir erreicht haben ist, dass sich die Sicherheitslage im Betreuungsgebiet nicht verändert hat", sagt Fallent. Den betreuten Syrern, Irakern, Afghanen und Mongolen bieten die rund 50 Helfer Deutschkurse, Begegnungsveranstaltungen, Fahrten zu Ärzten und zu Behörden an. Sowie – nach positiven Bescheiden und, damit einhergehend, Auszug aus der Grundversorgung – "private Überbrückungskredite, um eine Wohnung mieten zu können. Ohne zusätzliche Hilfe kann sich das kein Flüchtling leisten."

Auch den Ehrenamtlichen werde nichts geschenkt, sagt Fallent. "Jeder Zeuge vor Gericht" bekomme seine Fahrtspesen zurückerstattet. "Aber wenn wir Flüchtlinge zu Asyleinvernahmen nach Traiskirchen führen, weil sie bei Benutzen der öffentlichen Verkehrsmittel in Wien übernachten müssten, was sie sich nicht leisten können, bleiben wir auf den Benzinkosten sitzen." Manchmal befürchte er, dass der Initiative der Atem ausgehen könne, sagt der Obmann.

"Uberisierung" der Hilfe

Das sei manchen Politikern und Behörden vielleicht gar nicht unrecht, meint dazu der professionelle Flüchtlingshelfer Kilian Kleinschmidt. So nützlich derlei zivilgesellschaftliches Engagement für staatliche Stellen auch sei – "bewusst oder unbewusst" sei es dort auch unerwünscht.

Denn immerhin hätten sich im Herbst 2015 "tausende Menschen binnen weniger Wochen völlig selbstständig engagiert", zu einem gesellschaftlich höchst kontroversen Thema und ohne um Erlaubnis zu fragen. Die sozialen Medien machten derlei möglich. "Dass diese Uberisierung der Flüchtlingshilfe Politikern und offiziellen Stellen Angst machte, kann ich mir gut vorstellen", sagt Kleinschmidt, der als hauptberuflicher Helfer auch mit den Schattenseiten dieser Arbeit konfrontiert war.

Rigide und religiös

Jeder Helfer helfe auch sich selbst, betont Kleinschmidt. An einer solchen Aufgabe könne man scheitern – oder wachsen. Letzteres bestätigt eine 52-jährige Wienerin*, die im Rahmen der Patenschaftsaktion für junge Flüchtlinge, Connecting People, seit November 2015 einen jetzt 22-jährigen Afghanen betreut. Rigide und religiös sei dieser, schildert sie. Aufgrund seiner Furcht, in einer Speise könne trotz gegenteiliger Beteuerungen Schweinefleisch sein, sei etwa gemeinsames Essengehen unmöglich.

Vergangenen Dezember hatte sich der Kontakt verdünnt. Da habe sie eine SMS erhalten: "Mein Schützling schrieb: 'Ich vermisse dich.' Das hat mich gerührt." (Irene Brickner, 30.4.2017)

*Name der Redaktion bekannt

  • Ehrenamtliche Helfer verteilen Anfang September 2015 am Wiener Westbahnhof Essen an neu angekommene Flüchtlinge. Tausende Bürgerinnen und Bürger mobilisierten sich damals auf eigene Initiative hin binnen weniger Wochen: für Behörden und Staatsvertreter laut Experten ein zweischneidiges Schwert.
    foto: apa/zak

    Ehrenamtliche Helfer verteilen Anfang September 2015 am Wiener Westbahnhof Essen an neu angekommene Flüchtlinge. Tausende Bürgerinnen und Bürger mobilisierten sich damals auf eigene Initiative hin binnen weniger Wochen: für Behörden und Staatsvertreter laut Experten ein zweischneidiges Schwert.

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